Jedes zweite Getränk ist überzuckert

Foodwatch erklärt die freiwillige Zuckerreduktion für gescheitert und fordert eine Limo-Steuer - In anderen Ländern wirkt sie bereits

80 Liter zuckergesüßte Cola, Apfelsaft, Energydrinks oder Brausen trinkt jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr. Männliche Teenager kommen sogar auf einen halben Liter pro Tag. Und das, obwohl die US-Herzgesellschaft Heranwachsenden maximal 240 Milliliter süße Getränke empfiehlt - pro Woche. Die Folgen des hohen Zuckerkonsums: Jedes sechste Kind und jeder zweite Erwachsene hierzulande sind zu dick, jeder Vierte jenseits der 18 ist sogar fettleibig. Und immer mehr Menschen leiden an Diabetes. Zuckergetränke von Coca-Cola seien "flüssige Krankmacher", kritisiert Luise Molling von Foodwatch.

Süßgetränke sind eine Hauptursache von Adipositas, also Fettleibigkeit, mahnt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Deswegen fordern Foodwatch, aber auch Medizinerverbände, Krankenkassen und Verbraucherschützer fordern seit langem, den Zuckergehalt von Getränken zu reduzieren. Bislang ohne großen Erfolg: Die meisten Getränke im Supermarkt sind noch immer überzuckert, ergab ein aktueller Marktcheck. Foodwatch, AOK und der Ernährungsmediziner Prof. Dr. Andreas Pfeiffer von der Charité haben ihn am Freitag in Berlin vorgestellt - und gezeigt, dass es auch anders geht. Martina Hahn fasst die Ergebnisse zusammen.

Was hat Foodwatch untersucht?

Mitarbeiter von Foodwatch haben 600 verschiedene Erfrischungsgetränke bei den drei größten Lebensmitteleinzelhändlern Rewe, Lidl und Edeka eingekauft - darunter Limonaden, Colas, Schorlen, Energy-Drinks, Near-Water-Produkte, Brausen, Eistees und Fruchtsäfte. Auch Light-Produkte waren darunter.

Was ergab der Marktcheck?

Acht von zehn Getränken im Test wurde Zucker zugesetzt, und zwar im Schnitt sechs Würfelzucker pro Glas. Im Detail: Sechs von zehn Erfrischungsgetränken sind mit einem Anteil von mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter überzuckert - das sind etwa vier Zuckerwürfel pro 250-Milliliter-Glas. Fast vier von zehn Produkten enthalten sogar mehr als acht Gramm. Knapp einem Drittel der untersuchten Getränke sind Süßstoffe zugesetzt. Nur zwei Prozent der Getränke im Test enthielten weder Zucker noch Süßstoff. Den geringsten Zucker fanden die Tester in sogenannten Near-Water-Produkten wie geschmacklich angereichertem Mineralwasser, den meisten Zucker in den bei Jugendlichen beliebten Energy Drinks: Unter den Top 10 der zuckrigsten Getränke im Test waren acht Energy Drinks. Am süßesten ist der von Marktführer Coca-Cola vertriebene "Monster Energy Assault" mit 17 Prozent Zucker. Die Halbliter-Dose enthält 83 Gramm Zucker - oder 27,5 Zuckerwürfel!

Haben Coca Cola & Co. den Zuckergehalt seit 2016 reduziert?

Kaum. Nach wie vor ist mehr als jedes zweite Getränk überzuckert. "Seit der ersten Foodwatch-Studie im Jahr 2016 hat sich praktisch nichts geändert", moniert Luise Molling. Damals enthielten die 463 untersuchten Getränke im Schnitt 7,5Prozent Zucker. Heute sind es 7,3 Prozent - "damit weiterhin sechs Zuckerwürfel pro Glas", so die Autorin des Marktchecks. "Trotz der intensiven Debatte hat die Getränkeindustrie bislang in Deutschland keine Anreize, den Zucker in ihren Produkten zu senken."

Was fordert Foodwatch?

Eine Limo-Steuer. Neben WHO, Ärzteverbände und Krankenkassen fordert auch Foodwatch eine Sonderabgabe auf gesüßte Getränke. "Die freiwilligen Appelle, auf die die Bundesregierung bislang setzt, sind zum Scheitern verurteilt", so Molling. Wichtig sei zudem eine verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben, damit Verbraucher den Zuckergehalt eines Produkts auf den ersten Blick einordnen können. Eine solche haben Belgien, Großbritannien und Frankreich bereits auf freiwilliger Basis eingeführt. Eine weitere Forderung: Der Gesetzgeber müsse Kindermarketing für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt beschränken. "Selbstverpflichtungen der Unternehmen zum Verzicht auf Kindermarketing sind absolut wirkungslos", kritisiert Kai Kolpatzik vom AOK-Bundesverband.

Was bringt eine Limo-Steuer?

Etliche Länder haben eine Sonderabgabe auf zuckerhaltige Getränke erlassen. Zu diesen Ländern zählen etwa Belgien, Chile, Großbritannien, Finnland, Ungarn, Irland, Thailand, Mexico, Portugal, Frankreich sowie die spanische Region Katalonien oder einzelne US-Bundesstaatenwie Philadelphia, Berkeley, Oakland oder San FranziscoMeist ist die Abgabe nach Zuckergehalt im Getränk gestaffelt. In Großbritannien etwa müssen Hersteller und Importeure seit April für ein Getränk mit fünf bis acht Prozent Zucker 18britische Pence - umgerechnet 20Cent - an den Staat abführen, für noch süßere Getränke sogar 24 Pence. Erhoben wird die Steuer nur auf Getränke, denen Zucker zugesetzt wird, nicht aber auf Fruchtsäfte oder zuckerfreie Limos. Das eingenommene Geld soll dem Schulsport zugute kommen.

Haben die Hersteller infolge der Steuer den Zucker reduziert?

Ja. Schon die Ankündigung einer Limo-Steuer habe etwa in Großbritannien "zum Zuckersturz im Getränkeregal geführt", sagt Molling. Die Abgabe auf süße Limonaden habe Hersteller dazu bewegt, die Zuckerrezepturen zu verändern. In Großbritannien etwa beinhaltet Fanta nun nur noch etwa halb so viel Zucker wie in Deutschland. Auch in der Sprite stecken dort heute 3,3Gramm Zucker pro 100 Milliliter - statt 9,1 wie in Deutschland.

Was sagen Handel und Getränkeindustrie?

Coca-Cola & Co. wehren sich massiv gegen eine Zuckerabgabe. "Übergewicht ist ein komplexes Phänomen; einfache Antworten sind verlockend, aber sie lösen das Problem nicht", sagte Patrick Kammerer von der Coca-Cola-Geschäftsleitung in Deutschland. In Europa kündigte der Konzern an, den Zuckergehalt bis 2020 durchschnittlich um zehn Prozent zu verringern. Ziel sei, "dass wir bis 2025 die Hälfte unseres Absatzes mit Getränken ganz ohne Zucker oder mit weniger Zucker erzielen", so Kammerer. Keinen Handlungsbedarf sieht die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, die Lobby der Hersteller. Sie verweist darauf, dass der Konsum von Erfrischungsgetränken pro Kopf in Deutschland bereits von 125,5 Litern 2013 auf 113,9 Liter 2017 gesunken sei. "Wir benötigen keine Belehrungen von Interessensgruppen, weil wir seit Jahren handeln und beispielsweise stetig innovative Rezepturen entwickeln, bestehende optimieren und über Nährwerte und Inhaltsstoffe aufklären", erklärt auch der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL. Eine Nährwertampel sei unnötig: Die Zutaten und Nährwerte seien auf allen verpackten Lebensmitteln deutlich ausgewiesen. Jeder könne die Produkte vergleichen.

Was unternimmt die Politik?

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat sowohl einer Zucker- und Limo-Steuer als auch einer Lebensmittelampel eine Absage erteilt: "Eine Zuckersteuer klingt vielleicht gut, ob das aber die Fehl- und Überernährung verhindert, ist zu bezweifeln." Dennoch will sie bis Jahresende ein Konzept für eine nationale Strategie vorlegen. Allerdings, bedauert AOK-Vertreter Kolpatzik, setze dieses erneut nur auf freiwillige Maßnahmen von Handel und Herstellern.

Und der Verbraucher?

60 Prozent der Verbraucher versuchen bewusst, ihren Zuckerkonsum zu reduzieren. Das ergab eine Studie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Allerdings ist nur jeder fünfte Konsument bereit, hierfür Einbußen beim Geschmack hinzunehmen. Wer ergo den Zuckergehalt seiner Produkte zu sehr reduziert, riskiert, Kunden zu verlieren. Daher, so Kolpatzik, sei es wichtig, dass Hersteller nicht nur den Zucker senken, sondern auch die Süße reduzieren - schließlich "lässt sich der süße Geschmack um zehn bis zwölf Prozent verringern, ohne dass Konsumenten dies geschmacklich bemerken."

Zuckeranteile in Getränken

Rockstar Energy + Guava: 16 %

Happy day Mango Fruchtsaftgetränk:13,8 %

Tem's Root Beer13,4 %

Freeway Real Bitter Lemon12,2 %

Schweppes Bitter Lemon12,1 %

Ginger Beer 11,2 %

Fritz Cola11 %

Red Bull Energy Drink11 %

Capri Sonne Orange9,5 %

Pfanner Multivitamin9,1 %

Bionade Ingwer-Orange4,3 %

Volvic Touch Zitrone-Limetten- Geschmack1,9 %

(Quelle: Foodwatch)

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