"Ich bin nun mal ein Spätstarter"

Fußball: Marcel Halstenberg vom Bundesligisten RB Leipzig nahm in fünf Jahren eine rasante Entwicklung bis hin zum Nationalspieler

Leipzig.

Marcel Halstenberg hat mit RB Leipzig einen kometenhaften Aufstieg hingelegt. In fünf Jahren entwickelte er sich vom unbekannten Zweitligakicker zum Nationalspieler. Über die aktuelle, ungewohnte Situation sprach mit dem 28-Jährigen aus Niedersachsen Fabian Held.

Freie Presse: Wie geht es Ihnen gesundheitlich und wie haben Sie die vergangenen Wochen überstanden?

Marcel Halstenberg: Gesundheitlich geht es mir gut, der Kopf ist klar. Die letzten Wochen habe ich viel Zeit mit der Familie verbracht. Ein bisschen mehr als sonst, denn durch die englischen Wochen waren wir zuvor viel unterwegs. Meine kleine Tochter ist jetzt neun Monate alt. Da war es sehr schön, sie von morgens bis abends zu sehen und jeden Tag etwas Neues mit ihr zu erleben. Für mich ist das Abwechslung und Ablenkung von der derzeitigen Krise.

Wie sieht das Training aktuell aus?

Wir haben Vorschriften bekommen, dass wir genug Abstand halten, uns die Hände desinfizieren und getrennt auf unsere Zimmer gehen. (Anmerkung der Redaktion: Die Spieler nutzen derzeit ihre Ruheräume in der Akademie, um einen Kontakt in der Kabine zu vermeiden.) Dort ziehen wir uns auch um, duschen und essen. Wir haben so wenig Kontakt und gemeinsame Zeit wie nötig. Auf dem Platz ist es so, dass wir viele Passformen trainieren, um uns nicht zu nahe zu kommen.

Macht das ein Fußballteam nicht auch aus? In der Kabine herumalbern, nach dem Training noch zusammensitzen und solche Dinge? Fehlt Ihnen das?

Ja, natürlich gehört das dazu. Das fehlt schon. Aber in so einer Ausnahmesituation kann man das hintenanstellen. Und das tun wir. Man kann auch von zu Hause aus miteinander per Videotelefonie oder per Online-Videospiel herumblödeln.

Die DFL möchte, sollte die Politik zustimmen, die Bundesligasaison im Mai fortführen. Wie fänden Sie es, wenn die Saison zu Ende gespielt würde?

Natürlich würde ich mich sehr freuen. Es ist nun mal unser Job, nicht mehr nur ein Hobby. Man sieht, dass jetzt in einigen Branchen die Lockerungen stattfinden. Insofern hoffe ich, dass wir bald wieder auf dem Platz stehen und um Punkte spielen können. Auch wenn wir vielleicht das ganze Jahr Spiele ohne Zuschauer haben werden.

Sind Geisterspiele jetzt ein notwendiges Übel oder sind Sie schon sehr traurig, nicht vor Fans spielen zu dürfen?

Klar ist man als Fußballer traurig. Die Fans machen über 90 Minuten Stimmung - das macht schon viel aus.

Für Ihre Mannschaft lief es vor allem in der Champions League sehr gut. Wie sehr kam die Zwangspause da zur Unzeit?

Man muss es hinnehmen, da wir die Situation nicht ändern können. Es wird viel diskutiert, wie man die Ligen zu Ende spielt und ob man die Champions League zu Ende spielen kann. Klar hatten wir eine gute Phase, haben gegen Tottenham zwei super Spiele gemacht und sind verdient ins Viertelfinale eingezogen. Ich glaube, dass, wenn es wieder losginge, wir da auch wieder anknüpfen könnten.

Um beim Sportlichen zu bleiben: Zuletzt haben Sie vor allem in der Dreierkette gespielt und nicht mehr klassisch auf der Linksverteidigerposition. Wie hat Ihnen das gefallen?

Der Coach hat im Winter mit mir gesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte, mal Innenverteidiger zu spielen. Da habe ich ihm gesagt: "Ja, ab und zu ist das in Ordnung." Seitdem habe ich, glaube ich, nur noch in der Dreierkette gespielt. Ich fühle mich da schon wohl, habe meine Leistung gebracht - und wir hatten Erfolg. Ich kann mir das auch in Zukunft vorstellen. Ich werde auch älter und langsamer. (lacht) Trotzdem spiele ich gern als Linksaußen, wo ich groß geworden bin.

Wie unterscheiden sich denn die Positionen?

Als Innenverteidiger machst du mehr den Spielaufbau, hast das Spiel vor dir. Man ist die ganze Zeit ins Spiel integriert. Ich habe gemerkt: Wenn ich Innenverteidiger spiele, kommuniziere ich viel mehr mit meinen Mitspielern. Man sieht Situationen besser. Als Linksverteidiger ist man dagegen mehr in die Offensive eingebunden.

Als Linksverteidiger haben Sie es auch in die Nationalelf geschafft. Sie besaßen sicherlich gute Chancen, zur EM zu fahren. Wie sehr schmerzt Sie, dass das Turnier aufs kommende Jahr verschoben wurde?

Klar ist es ein Traum, nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch bei einem großen Turnier dabei zu sein. Natürlich ist es wieder ein schlechter Zeitpunkt. Vor zwei Jahren war es mein Kreuzbandriss, als ich gute Chancen hatte, zur WM zu fahren, jetzt ist es ein Virus. Man kann es nicht ändern. Die EM wurde um ein Jahr verschoben, sie nehme ich mir natürlich auch als Ziel.

Vor fünf Jahren sind Sie von St. Pauli zu RB Leipzig gewechselt. Hätten Sie gedacht, in dieser Zeit sich für die Nationalmannschaft zu empfehlen und Champions League zu spielen?

Ich bin nun mal ein Spätstarter. Aufstieg, Bundesliga, Champions League, Nationalmannschaft - das waren Träume. Dass sich durch den Wechsel zu RB so viele Träume verwirklichen, in der kurzen Zeit, hätte ich nicht gedacht.

Ist es schon in Fleisch und Blut übergegangen: "Marcel Halstenberg, Nationalspieler"?

Na ja, noch nicht so ganz. Ich habe ein paar Spiele gemacht, freue mich auch darüber. Aber ich will auch weiter in der Nationalelf spielen und zeigen, was ich kann. Dafür gebe ich natürlich alles.

Zurück zum Coronavirus: Sie engagieren sich beim Spendenprojekt "WeKickCorona", das von Joshua Kimmich und Leon Goretzka ins Leben gerufen wurde und über das bereits rund vier Millionen Euro zusammengekommen sind. Weshalb unterstützen Sie dieses Projekt?

Jo Kimmich hat sich bei mir gemeldet und mich gefragt, ob ich bei der Initiative mitmachen will. Ich habe dann nicht lange gefackelt. In der jetzigen Zeit will ich das machen, was möglich ist. Ich habe eine gewisse Summe gespendet, die dafür eingesetzt wird, Menschen zu helfen, denen es leider nicht so gut geht. Zum Beispiel werden in Altenheimen, in denen die Bewohner nicht besucht werden dürfen, Laptops und Tablets zur Verfügung gestellt, damit sie weiter Kontakt zu ihren Familien halten können.

Ihr Vater gehört selbst zur Risikogruppe, ist an Knochenkrebs erkrankt. Wie geht es ihm in der aktuellen Situation?

Mein Vater hat von mir den "Befehl" bekommen, zu Hause zu bleiben. Er achtet auch sehr darauf, nicht unnötig rauszugehen, wenn es nicht sein muss. Seine Erkrankung ist ein Auf und Ab. Wenn es ihm schlecht geht, muss er auch mal ins Krankenhaus. Derzeit ist das natürlich nicht einfach, weil man sich automatisch Gedanken macht, ob man sich dann ansteckt. Das Coronavirus macht es für ihn noch schwerer, als die Krebserkrankung an sich schon ist.


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