All das Glück dieser Erde

Wie gelingt der Urlaub für die ganze Familie? Ein Hotel in der Nähe von Wilhelmshaven wirbt gezielt um kleine Fans von großen Pferden.

Mit diesen Friesen ist nicht zu spaßen. Schon die Statur der beiden Rappen flößt Ehrfurcht ein. Jetzt sollen Tale und Nanne auch noch ins Kutschengeschirr gespannt werden. Nervös scharren die Wallache mit den Hufen. Doch Gerd Kelterborn bleibt Herr des Geschehens. Mit Nachdruck führt der Chef der Reitanlage am Hotel "Frieslandstern" die Tiere so, dass sie links und rechts der Deichsel zum Stehen kommen. Einige routinierte Handgriffe, und die Gespannfahrt durch Horum kann beginnen. Die Kinder auf den Kutschensitzen hinter ihm jauchzen.

Viele Feriengäste kommen vor allem wegen der Pferde in das Dorf am ostfriesischen Wattenmeer. Denn obgleich die Friesen einst als Fahrpferde gezüchtet wurden, wie Kelterborn betont, lassen sie sich auch reiten. In den Sattel darf aber nur, wer genug Erfahrung hat. Anfänger üben zunächst mit Ponys und satteln später auf Haflinger um. Wer 14 ist und das Okay von seinem Reitlehrer bekommt, darf auf einen Friesen wechseln.

Höher zu Ross ist dann nur noch Kelterborn selbst, wenn er sich bei Ausritten auf seinen riesigen Hannoveraner schwingt. "Der hat mehrfach ,Hier!' geschrien, als Größe verteilt wurde", sagt der 67-Jährige.

Lilly ist erst zwölf und damit noch im Haflinger-Alter. Dabei hat das Mädchen mit den langen blonden Haaren schon als Sechsjährige erste Reitstunden absolviert. Wenn sie morgens in den Speisesaal des Hotels kommt, hat sie ihre Reithosen und Stiefel meist schon an. Nach dem Essen verschwindet sie oft im benachbarten Stalltrakt, ihre jüngere Schwester Milla im Schlepptau. "Ich störe sie dann fast schon, wenn ich vorbeischaue", sagt Andreas Kupisch, der Vater der beiden Mädchen. Also trinkt er noch in Ruhe seine Tasse Kaffee aus und geht dann spazieren.

Die Eltern genießen den Umstand, nicht permanent nach dem Nachwuchs Ausschau halten zu müssen. Auf dem Spielplatz neben den Stallanlagen gibt es einen Kletterturm mit Rutsche, Hüpfburg, Seilbahn und Fußballfeld. Der Sandkasten ist so groß, dass sich ein halbes Dutzend Strandkörbe darin verliert. In einem abseits stehenden Gatter meckern zwei Ziegen. "Super hier", findet Janet Mittag, eine Mutter aus Leipzig. Tochter Josi dreht derweil mit dem Tretauto ihre Runden.

Kinderfreundlichkeit ist Teil des Konzepts, das Hotelbetreiberin Ute Eden und ihr Partner Gerd Kelterborn verfolgen. Das Haus gehört seit 2002 zur Familotel-Kette, einem Verbund inhabergeführter Beherbergungsbetriebe, die sich auf Familien spezialisiert haben. In Bayern gegründet, finden sich Familotels heute in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Ungarn.

Wer an die Nordsee will, kann bei Familotel zwischen dem "Frieslandstern" und dem Haus "Deichkrone" im 65 Kilometer westlich gelegenen Norddeich wählen. Die Konzepte der Häuser seien aber so unterschiedlich, dass man sich nicht gegenseitig das Wasser abgrabe, sagt Ute Eden. Dazu kommt, dass viele Gäste, die einmal in einem Familotel Urlaub gemacht haben, der Kette die Treue halten. In der Hauptsaison liege die Stammgäste-Quote im "Frieslandstern" bei 65 Prozent, sagt Eden.

Diana und Daniel Zönnchen aus der Nähe von Dresden haben zum zweiten Mal in einem Familienhotel eingecheckt. "Das erste Mal waren im Winter in Ost-Tirol", sagt Vater Daniel. Doch auch im friesischen Flachland lässt es sich aushalten. Der fünfjährige Finn-Luca, anfangs eher pferdescheu, war bisher an jedem Urlaubstag im Stall reiten. Auch um Brei für das sieben Monate alte Töchterchen Mila-Sofie muss sich das Paar nicht extra kümmern. Am Buffett im Restaurant steht alles bereit. Bei derlei Annehmlichkeiten sei ihm aber eines am allerwichtigsten, sagt Daniel Zönnchen: "Wir können beim Essen sitzen, und es ist egal, wenn die Kleine mal ein bisschen lauter ist." Tatsächlich handelt es sich bei den älteren Gästen im "Frieslandstern" oft um Großmütter oder -väter, die mit ihren Enkeln reisen. Demnach dürfte niemand völlig überrascht sein, im Hotel oder auf dem Gelände Babygeschrei zu hören. "Eigentlich ist das auch ganz cool", sagt Andreas Kupisch, der Vater von Milla und Lilly. "Ich sitze da, höre den Geräuschpegel und freue mich, dass meine Mädchen aus diesem Alter raus sind."

Wenn Kupisch etwas gestört hat an seinen Waterkant-Ferien, dann allenfalls, dass der Strand weiter weg ist als es die Google-Maps-Karte suggeriert. "Es gibt keinen direkten Weg zum Meer", berichtet er. "Ich musste erst bis ins nächste Dorf laufen."

Kutschfahrten sind die bequemere Variante, das Land zu erkunden. Die Friesen traben, Dorfbewohner rufen "Moin!" und Kelterborn erzählt eine Anekdote nach der andern. Von Zeit zu Zeit stoppt er, wenn Gäste fotografieren wollen. Ein beliebtes Motiv ist die Bronzefigur des Minsener "Seewiefs: Der Sage zufolge fingen Fischer die Nixe, ließen sie aber entwischen. Das Seewiefken habe sich an den Bewohnern gerächt, indem es eine zerstörerische Sturmflut schickte, so die Überlieferung. Mit wilden Weibern, die ihre Freiheit über alles lieben, ist in Friesland nicht zu spaßen.

Service

Anreise: Mit dem Auto fährt man die rund 580 Kilometer von Chemnitz bis Wangerland-Horum in knapp sechs Stunden.

Unterkunft: zum Beispiel All-inclusive im Zwei-Raum-Familienappartement des "Frieslandstern" (24-30 m²): 58,50 Euro pro Person und Nacht (Preis gilt für die Zeit vom 23.10. bis 6.11., danach Saisonende), Kinder unter drei Jahren: 11,50 ¤/Nacht, unter sieben Jahren: 21,50 ¤, unter elf Jahren: 30,50¤, unter 16 Jahren: 43,50 ¤. Die neue Saison startet am 31.03.2017.

Reiter-Angebote: Aufenthalt mit fünf Übernachtungen (All-inclusive) und fünfmal Reitstunde für Anfänger (Longe oder Unterricht in der Gruppe): 399 ¤ pro Person.

Wattwanderungen: Bis nach Nessmersiel, dem Mekka der Wattwanderer, sind es knapp 50 Kilometer. Termine für die 2,5-Stunden-Tour bis zur 6,5 km entfernten Insel Baltrum finden sich auf wattwandern.info. Erwachsene zahlen elf Euro, Kinder und Jugendliche (8-17 Jahre) sieben Euro.

Schlechtwetter-Aktivitäten: Bullermeck's Spielpalast im Aquarium Wilhelmshaven ist einen Ausflug wert. Eintritt kostet ab16 Jahren 2,50, bis 15 Jahre vier Euro.Essen und Trinken: Auch wenn ein Besuch der Jever-Brauerei naheliegt, sollten Bier-Fans zuerst das Vareler Brauhaus (Am Hafen 2a, 26316 Varel) besuchen. Neben Pils gibt es noch Weizen, Dunkel, unfiltriertes Helles ("Trüb") sowie diverse Saisonbiere.

Die Recherche wurde unterstützt von Familotel. (rnw)

 "Entspannte Kinder, entspannte Eltern"

Familotel-Geschäftsführer Michael Albert über die Preise für 2017, Wellness für Erwachsene und den Unterschied zwischen Kronen und Sternen

Der Familotel-Verbund gilt als Marktführer in der Familienhotellerie. Was 1994 mit dem "Allgäuer Berghof" begann, ist heute eine Kooperation von 55 eigenständigen Betrieben in fünf Ländern Europas. Familotel-Vorstand Michael Albert erläutert gegenüber Andreas Rentsch das Konzept.

Freie Presse: Warum halten Sie es für eine gute Idee, Familien mit Kindern dort Urlaub machen zu lassen, wo noch andere Eltern mit Kindern sind? Ist das nicht furchtbar laut?

Michael Albert: Dort, wo andere Kinder sind, fühlen sich Kinder wohl. Ich habe im Mai in einem Fünf-Sterne-Haus Urlaub gemacht: Unter den fünfzig Gästen dort waren nur drei Kinder. Natürlich sind die aufgefallen. Im Restaurant kam eine Mutter zu mir, um sich für ihren Nachwuchs zu entschuldigen: "Ich würde es total verstehen, wenn Sie sich woanders hinsetzen." In einem Familienhotel weiß jeder um die Bedürfnisse von Kindern. Da ist es völlig egal, ob ein Kind mal laut ist oder beim Frühstück Krümel verstreut. Dementsprechend entspannt sind auch die Eltern.

Ist die Entscheidung für ein Familienhotel aber nicht auch ein Rückzug - man bleibt unter seinesgleichen?

Sie sind unter Menschen, die Sie unausgesprochen verstehen, nach dem Motto: "Die haben die gleichen Probleme wie wir." Auf der andern Seite hat es auch seine Berechtigung, wenn Hotels Wellnessbereiche einrichten, in denen nur Erwachsene und Jugendliche ab 16 Zutritt haben. Dafür muss das Haus aber groß genug sein.

Sind Familien eine dankbare Klientel?

Familien sind herausfordernd. Aber, ja, sie sind dankbare, ehrliche Gäste. Mit ihnen kann man reden.

Wie viel muss eine Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern für eine Woche Urlaub in einem Familotel bezahlen?

Im Schnitt 1500 Euro. Der günstigste Betrieb in unserem kürzlich veröffentlichten 2017er-Katalog liegt bei 888 Euro für sieben Übernachtungen und Halbpension in einem Zwei-Raum-Appartement. Die Mehr heit unserer 55 Betriebe setzen allerdings auf das Modell "All-In alkoholfrei". Das heißt, alles außer alkoholische Getränke ist inklusive. Die Preise beziehen sich immer auf zwei Erwachsene und zwei Kinder, wovon eins unter sieben Jahre alt ist.

Ist die Kronen-Klassifizierung Ihres Verbunds vergleichbar mit Sternen der sonstigen Hotellerie?

Überhaupt nicht. In der Sterne-Klassifizierung geht es um Tiefgaragen-Parkplätze, Hosenbügler und Zimmerservice, um ein paar Beispiele zu n ennen. Für Familien sind ganz andere Dinge wichtig. Um die Maximalzahl von fünf Kronen zu erreichen, müssen die Häuser übrigens einen sechs Seiten langen Kriterienkatalog erfüllen. Dazu gehören eine garantierte Anzahl von Kinderbetreuungsstunden, geschulte Be treuer oder eine bestimmte Größe von Spielflächen oder Betreuungsräumen für Kinder und Familien.

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