Zwei Unwörter des Jahres: Doppelter Unfug

Was Politik und Gesellschaft so alles an sprachlichen Stilblüten einfällt

Das Schlechte in der Welt bringt viel Unsägliches hervor. Erstmals sind daher gleich zwei Begriffe zum "Unwort des Jahres" gekürt worden: "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften" sind die unangemessensten Wörter des "Kackjahres" 2020. Meint zumindest die Jury der sprachkritischen Aktion in Darmstadt. Beide Wörter schaffen übrigens eine skurril anmutende Verbindung von bösen Diktatoren und guten Patenonkeln.

"Corona-Diktatur" sei seit Beginn des öffentlichen Diskurses in der Pandemie von selbst ernannten "Querdenkern" und rechten Propagandisten gebraucht worden, um regierungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung zu diskreditieren, urteilte die Jury. "Er verharmlost Diktatoren und verhöhnt die Menschen, die sich dort gegen die Regime wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssen", sagte Nina Janich, Sprecherin der Jury.

Hierzulande wird schon das Tragen eines "Stofflappens" im Gesicht und das Verbot des Glühweinausschanks als unerträglich erfunden. Als Diktatur eben. Das Corona-Management von Bund und Ländern mag seine Schwächen haben - der Begriff aber ist Schwachsinn.

Ebenso das Wort "Rückführungspatenschaften". Selten hat die Politik ein so verharmlosenden Begriff kreiert. So sei im September 2020 von der EU-Kommission ein neuer Mechanismus der Migrationspolitik bezeichnet worden, erläuterte die Jury. Die EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sollten ihrer "Solidarität" dadurch gerecht werden, dass sie die Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber übernehmen.

Zynischer geht es kaum: Rückführung klingt besser als Abschiebung - auch wenn der "Rückgeführte" gar nicht will. Der Begriff suggeriert eine gute menschliche Tat, in Wahrheit beschreibt er nur das Versagen der EU. Kein guter Onkel, keine gute Tante und auch kein mächtiger Pate wird über die "Rückgeführten" wachen. Abgeschoben und vergessen - so viel ist sicher. Die Darmstädter Jury wacht hingegen seit 1991 über Unsägliches. Die Auswahl wird in den nächsten Jahren sicher nicht kleiner. mit dpa Stephan Lorenz

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