Die elektrischen Tretroller kommen

Ab Ende Mai sollen E-Scooter im Straßenverkehr erlaubt sein. Die neuen Vehikel sind nicht unumstritten. Ein Test.

Der erste Eindruck: ganz schön dick, dieses Ding. Vorsichtig hieve ich den 21 Kilo schweren Roller aus der Transportbox. Mit einem Tretroller, wie ihn meine Kinder fahren, hat der X2City aber allenfalls die grobe Form gemein. Unterm Trittbrett steckt ein Akku, der damit erzeugte Strom treibt einen Elektromotor am Hinterrad an. Damit soll der Roller bis zu 20 km/h schnell werden.

E-Scootern wie dem X2City, den BMW in Kooperation mit der Firma Kettler verkauft, wird ein Boom prophezeit. Denn die Bundesregierung will Autos von den Innenstädten fernhalten und stattdessen Mikromobilität stärken. Damit sind Fortbewegungsmittel gemeint, mit denen Pendler das letzte Stück von der Bus- oder Bahnhaltestelle zur Arbeit oder nach Hause fahren. In diese Kategorie gehören E-Tretroller ebenso wie elektrische Skate- oder Hoverboards und motorisierte Einräder. Noch sind diese Vehikel im Straßenverkehr verboten. Doch das soll sich ändern. Laut einer Verordnung, die der zuständige Minister Andreas Scheuer (CSU) kürzlich unterzeichnet hat, dürfen zumindest elektrische Tretroller voraussichtlich ab Ende Mai legal bewegt werden. Manche nur auf Gehwegen, andere auf Radwegen und Straßen.

Den X2City könnte ich dank Ausnahmegenehmigung des Kraftfahrtbundesamts schon jetzt versichern und fahren. Doch mein Testroller ist ohne Klebekennzeichen geliefert worden. Die Optionen für Proberunden bleiben also beschränkt. "Nicht im öffentlichen Verkehrsraum bewegen", hat mir der Kettler-Mitarbeiter eingeschärft. Okay, fahre ich eben erst mal auf privaten Parkplätzen. Mit wenigen Handgriffen lässt sich der E-Scooter in fahrbereiten Zustand bringen. Rechts an der Lenkstange sitzt ein Bordcomputer. Ein Tastendruck weckt das System und zeigt den Ladezustand der Batterie: nahezu voll. Ich bin froh, nicht erst durch 86 Seiten Bedienungsanleitung blättern zu müssen.

Jetzt gilt es, die Fuhre zum Fahren zu kriegen. Dafür muss ich mich abstoßen und mit Muskelkraft auf mindestens sechs km/h beschleunigen. Sobald ich mit beiden Beinen auf dem Trittbrett stehe, stelle ich eine Ferse aufs Pedal am hinteren Rand des Trittbretts. Voilà! Wie von einem unsichtbaren Gummiband gezogen, zieht der Roller an und hält schließlich das Tempo. Jeder Pedalhub erhöht die Geschwindigkeit um zwei Stundenkilometer. Eine Balkenanzeige im Display zeigt mir, in welcher Fahrstufe ich mich befinde. Jetzt muss ich mich nur darauf konzentrieren, beim Herumkurven nicht mit einem Bordstein oder mit parkenden Autos zu kollidieren. Sobald ich den Fuß vom Pedal hebe, rollt der X2City aus. Gebremst wird mit zwei Scheibenbremsen, deren Kraft sich gut dosieren lässt.

Ich werde mutiger und versuche, mit Maximaltempo ein paar enge Kurvenradien zu fahren. Die fetten 16-Zoll-Reifen quietschen laut, rutschen aber nicht weg. Doch es gibt ein anderes Problem: Das tief liegende Trittbrett ist so breit, dass ich mir nicht viel Schräglage zutraue. Gut möglich, dass mancher Anfänger die Wendigkeit des Rollers überschätzt. Mit 18 oder 20 km/h durch eine überfüllte Fußgängerzone zu cruisen, wäre wohl keine gute Idee. Die E-Scooter-Verordnung verbietet es ohnehin. Der X2City muss auf Radwegen und - sofern nicht vorhanden - Straßen bewegt werden. Mit langsameren Rollern darf man dagegen auch auf Gehwege.

Fachleute befürchten, der Siegeszug der E-Scooter bedrohe die Fußgänger. Bei Kollisionen mit Tempo 20 gebe es schwere Verletzungen, warnt Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Versichererverband GDV. Sein Standpunkt: "Elektroroller sind Kraftfahrzeuge. Die haben auf Bürgersteigen nichts zu suchen." Noch kritischer sieht Brockmann Einräder oder andere Vehikel ohne Lenkstange, die lediglich durch Gewichtsverlagerung gesteuert werden. Dabei sind gerade Mono-Wheels wegen ihrer kompakten Bauweise praktisch. Bei Bedarf kann man sie wie eine Tasche tragen.

Diese Handlichkeit kann mein Roller nicht bieten. Den Lenker einklappen und das Ding mehrere Treppen hoch ins Büro tragen? Lieber nicht. Auch der Preis schreckt ab: Knapp 2400 Euro verlangt BMW für den X2City. Immerhin übernehmen die Bayern für die ersten 2000 Käufer ein Jahr lang die Kosten für die Haftpflichtversicherung.

Fazit: Nach 13 gefahrenen Kilometern - mehr gab der Ladestand des Akkus zunächst nicht her - lässt sich so viel sagen: Dieses dicke Ding macht Spaß, vor allem beim flotten Cruisen. Doch das Trittbrett liegt gefährlich tief. An einer abgesenkten Bordsteinkante gab es Bodenkontakt, was einen Kratzer am Rahmen hinterließ. Ansonsten lässt sich der E-Scooter leicht bedienen und wirkt gut verarbeitet. Länge und Gewicht schränken die Alltagstauglichkeit ein. Die versprochene Reichweite von 20 bis 30 Kilometern pro Akkuladung dürfte machbar sein. Leider liegt der Preis des Rollers jenseits der Schmerzgrenze.

Elektromobilität mal anders

Ein Rad
Mit 800 Watt Maximalleistung beschleunigt das Inmotion V8 auf Tempo 30. Doch das Fahren mit dem 16 Zoll (rund 41 Zentimeter) großen Einrad will gelernt sein. Als Reichweite gibt der Hersteller eine Distanz zwischen 40 bis 50 Kilometern an.
Preis: 1060 Euro

Drei Räder
Das Trikke Pon-e ist ein dreirädriges, bis zu 25 km/h schnelles Gelenkfahrzeug, das mittels Lithium-Ionen-Akku bis zu 40 Kilometer weit fahren kann. Ungewöhnlich ist die Art der Fortbewegung: Man steht auf dem Gefährt und schwingt sich von Seite zu Seite. "Skifahren auf der Straße" bewirbt da. Preis: ab ca. 2000 Euro

Vier Räder
Skateboards werden elektrifiziert: Das Evolve Bamboo GTX Street schafft je nach Rollengröße bis zu 43 km/h und taugt auch für Holperstrecken. Ein 85 Kilo schwerer Fahrer soll - je nach Terrain - bis zu 30 Kilometer mit einer Akkuladung kommen.
Preis: ca. 1760 Euro

Zwei Räder
Wer schon mal Segway gefahren ist, sollte auch den Ninebot Elite + beherrschen. Je nachdem, wohin man sein Gewicht verlagert, beschleunigt, bremst oder lenkt man. Das Vehikel mit den Zwölf-Zoll-Rädern wird maximal 20 km/h schnell. Ladezeit für den Akku: drei bis fünf Stunden.
Preis: 2350 Euro

Die Rechtslage

Wo darf ich mit meinem E-Scooter fahren?

Das hängt von der bauartbedingten Maximalgeschwindigkeit ab. Wenn der E-Scooter zwölf Stundenkilometer oder mehr erreicht, müsse sich der Fahrer normalerweise auf Radwegen bewegen, erklärt Harald Büring vom Portal Juraforum. Gebe es keinen Radweg, dürfe man innerorts auch auf der Straße fahren. Auch gemeinsame Geh- und Radwege können demnach für schnellere E-Scooter freigegeben werden. Modelle, die langsamer als zwölf km/h fahren, sind erlaubt auf Fußwegen, gemeinsamen Geh- und Radwegen und in Fußgängerzonen. Außerorts dürfen diese Scooter auf Radwegen und Seitenstreifen fahren, wenn weder Fußwege noch ein gemeinsamer Geh- und Radweg existiert.

Brauche ich für den E-Scooter Führerschein und Helm?

Die finale Fassung der E-Scooter-Verordnung (s. Link) sieht weder Helm- noch Führerscheinpflicht vor. In älteren Entwürfen des Regelwerks war noch vom Mofaführerschein als Voraussetzung die Rede gewesen. Allerdings sind Altersgrenzen definiert. Ist der Roller schneller als zwölf km/h, muss dessen Fahrer mindestens 14 Jahre alt sein. Langsamere Modelle dürfen ab zwölf gefahren werden.

Muss ich eine Versicherung für den E-Scooter abschließen?

Ja, denn es handelt sich aus Sicht des Gesetzgebers um ein Kraftfahrzeug. Also muss jeder Halter eine spezielle Haftpflichtversicherung abschließen. Für den X2City von BMW existiert bereits eine Police, sie läuft bei der Zurich Versicherung und kostet 35,70 Euro im ersten Jahr. Zusätzlich gibt es eine Kasko, die unter anderem nach einem Diebstahl zahlt. Das bietet die Zurich an (53,55 Euro pro Jahr, 150 Euro Selbstbehalt im Schadensfall).

Welche Strafen drohen beim Fahren ohne Versicherung?

Wer ohne gültige Kfz-Haftpflichtversicherung erwischt wird, begehe eine Straftat, die mit einer Geld- oder sogar Freiheitsstrafe geahndet werden könne, sagt Harald Büring. Darüber hinaus bestehe bei fahrlässig verursachten Unfällen mit Verletzten die Gefahr, mit Schadensersatz- und Schmerzensgeldforderungen konfrontiert zu werden.

Ist es besser, mit dem Kauf des E-Scooters noch zu warten?

Manche Experten raten in der Tat, zumindest noch so lange zu warten, bis die Elektrokleinstfahrzeugeverordnung in Kraft getreten ist. Eine weitere Option wäre, nach diesem Stichtag erst einmal einen elektrischen Tretroller zu leihen, um dessen Alltagstauglichkeit auszuprobieren. Inzwischen stehen diverse Unternehmen in den Startlöchern, die den E-Scooter-Verleih zum Geschäftsmodell erkoren haben. Wann eine Ausnahmeverordnung kommt, die auch die Nutzung von Elektroskateboards, motorisierten Einrädern oder anderen Vehikeln ohne Lenkstange regelt, lässt sich momentan noch nicht sagen. rnw/are www.freiepresse.de/escooter

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
3Kommentare
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  • 2
    5
    CPärchen
    16.03.2019

    @121278: ich schätze Sie sind älteren Baujahres. Nicht 2019, aber im kommenden Jahrzehnt werden Sie sie immer häufiger sehen. In Texas gibt es Städte, wo deren Nutzung quasi explodierte. Warum in die Stadt reinlaufen oder Geld für den Bus ausgeben, wenn es damit leicht und individuell klappt. Die ersten Modelle sind sehr teuer, wie immer. Das wird sich legen. E-Fahrräder wurden anfangs auch sehr belächelt.

  • 0
    6
    Interessierte
    16.03.2019

    Da können sich die Rettungsdienste und Feuerwehren mal einen mit ins Auto nehmen , für den Fall , wenn die keine Rettungswege haben , dann nicht mehr rennen müssen bis zum Unfallort und mit dem schweren Gepäck …
    Denn wenn 3-4 Fahrbahnen mit Autos zugestellt sind , links+rechts , wo will man denn dann noch einen Reißverschluss bilden , da funktioniert doch nur am Computer ...

  • 9
    6
    1212178
    15.03.2019

    Gehört zu den Dingen, die die Welt nicht braucht



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