Ein Ultralauf zum Überleben

Der US-Amerikaner Charlie Engle hat durch Extremläufe seine Sucht überwunden und plant weitere spektakuläre Expeditionen

Immer wieder rutschen einstige Leistungssportler aus ganz unterschiedlichen Gründen in ein Tief, werden drogen- und alkoholabhängig. Jüngstes Beispiel ist Radsportler Jan Ullrich. Aber es gibt Menschen, wie Charlie Engle, die durch Sport den Weg aus dem Sumpf finden. Der US-Amerikaner, der früh trank und Drogen nahm, ist heute clean und einer der besten Ultraläufer der Welt. Engle schreibt darüber in der Autobiografie "Running Man". Wie er heute seinen Weg vom Junkie zum Extremsportler sieht, das hat er Gabriele Fleischer beschrieben.

Freie Presse: Wie geht es Ihnen heute?

Charlie Engle: Mein Leben ist gut. Ich bin seit 26 Jahren abstinent. Für mich waren Alkohol und Drogen Sackgassen, die mich früher oder später umgebracht hätten. Ohne die Abstinenz wäre ich sicherlich kein Läufer und Buchautor geworden.

Nach wie vielen Abstürzen waren Sie clean?

Ich habe zigmal versucht, dem Trinken und den Drogen zu entrinnen, bevor ich wirklich dazu in der Lage war. In früheren Jahren versuchte ich immer aufzuhören, weil andere das von mir wollten. Ich hörte auf für meine Frau, meinen Chef, meine Freunde. Aber das funktionierte auf lange Sicht nicht. Als mein erster Sohn geboren wurde, war ich mir sicher, dass er mich retten würde. Als dies nicht gelang, begriff ich, dass ich mich selbst retten muss, und das niemand für mich tun kann.

Können Sie mit dem Abstand von heute noch nachvollziehen, warum Sie drogenabhängig geworden sind?

In meiner Familiengeschichte gibt es viele Abhängigkeiten. Die Wissenschaft ist sich sicher, dass die Veranlagung eine Rolle spielt. Ehrlich gesagt bin ich dankbar, dass ich die Drogen in jungen Jahren entdeckt habe. Ich weiß, das klingt befremdlich, aber mein Umgang mit Drogen zwang mich, eine Entscheidung zwischen Leben und Tod zu treffen. So bin ich zum Laufen gekommen.

Sie sind also von einer Sucht in die nächste gerutscht?

Das ist eine gute Frage. Oberflächlich mag es so erscheinen, dass ich einfach meine Sucht nach Drogen mit dem Laufen kompensiert habe. Aber es ist ein riesiger Unterschied zwischen diesen beiden Dingen. Als Abhängiger wollte ich unsichtbar sein, mich verstecken und nichts fühlen. Als Läufer ist das aber nicht möglich, weil es keinen Platz zum Verstecken gibt, keine Möglichkeit, unsichtbar zu sein. Ich muss beim Laufen vollkommen anwesend sein, um alles fühlen zu können.

Sie sind 135 Meilen durch das Death Valley gerannt. An 111 Tagen liefen Sie 4500 Meilen durch die Sahara, absolvierten dabei 178 Marathons. Wie haben Sie sich motiviert, um sich so quälen zu können?

Herausforderungen müssen und wollen wir doch alle meistern. Ich lerne dabei immer dazu. Tatsächlich sind die schwierigsten Dinge, mit denen ich konfrontiert war, die, die mich am meisten gelehrt haben. Irgendwann werde ich vielleicht lernen, dass ich genug habe. Aber das ist bis jetzt noch nicht passiert.

Haben Sie Buch geführt, wie viele Kilometer Sie durch ihr bisheriges Leben gejoggt sind, und wann Sie aufgeben mussten?

Ich habe nie ein Laufbuch geführt. Ich vertraue meinem Instinkt und höre auf meinen Körper. Das hilft mir bei meinen Trainingsentscheidungen. Im Durchschnitt habe ich mehr als 5500 Kilometer pro Jahr trainiert. Mehr als 200 Marathons, Ultraläufe und Triathlons liegen hinter mir. Abgebrochen habe ich bisher nur einen Lauf. Das war während des weltweit härtesten Extremlaufes, des französischen Abenteuerlaufs "Raid Gauloises" ("Der Sturm der Gallier"). Mehr als 400 Meilen und 15.000 Höhenmeter müssen dafür von fünfköpfigen Teams in Tibet und Nepal absolviert werden, täglich etwa 200 Kilometer Laufen, Trekking, Klettern, Mountainbiken, Rafting, Kanufahren und Reiten. Die Teilnehmer sind völlig auf sich gestellt, kennen nur die Kontrollpunkte. Ich litt enorm. Mein Mut verließ mich. Ich glaubte nicht, dass ich den Lauf beenden würde. Deswegen gab ich auf. Das war die schlimmste Entscheidung, die ich jemals in einem Wettkampf getroffen habe. Aber es war eine Erfahrung, die mein Leben irgendwie auch bereicherte.

Haben Sie bei solchen für Sie schwierigen Entscheidungen Angst, Sie könnten rückfällig werden?

Ja, auch wenn ich schon so lange abstinent bin. Aber ich denke immer daran, dass ich alles zerstören könnte, wenn ich irgendwann wieder mit Trinken beginnen würde. Neulich starb ein alter Freund von mir, weil er eben nicht aufhörte. Es war schwer für mich, weil ich ihm nicht helfen konnte. Aber es war auch ein mahnendes Beispiel. Vielleicht könnte ich eine Weile auf einem normalen Level trinken, aber letztendlich würde ich wieder die Kontrolle verlieren und mein Leben wäre vorbei. So viel weiß ich.

Der nächste Tiefpunkt war vor acht Jahren Ihre Gefängnisstrafe wegen Hypothekenbetrugs, weil Sie falsche Berater hatten. Gab es da Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, dass Ihr Weg der richtige ist?

Ich bin davon überzeugt, dass es egal ist, was im Leben passiert. Es zählt nur, was wir dagegen tun. Dass ich des Betrugs angeklagt wurde, war unfair und ungerecht. Aber schließlich musste ich akzeptieren, dass ich trotz aller Beweise keine Chance hatte, dagegen anzukommen. So entschied ich mich, das Beste daraus zu machen. Ich nutzte die Zeit, um Mithäftlingen zu helfen, mit ihren Suchtproblemen umzugehen. Ich unterrichtete, trainierte sie im Laufen und in der Ernährung - und lief selbst. Einmal 540 Sportplatzrunden hintereinander. Ich habe auch einige Kapitel des Buches während des Gefängnisaufenthaltes geschrieben.

Wie ist es Ihnen trotz aller Ablenkung gelungen, in den 21 Monaten im Gefängnis nicht rückfällig zu werden? Schließlich gehört der Umgang mit Drogen dort zum Alltag.

Das ist richtig. Im Gefängnis gibt es sogar mehr Drogen als draußen. Ja, ich habe darüber nachgedacht. Ein Teil von mir wollte den Problemen entkommen. Aber ich wusste, dass alles nur noch schlimmer wäre, wenn ich rückfällig werde. Zu dieser Zeit hatte ich zwei junge Söhne. Und die brauchten ihren Vater.

Einer Ihrer Söhne, das beschreiben Sie in Ihrem Buch, war auch drogenabhängig. Waren Sie bei ihm ein negatives Vorbild?

Meine Söhne, die heute 23 und 26 Jahre alt sind, wuchsen in einem "trockenen" Haushalt auf, weil ich schon abstinent war. In der Hinsicht waren seine Mutter und ich positive Vorbilder. Aber das war letztendlich egal. Mein ältester Sohn begann mit 15 zu trinken und Drogen zu nehmen, so wie viele Jugendliche. Es ging ihm dabei sehr schlecht. Ich war immer besorgt, dass er nicht überleben würde. Denn ich hatte ihn einige sehr harte Lektionen selbst lernen lassen, weil ich wusste, dass ich ihn nicht stoppen kann. Heute ist er gesund, abstinent und mag sein Leben - wie ich meins.

Haben sie ein Rezept, wie man verhindern kann, überhaupt erst drogenabhängig zu werden? Ist es Sport?

Die einzige Antwort ist Bildung. Tatsache ist aber auch, dass junge Leute immer Risiken eingehen und Neues ausprobieren wollen. Dazu gehören leider Drogen. Ein Teil von ihnen wird Suchtprobleme bekommen. Denn es gibt viele, die wegen ihrer Gene und ihres Umfelds besonders empfänglich sind, abhängig zu werden. Die Lösung ist aber nicht Gefängnis, sondern Behandlung und eben Bildung, vielleicht auch Sport. Noch wird aber zu wenig anerkannt, dass Sucht eine Krankheit ist, wie Diabetes und Krebs. Da braucht es mehr Verständnis.

Hilft es, vor Drogen zu warnen, wenn Menschen wie Sie über ihre Erlebnisse sprechen?

Natürlich möchte ich mit meinen Vorträgen, die ich an Schulen und in Unternehmen halte, über mein Leben sprechen. Ich war schon von der UN und anderen politischen Foren eingeladen. Gern würde ich auch nach Deutschland kommen. Wer mir zuhört, kann meine Probleme nachvollziehen und erfährt, wie ich damit umgegangen bin. Aber jeder macht eigene Erfahrungen und reagiert anders auf Probleme und Herausforderungen. Ein Anstoß sollen meine Erlebnisse aber sein.

Nicht jedem, der drogenabhängig ist, gelingt ein so atemberaubender Ausstieg wie Ihnen. Warum aber musste es ein solcher Extremsport sein?

Ich weiß, das hört sich verrückt an, aber als Drogenabhängiger war ich genauso süchtig nach der Gefahr und dem chaotischen Lebensstil. Ich hasste Drogen, aber ein Teil von mir mochte den Reiz. Und eben solche Reize und Gefahren geben mir Extremsportarten. Jedes Mal, wenn ich einen 100-Meilen-Lauf starte, habe ich Angst, weil ich nicht weiß, ob ich ihn beenden kann. Aber ich liebe diese Ungewissheit. Ich brauche das Gefühl, weil ich so lebendig bleibe.

Sind Sie mit 55 Jahren noch immer fit für neue Ultraläufe?

In mancher Hinsicht bin ich sogar besser in Form als vor 15 Jahren. Ich habe meine Ernährung auf vegan umgestellt, mache mehr Yoga und habe gelernt, wie man meditiert. Schlaf hat für mich Priorität, damit ich mich ausreichend erholen kann. Gut, auf kürzeren Distanzen bin ich langsamer geworden, aber auf längeren Strecken ist mein Tempo fast unverändert. Ich liebe das Laufen immer noch, am liebsten 100 Meilen am Stück. Letztes Jahr habe ich noch begonnen, mich bei Hindernisläufen ("Spartan Races") zu behaupten. So bin ich von jungen Leuten umgeben, die mich antreiben. Das macht Spaß und hilft mir, mit jung zu bleiben. Einen Plan aufzuhören, gibt es für mich nicht.

Was sind Ihre nächsten Herausforderungen?

Die nächste große Expedition, die ich ab Januar 2020 plane, wird mich vom Toten Meer bis zum Gipfel des Mount Everest führen, also vom niedrigsten zum höchsten Punkt der Erde. Das ist auch eine Metapher für mein Leben und eigentlich für das Leben aller Menschen. Denn wir alle verbringen Zeit unseres Lebens damit, über Tiefpunkte hinwegzukommen und Höhepunkte zu erreichen. Die Reise soll dreieinhalb Monate dauern. Dabei werde ich schwimmen, rennen, Radfahren, segeln, klettern - und lernen. Genug Stoff also für das nächste Buch.

Sind Sie schon einmal in Deutschland gerannt? Reizt Sie denn hier nach so vielen Extremläufen überhaupt irgendein Wettbewerb?

Es ist kaum zu glauben, aber einen Lauf in Deutschland habe ich noch nicht absolviert. Dabei erhalte ich von dort viele E-Mails, weil ich bereits etliche Male am Badwater Ultramarathon im Death Valley bei über 50 Grad und am Sahara-Lauf teilgenommen habe. Denn die Deutschen lieben wie ich das Abenteuer. Mein Lebensstil dürfte ihnen also gefallen. Es gibt viele Events in Deutschland, an denen ich gern teilnehmen würde. Am meisten fasziniert mich aber der Deutschlandlauf, 1300 Kilometer in 19 Etappen von Sylt bis zur Zugspitze. Es braucht nur noch einen Sponsor für den Lauf quer durch Deutschland. Es wäre schön, wenn ich 2019 dort starten könnte.

Charlie Engle

Sport bestimmte früh das Leben des heutigen Ultraläufers, der heute im US-Bundesstaat North Carolina lebt. In der achten Klasse lief er eine Meile unter fünf Minuten. Er trank früh Alkohol und nahm Kokain. 1989 absolvierte der heute 55-Jährige erste Marathons. Die Sucht begleitete ihn bis an den Abgrund. Als Familienvater und Sportler führte er ein Doppelleben. 2010 ein weiterer Rückschlag: Er wurde wegen Betrugsdelikten unverschuldet zu 21 Monaten Haft verurteilt. Das Laufen über immer längere Distanzen half ihm, zurückzufinden. Er nahm an Wettkämpfen und Expeditionen in den Hochanden Ecuadors, auf den Cotopaxi, in den brasilianischen Dschungel, in der Atacamawüste, den Wüsten Gobi und Sahara teil.

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