Traumjob: Schlafkünstler erhält Kulturpreis

Eine Pariser Galerie in der Nähe der Brücke Pont-Neuf: draußen Dunkelheit, Schnee fällt, Gruselwetter. In dieser Rue Dauphin war es, wo der Nobelpreisträger Pierre Curie, der da wohl nicht ganz wach war, von einer Droschke überrollt und vom Leben zum Tode befördert wurde.

Hier also liegt Virgile Novarina im Galerie-Schaufenster auf einer Matratze und schläft. Manchmal schreckt er auf, nimmt dösend Stift und Papier, die griffbereit liegen, und schreibt Sätze nieder wie diesen: "Für eine heruntergeladene Frau sind sie wohlwollend. Stille." Sätze, denen irgendwie die Klarheit des Gedankens fehlt. Passanten staunen, ein Bus schleicht vorbei, und eine eilige Frau fragt: "Ist der echt oder falsch?" Ein Mann namens Alexandre meint, der Schläfer im Schaufenster sei "originell, wohltuend" und "erfreulich". Später sieht man, wie Alexandre selbst am Rande eines Gehsteigs ruht, kein Künstler, er ist obdachlos. Der Dokumentarfilmer Jean Seban, der Novarina beim Schlafen filmt, fängt auch Alexandre in ein paar Bildern ein.

Sebans Kurzfilm "Virgile schläft" wurde auf Kurzfilmfestivals in der ganzen Welt gezeigt und hat Novarina ein bisschen bekannter gemacht. Gestern erhielt der Schläfer den mit 7500 Euro dotierten Paula-Modersohn-Becker-Kulturpreis des Landkreises Osterholz in Worpswede bei Bremen. Novarina habe den Schlaf als "unbekannte Lebenszeit" mit Konsequenz erforscht und sich seinem Tun dabei "bedingungslos" gewidmet, lobte die Jury. Der Franzose unterstrich das, indem er schlafend seinen Preis entgegennahm.

Virgile Novarina ist 40 und lebt in einem 100-Seelen-Kaff in der Normandie. Er hat Mathematik an einer Pariser Uni studiert, die sonst eher Peugeot-Manager und Rugbystars hervorbringt. Unentscheidbar, welche dieser Lebenserfahrungen Novarina die Augen für seine Schlafkunst geöffnet - oder aber ihn so ernsthaft ermüdet hat.

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