Smartphones als Unfallursache bald bedeutsamer als Alkohol

Unfallforscher schlagen Alarm. Durch den neuen Handy-Paragrafen wird die Beweislage für die Polizei eher noch schwieriger.

Dresden.

Immer mehr Verkehrsunfälle geschehen wegen Ablenkung durch Mobiltelefone oder andere elektronische Geräte. Das haben Unfallforscher aus Dresden und Hannover ermittelt. Seit 20 Jahren befassen sich die Wissenschaftlerteams aus Niedersachsen und Sachsen mit dem Thema. Am Donnerstag zogen sie in Dresden Bilanz.

Man erhebe intensiv "menschliche Faktoren" und "verkehrspsychologische Aspekte" von Unfällen, betonte Henrik Liers, Geschäftsführer der Verkehrsunfallforschung an der Technischen Universität in Dresden. Etwa 95 Prozent aller Unfälle würden von menschlichem Fehlverhalten begünstigt oder verursacht. Die Rolle von Alkohol war dabei in den vergangenen Jahren rückläufig. 1999 gingen bundesweit noch 14,3 Prozent aller Verkehrstoten aufs Konto von Alkoholunfällen. 2018 waren es nur noch 7,5 Prozent.

Handyverbotsverstöße seien schwerer greifbar, sagt Liers. Betroffene brächten oft Schutzbehauptungen vor. "Keiner gibt gern zu, dass er gerade mit dem Handy beschäftigt war, als der Unfall passierte", so Liers. Laut Sachsens Polizeistatistik war mehr als jeder 19. Verkehrsregelverstoß 2018 aber einer gegen das Handyverbot am Steuer. 8534-mal wurden Fahrer am Handy erwischt, insgesamt wurden im Freistaat 163.088 Verkehrsdelikte registriert.

"Und nur wenn die das Handy ans Ohr halten, ist die Beweislage einfach. Das sieht man", deutet Siegfried Brockmann zur Dunkelziffer an. Er leitet beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Unfallforschung. Mit der Erneuerung des Handy-Paragrafen in der Straßenverkehrsordnung sei die Beweislage für die Polizei "noch schwieriger geworden". Nach aktuellem Recht ist es okay, das Handy zu nutzen, wenn dieses in der Halterung im Auto steckt und ein nur kurzes Abwenden des Blicks von der Fahrbahn zum Bedienen nötig ist. "Wie soll man das kontrollieren?", fragt Brockmann. Das Ganze sei praktisch nicht mehr zu ahnden.

Es sei denn, es passiert ein Unfall mit so schweren Folgen, dass das Handy des Fahrers sichergestellt werden kann, um Verbindungsdaten auszulesen. Beim Verdacht fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung ist das möglich, wenn zugleich nahe liegt, das Handy könne etwas damit zu tun haben. "In Nordrhein-Westfalen ist die Polizei zu dieser Beweissicherung dann sogar per Gesetz angehalten", sagt Brockmann.

Die größte Gefahr beim Smartphone gehe gar nicht vom Telefonieren aus, sondern vom Schreiben von Kurznachrichten. Die erhöhten Bußgelder sieht der Versicherungsexperte nicht als Lösung. "Wegen geringer Entdeckungswahrscheinlichkeit lässt sich davon kaum jemand beeindrucken." Zwar sei der Idealzustand, dass man sich am Steuer voll aufs Fahren konzentriere, doch angesichts heranwachsender "Digital Natives", für die das Smartphone unentbehrlich sei, rät Brockmann zur "zweitbesten Lösung". "Es wäre gut, wenn das System ins Fahrzeug eingebunden ist" - mit Vorrichtungen, die Nachrichten einsprechen oder vorlesen lassen. "Es gibt neue Fahrzeuge, die haben das schon. Das Problem ist nur, dass jüngere Fahrer, denen das Smartphone umso wichtiger ist, meist ältere Autos fahren", so Brockmann.

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