Kurz und schmerzhaft - ein Tierleben

Matthias Wolfschmidt von Foodwatch über leidende Mastschweine, irreführende Siegel und hilflose Verbraucher

Ob Schnitzel, Ei oder Milch: Jedes vierte tierische Lebensmittel stammt von einem kranken Tier. Mit dieser Meldung sorgte die Verbraucherorganisation Foodwatch kürzlich für Schlagzeilen. Machen uns diese Produkte krank? Und wie bleiben Schweine, Huhn oder Rind gesund? Martina Hahn sprach mit Matthias Wolfschmidt, Tierarzt und Kampagnen-Chef bei Foodwatch.

Freie Presse: Herr Wolfschmidt, Sie sagen, schätzungsweise jedes vierte Tier, von dem wir Schnitzel, Ei oder Milch verzehren, ist krank. Dürfen diese Lebensmittel überhaupt verkauft werden?

Matthias Wolfschmidt: Ja. Weil Tiergesundheit nur dann ein Kriterium für Lebensmittelsicherheit ist, wenn Verbraucher sich anstecken könnten. Das versucht man durch Fleischbeschau und Milchprüfung zu verhindern. Leiden und Schmerzen der Tiere sind für die Lebensmittelerzeugung praktisch irrelevant.

Für den Endverbraucher also unschädlich, für das Tier aber eine Qual?

Ja. Das Leben dieser Nutztiere ist kurz und schmerzhaft. Laut Studien macht jedes zweite Mastschwein in seinen sieben Lebensmonaten eine Lungen- oder Leberentzündung durch. Sehr viele leiden an schmerzhaft veränderten Gelenken. Neun von zehn Milchkühen erkranken einmal im Jahr, häufig am Euter und an den Fußgelenken, oder ihr Stoffwechsel bricht zusammen.

Was sind die Ursachen der hohen Erkrankungsrate?

Manche Krankheiten werden ausgelöst, weil die Ställe zu eng sind oder dem Tier Frischluft, Tageslicht, Beschäftigung oder Bewegung fehlen. Andere Krankheiten sind leistungs- oder zuchtbedingt. Zwei Beispiele: Eine Milchkuh, die jährlich 10.000 Liter Milch und damit im Schnitt doppelt so viel Milch wie noch vor 20 Jahren produzieren muss, ist extrem gestresst. Das geht zu Lasten von Stoffwechsel und Kreislauf. Oder nehmen Sie die Masthühner: In den 35 Tagen ihres kurzen Lebens legen sie so schnell an Gewicht zu, dass ihre Beine sie nicht tragen können - sie brechen buchstäblich unter ihrer eigenen Last zusammen. Manche Tiere verdursten, weil sie es nicht mehr zur Tränke schaffen. Je mehr die Tiere leisten, desto schwieriger ist es, sie bei guter Gesundheit zu erhalten. Wir wissen, dass dies in manchen Betrieben ganz gut gelingt, in ganz ähnlich strukturierten anderen Betrieben aber fatal danebengeht. Das zeigt, wie groß der Einfluss des Managements ist.

Entscheidend sind also Bauer und Tierhalter?

Ja. Jeder Tierhaltungsbetrieb stellt ein eigenes Ökosystem für die darin lebenden Schweine, Rinder, Hühner oder Puten dar. Klar brauchen Tiere Platz, Einstreu, Licht, Bewegung. Sie sollen auch nicht auf kaltem Boden liegen. Das alles ist wichtig, aber keine Garantie dafür, dass die Tiere gesund sind und bleiben. Entscheidend ist, dass der Halter in der Lage ist, die verschiedenen Faktoren so zu gestalten, dass die Tiere es schaffen, gesund zu bleiben. Und dass er frühzeitig erkennt, ob bei einem Tier etwas nicht stimmt. Doch diesbezüglich arbeiten die Betriebe extrem unterschiedlich - und zwar unabhängig von der Größe des Stalls oder ob Bio oder konventionell.

Erfahren die Verbraucher, welcher Betrieb besonders viele kranke Tiere hält?

Nein. Das ist auch einer unserer Hauptkritikpunkte. Um Missstände zu beseitigen und damit die Erkrankungsrate signifikant senken zu können, müsste erst mal klar sein, was im einzelnen Stall los ist. Nur dann wird der Leiter eines Problembetriebes ja etwas verbessern.

Wie könnte man das herausfinden?

Damit irgendwann nur noch Produkte bestmöglich gesunder Tiere in den Handel kommen, müssten die Erkrankungen von Kühen, Hühnern oder Schweinen aus jedem tierhaltenden Betrieb in einem bundesweiten Monitoring erfasst und unabhängig kontrolliert werden. In Dänemark wird das seit einiger Zeit gemacht, es ist also möglich. Bei uns hingegen sind lediglich Eigenkontrollen der Betriebe vorgeschrieben. Die Tierhalter kontrollieren sich quasi selbst. Das ist, als würde ich den TÜV für mein Auto selbst machen. Damit bekommen wir kein objektives Bild. So wird sich in dem konkreten Betrieb nichts ändern.

Wer blockiert ein solches unabhängiges Monitoring?

Bauernverband und Lebensmittelhandel sind dagegen, und deshalb auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Weil es zu aufwendig und teuer wäre?

Nein. Es gehört zu den Lebenslügen der Agrarlobby, dass die Tiere in deutschen Ställen ein gutes und gesundes Leben hätten. Das gilt sicher für einen Teil. Aber es gibt auch viel zu viele Betriebe mit erbärmlichen Zuständen. Wir fordern mit dem Monitoring nichts, was erst teuer entwickelt werden muss. Das Wissen ist da, die Befunde und Daten liegen den Schlachthöfen heute schon vor. Schließlich prüft der Fleischbeschauer dort jedes geschlachtete Tier auf Schäden an inneren Organen, Extremitäten und Haut. Die Schlachtindustrie weiß bereits, welche Betriebe gute und welche schlechte Tiergesundheit erzeugen und meldet das auch jedem Halter. Auch jede Milchlieferung wird beprobt und untersucht. Man weiß also heute schon, ob Tierhalter Müller in seinem Stall häufige Befunde hat oder nicht.

Und das bleibt ohne Konsequenzen?

Bislang ja. Viele können weiterwursteln, und es passiert nichts. Hat das Fleisch, das Viehhalter Müller dem Schlachthof liefert, häufig Befunde, bekommt er zwar gewichtsmäßig Abzüge. Aber dabei handelt es sich um geringe Summen. Wir fordern, dass alle diese Befunde systematisch ausgewertet werden. Und veröffentlicht. Das kann man ja auch anonymisiert machen. Aber es ist wichtig, damit die gesellschaftliche Debatte über Nutztierhaltung sachlich und faktenbasiert geführt werden kann. Wir fordern zudem, dass Halter mit schlechten Befunden verpflichtet werden, an Kursen zum Thema Tiergesundheit teilzunehmen und sich beraten zu lassen. Und es braucht endlich rechtliche Konsequenzen bei massiven und wiederholten Verstößen gegen die Tiergesundheit. Beratungsresistenten Haltern muss in letzter Konsequenz verboten werden, Tiere zu halten.

Strafen ist das eine. Müsste man Halter nicht vielmehr motivieren, besser auf Tiergesundheit zu achten?

Beides ist wichtig. Viehhalter, die auf die Gesundheit ihrer Tiere achten, könnten über ein Bonussystem belohnt werden. Guter Tierschutz muss sich auch betriebswirtschaftlich lohnen. Tierquälerei, vermeidbare Krankheiten und Leiden müssen finanziell bestraft werden. Die Bundeslandwirtschaftsministerin müsste hierzu die Schlacht- und die Milchindustrie in die Pflicht nehmen. Tut sie aber nicht.

Ministerin Klöckner plant aber ein staatliches Tierwohlsiegel. Damit sollen ab 2020 im Supermarkt tierische Lebensmittel aus artgerechter Haltung gekennzeichnet werden. Könnte das Siegel etwas am hohen Krankheitsstand im Stall ändern?

Nein, nicht nach jetzigem Stand. Wie gesund das Tier war, dessen Fleisch oder Milch wir verzehren, das spiegeln weder die geplanten noch die existierenden Tierhaltungslabel wider, die es seit einigen Monaten ja auch bei den Discountern gibt. Die Verbraucher bleiben rat- und hilflos. Solange die Initiatoren dieser Kennzeichnungen das Thema Tiergesundheit nicht adressieren, handelt es sich um eine reine Marketinggeschichte. Auch das geplante freiwillige staatliche Siegel für tierische Produkte im Supermarkt klammert Tiergesundheit völlig aus.

Das staatliche Tierwohl-Siegel würde auch auf Fleisch von schwer kranken und leidenden Tieren prangen?

Ja. Das ist ein klarer Verstoß gegen unsere Verfassung, die jedem Tier verspricht, dass der Staat es vor vermeidbaren Schmerzen, Schäden und Leiden schützt. Und es führt Verbraucher gezielt in die Irre. Denn ein krankes Tier fühlt sich nicht wohl.

Matthias Wolfschmidt

Foodwatchs Kampagnen-Chef (Jahrgang 1965) studierte Veterinärmedizin in München und ist approbierter Tierarzt und Pharmazeut. Bevor er 2002 zu Foodwatch kam, war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. Im Jahr 2016 hat Wolfschmidt im Fischer-Verlag das Buch "Das Schweinesystem. Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden" veröffentlicht.

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