Wo der Papst regiert: Kirchenstaat ist kleinstes Land

Mehr als 1000 Jahre gab es den Kirchenstaat als Herrschaftsbereich des Papstes. Vor 150 Jahren wurde das Gebiet dem Königreich Italien angegliedert. Seither gilt die Vatikanstadt in Rom als Nachfolgeterritorium.

Pippin (Vater von Karl dem Großen) versprach als Gegenleistung für die Anerkennung der Karolinger als Königsgeschlecht durch die Kirche, den Nachfolgern Petri die von den Langobarden zurückeroberten Gebiete zu übereignen. Dazu gehörten das Dukat Rom, das Exarchat Ravenna, die Toskana, Tuszien, Venetien, Istrien, später kamen noch zwei süditalienische Exklaven hinzu. Die Schenkungsurkunde existiert nicht mehr, und deshalb ist auch ihr genauer Inhalt unbekannt, was immer wieder Anlass für Kontroversen bot.

Bereits im vierten Jahrhundert war der Grundbesitz der römischen Kirche durch zahlreiche Schenkungen stetig angewachsen und hatte den Bischof von Rom in der Folgezeit zum größten Grundbesitzer in Italien gemacht.

"Mit der Etablierung des Kirchenstaates konnte sich die römische Kirche aus der Abhängigkeit vom oströmischen Konstantinopel lösen", stellt Ralph Rotte, Professor am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen, in einem Aufsatz zur "Außen- und Friedenspolitik des Heiligen Stuhls" fest.

Unter Berufung auf eine angebliche Urkunde Kaiser Konstantins aus dem Jahr 315 n. Chr., die aber erst im Jahr 800 angefertigt worden war (die sogenannte Konstantinische Schenkung), erhob die Kirche auch Anspruch auf eine weltliche Herrschaft. Obwohl der Text im 15. Jahrhundert von dem italienischen Humanisten Lorenzo Valla und dem deutschen Theologen Nikolaus von Kues eindeutig als eine Fälschung entlarvt wurde, bildete diese "fromme Lüge" weiterhin die Grundlage für den päpstlichen Herrschaftsanspruch.

Unter Papst Julius II. erlangte der Kirchenstaat zu Beginn des 16. Jahrhunderts seine größte Macht und Ausdehnung. Martin Luther kritisierte den Kirchenmann allerdings als "Blutsäufer". Die Päpste waren geistliche Führer und darüber hinaus ach Territorialherrscher. Sie unterhielten Heere, führten Kriege, intrigierten und ließen gegebenenfalls auch Widersacher beseitigen. Schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts sank jedoch die Bedeutung des Kirchenstaates, und er war von dieser Zeit an von anderen Großmächten abhängig.

Während der Französischen Revolution ab den 1780er Jahren trat eine "Entchristianisierung" an die Stelle der abgeschafften, katholischen Staatskirche. Den Glauben an Gott ersetzten die Revolutionäre durch einen Geist der Vernunft und Aufklärung. Katholiken mussten ihre Messen mitunter heimlich auf See abhalten. Zwischen 1809 und 1815 wurde der Kirchenstaat nach geltendem Recht aufgelöst und an Frankreich angegliedert. Erst nach dem Sturz Napoleons wurde Europa auf dem Wiener Kongress im Sinne der Restauration schließlich neu geordnet und der Kirchenstaat wiederhergestellt.

Die vom Königtum Sardinien/Piemont ausgehende, italienische Nationalbewegung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts immer einflussreicher. Mit Ausnahme des unter österreichischer Herrschaft stehenden Nordostens sowie des Kirchenstaates war Italien nahezu vereinigt. Französische Truppen sicherten lange den Bestand, doch 1870 war Frankreich durch den Krieg gegen Preußen stark geschwächt, und die wenigen Soldaten des Papstes konnten sich ohne fremde Hilfe nicht behaupten.

"Als Landesherren hatten sich die Kirchenführer am Ende als unfähig erwiesen. Ihre Verwaltung war willkürlich, korrupt und rückständig. Dem Einheitsstreben der Italiener hatten sie nichts entgegenzusetzen", schreibt der Historiker Bernd Rill in seinem 2012 erschienenen Buch "Die Geschichte des Kirchenstaates". Die Eroberung Roms durch die Truppen von General Raffaele Cadorna und dem Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi im September 1870 war schließlich der letzte Akt der Vereinigung Italiens, die dann durch eine Volksabstimmung auch im Ex-Kirchenstaat formell bestätigt wurde. Rom wurde am 1. Juli 1871 zur Hauptstadt und Viktor Emanuel II. (seinem offiziellen Titel nach) "durch göttliche Vorsehung und das Votum der Nation König von Italien".

60 Jahre lang blieb die sogenannte "Römische Frage" ohne eine abschließende Regelung. Erst am 11. Februar 1929 schlossen der nunmehr faschistische italienische Staat unter Diktator Benito Mussolini und der Heilige Stuhl einen Kompromiss. In den Lateranverträgen wurde das Gebiet der Vatikanstadt schließlich als eigenständiges Territorium anerkannt. Der Papst ist heute der letzte absolute Regent Europas. Mit seinem mächtigen Vorgänger hat der Vatikanstaat aber nur noch wenig gemeinsam. Auf einer Gesamtfläche von 0,44 Quadratkilometern leben lediglich rund 800 Einwohner. Dieser Kirchenstaat ist mittlerweile das kleinste Land der Erde.

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