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Wie einer Chemnitzerin ein Tumor zum Traumjob verholfen hat

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Schon als Mädchen träumte Franziska Hösel davon, Ärztin zu werden. Doch ihr fehlte der Mut. Die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer schlimmen Diagnose ihr Leben änderte.

Mittweida.

Meinen die jetzt wirklich mich? Manchmal kann es Franziska Hösel selbst kaum glauben, wenn ein Brief an sie an „Dr. med“ adressiert ist. Erst vor knapp einem halben Jahr hat die 35-Jährige ihr Medizinstudium abgeschlossen – ein Lebenstraum von ihr. Es war ein langer Weg, mit vielen Umwegen.

Nun steht sie in ihrem weißen Kittel in einem Flur im Krankenhaus Mittweida. Die langen blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Hier in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin hat sie eine Stelle als Assistenzärztin. Die Faszination Notfallmedizin begleite sie, seit sie denken kann. Ihre Augen strahlen, wenn sie davon erzählt.

Schon als junges Mädchen träumte die gebürtige Mittweidaerin davon. „Wie der menschliche Körper funktioniert, hat mich schon immer fasziniert. Doch ich dachte damals auch, mein Abitur wäre für das Medizinstudium zu schlecht“, erzählt Franziska Hösel. „Außerdem habe ich mir mit 18 Jahren so viel Verantwortung überhaupt nicht zugetraut.“ Sie ging in die Wirtschaft. Doch dann zwang eine schwere Erkrankung sie zu einer Zwangspause. „In dem Moment habe ich gedacht: Wenn ich einmal sterbe, möchte ich nicht sagen, dass ich irgendwas im Leben verpasst habe.“ Sie möchte jungen Menschen Mut machen.

Ein fast zwei Fäuste großer Tumor

Es war im November 2014, ein Freitagnachmittag, als die damals 26-Jährige wegen eines Harnwegsinfektes heftige Beschwerden bekam. Da keine Arztpraxis mehr geöffnet hatte, fuhr sie in die Notaufnahme des Krankenhauses in Chemnitz, wo sie wohnt. Die Ärzte dort untersuchten die junge Frau und machten einen Ultraschall, auch um andere Ursachen für die Schmerzen im Bauchraum auszuschließen. „Irgendwann standen drei oder vier Ärzte an meinem Bett und sagten: Sie müssen auf jeden Fall hierbleiben. Da wurde mir ganz anders“, erinnert sich Franziska Hösel. Die Mediziner hatten bei den Routineuntersuchungen einen Tumor in ihrer Leber entdeckt – fast zwei Fäuste groß.

„Es war ein Schock. Ich hatte zwar nach dem Essen manchmal etwas Bauchschmerzen, habe das aber immer auf eine Unverträglichkeit geschoben“, erzählt Hösel. Tatsächlich sind Tumore an der Leber häufig Zufallsbefunde, eben weil sie nur selten Beschwerden verursachen. Oft sind sie bösartig. Ob es sich um Krebs handelt, konnte man ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Das sollte erst eine Biopsie während des Eingriffs klären. Sicher war: Der Tumor und fast die Hälfte der Leber mussten operativ entfernt werden.

„Heute weiß ich, dass die Leber sich sehr gut regenerieren und nach einer gewissen Zeit wieder normal funktionieren kann“, sagt Hösel. Damals durchlebte sie Wochen des bangen Wartens. „Das war das Schlimmste für mich – nicht zu wissen, was es ist“, sagt sie. „Man sagte mir, wenn der Tumor bösartig ist, hätte ich nicht mehr viel Zeit und bräuchte eine neue Leber.“ Diesen Gedanken schob sie allerdings beiseite. Vielmehr reifte in ihr der Wunsch: Wenn alles gut ausgeht, mache ich was wirklich Sinnvolles in meinem Leben.

Kleiner Schnitt in der Bikinizone

Franziska Hösel arbeitete zu dieser Zeit im mittleren Management eines Konzerns in Chemnitz, studierte nebenbei Kundenbeziehungsmanagement im Master. Ihren Bachelor in Wirtschaftswissenschaften hatte sie bereits in der Tasche und ein halbes Jahr Berufserfahrung im öffentlichen Dienst in einer Brandenburger Gemeinde gesammelt. „Der Ort hatte 300 Einwohner. Landschaftlich war es schön, aber für mich als junger Mensch einfach zu klein“, erzählt Hösel. Sie kehrte schließlich zurück in die sächsische Heimat.

Dann der Wendepunkt. Nach der Diagnose schlugen ihr Ärzte eine Operation mit einem Schnitt von der Brust bis zum Schambein vor. Glücklich war die junge Frau damit nicht, wollte sich daher eine zweite Meinung einholen. Am Dresdener Universitätsklinikum fand sie mit Professor Dr. Jürgen Weitz einen Spezialisten für minimal-invasive Chirurgie. Er riet zu einer OP, bei der lediglich ein kleiner Schnitt in der Bikinizone gesetzt wird. Die Entscheidung fiel ihr leicht.

„Die Herausforderung ist, zu wissen, wo in der Leber man schneidet, denn die Leber ist ein sehr gut durchblutetes Organ“, sagt Professor Weitz, der Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie ist. Nach dem Eingriff schickten die Ärzte eine Probe des Tumorgewebes zur pathologischen Untersuchung ein. Dann endlich die erlösende Nachricht: Der Tumor war gutartig.

Mut und Aufwand sollten sich lohnen

Drei Monate lang war Franziska Hösel nach der OP krankgeschrieben. Viel Zeit, um nachzudenken. In ihr altes Leben zurück konnte und wollte sie nach dem einschneidenden Erlebnis nicht. „Da meine Bauchmuskeln in Mitleidenschaft gezogen wurden, hatte ich körperlich Probleme, konnte mich nicht lange auf den Beinen halten“, erinnert sie sich. „Außerdem beschloss ich, von nun an alles zu machen, was ich machen möchte, wofür ich brenne und was mich fordert.“ Als es ihr besser ging, fasste sie den Entschluss, sich für ein Medizinstudium zu bewerben. Das dauert 13 Semester, also rund sechseinhalb Jahre.

Statistisch betrachtet sah es für Franziska Hösel zunächst nicht allzu vielversprechend aus. In Deutschland werden nur drei Prozent der Studienplätze für Medizin an Zweitbewerber vergeben, die Zulassung erfolgt dann zentral. Neben einem abgeschlossenen Erststudium können sich Bewerber um Gutachten bemühen, in denen die jeweilige Wunschklinik wissenschaftliche Gründe für das Zweitstudium bescheinigt. „Ich hatte ja viel Zeit und habe mich für das Schreiben ziemlich reingekniet“, sagt Franziska Hösel. Sie kündigte ihren Job im Management. Mut und Aufwand sollten sich lohnen. Sie bekam die Zusage für die Uni in Dresden.

Das bedeutete aber auch, dass sie – nach ihren Berufsjahren – nun eine Studentin ohne festes Einkommen sein würde. „Meine Familie war skeptisch, aber ich wollte es unbedingt versuchen“, sagt Franziska Hösel. Sie verkaufte ihr Auto und suchte sich Nebenjobs, arbeitete etwa als OP-Assistenz und unterstützte das Dresdener Projekt „Was hab ich?“. Dabei unterstützen Mediziner und angehende Ärzte Patienten darin, ihre Arztbriefe oder Befunde zu verstehen. „Wir haben den Fachjargon in verständliches Deutsch übersetzt. Eine sehr sinnvolle Arbeit“, so Hösel.

Musik ist eine große Leidenschaft

Die letzten Studienjahre konnte sie als „Franzi van Houdt“ von ihrer Musik leben. Mehr als 300 Auftritte erlebte sie als Duo „endlich zu zweit“ mit einer Zaubershow. Musik ist eine große Leidenschaft für die passionierte Sängerin, die Gitarre spielt. „Wir reisten sogar bis Amsterdam und Wien“, erzählt Franziska Hösel. „Mir hat es sehr geholfen, als Ausgleich und um den Kopf freizubekommen.“

Dennoch: War sie am Wochenende mit ihrem Partner unterwegs zu einem Auftritt, nutzte sie die Zeit im Auto zum Lernen. Das zehrte an ihr. „Ein Medizinstudium bedeutet reichlich Stress und Druck. Belastend war anfangs auch das tägliche Pendeln zwischen Chemnitz und Dresden“, sagt Franziska Hösel. Mehrfach habe sie ans Aufgeben gedacht. Doch ihr Fleiß und der Wille waren stärker. So stark, dass sie vor Ende ihres Studiums gleich noch in der Notfallmedizin promovierte.

In der freien Zeit, die blieb, widmete sie sich dem Sport. Franziska Hösel lief einen Ultramarathon und umrundete in einem Charity-Staffellauf Deutschland. „Nach meiner Erkrankung wollte ich mir einfach nicht mehr von anderen sagen lassen, wo meine Grenzen sind.“

„Ich habe viel Glück gehabt und bin sehr dankbar“

Ende 2023 hielt sie ihren ersehnten Abschluss in den Händen. Als sie auf ihren Social-Media-Profilen postete, dass sie einen Job als Assistenzärztin im Bereich der Notfallmedizin sucht, meldeten sich die meisten Kliniken aus der Region bei ihr. „Ich habe viele Bewerbungsgespräche geführt, wusste aber auch genau, was ich wollte: eine 80-Prozent-Stelle und planbare Arbeitszeiten unter der Woche, um an den Wochenenden weiter singen zu können“, sagt Franziska Hösel. Im Mittweidaer Krankenhaus passte es am besten. Und es schloss sich ein Kreis. Wenn sie heute in einem der OP-Säle dort steht, schaut sie aus dem Fenster auf ihre Grundschule.

Für einige Fachbereiche, die Franziska Hösel als Assistenzärztin durchlaufen muss, wird sie zeitweise in andere Kliniken wechseln. Doch das stört sie nicht. „Ich liebe das Arbeiten im Team in immer neuen Situationen.“

Franziska Hösel hat gefunden, was ihrem Leben einen Sinn gibt. „Ich habe viel Glück gehabt und bin sehr dankbar“, sagt sie. Während ihres Studiums hatte sie Gelegenheit, auf ihre Bilder von damals mit dem Tumor zu schauen. „Ich war erstaunt, wie groß der war.“ Ihre Eltern könnten es noch immer kaum glauben, dass sie nun Ärztin ist. Überhaupt sei sie die Erste in der Familie, die studiert hat, erzählt sie. In zwei bis drei Jahren möchte Franziska Hösel ausgebildete Notärztin sein. Und es zweifelt wohl niemand daran, dass sie auch dieses Ziel erreichen wird.

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