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DFB-Vizepräsident Hermann Winkler fordert: Fünf Aufsteiger in die Dritte Liga

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Am Donnerstag ist DFB-Präsident Bernd Neuendorf ab 18 Uhr im Spinnbau Chemnitz zu Gast und stellt sich den Fragen von „Freie Presse“-Chefredakteur Torsten Kleditzsch und Sportchef Christoph Benesch. Zuvor hat die Sportredaktion mit Neuendorfs Vize gesprochen.

Chemnitz. Die Reformen im Nachwuchsfußball findet Hermann Winkler gut, an der Bundesregierung übt er scharfe Kritik: Der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes ist ein streitbarer Geist. Warum er die Dritte Liga aufstocken und der deutschen Nationalmannschaft bei der anstehenden Europameisterschaft viel zutraut, erzählt der 61-Jährige im Interview.

Freie Presse: Guten Tag, Herr Winkler! Die Saison neigt sich dem Ende, der Deutsche Meister steht bereits fest, die Europameisterschaft rückt näher. Freuen Sie sich schon auf die Heim-EM?

Hermann Winkler: Ja, sehr. Einerseits haben wir hier in Sachsen mit Leipzig einen Ort, an dem vier Spiele stattfinden. Andererseits habe ich den Eindruck, dass wir es durch die jüngsten Entscheidungen im DFB, die Verträge mit Rudi Völler und Julian Nagelsmann zu verlängern, sowie durch die letzten beiden Siege gegen europäische Spitzenteams geschafft haben, die Stimmung etwas anzuheben. Deswegen bin ich optimistisch für das Turnier.

FP: Haben Sie schon Tickets?

Winkler: Als DFB-Präsidiumsmitglied habe ich das Glück, bei den vier Partien in Leipzig als Beauftragter vor Ort zu sein. Ansonsten haben wir uns im Sächsischen Fußball-Verband darum bemüht, für viele unserer Mitglieder und Interessenten ein paar Karten über die offiziellen Seiten zu erhalten.

FP: Mit Erfolg?

Winkler: Es könnten mehr sein (lacht). Die Nachfrage ist gigantisch. Für das Eröffnungsspiel hat es weltweit insgesamt 1,4 Millionen Ticketanfragen gegeben, für das Finale 2,2 Millionen. Das zeigt, wie groß das Interesse an dieser EM ist.

FP: Was denken Sie: Werden wir die deutsche Mannschaft im Finale sehen?

Winkler: Als Funktionär will ich keinen Druck aufbauen und der Nationalmannschaft hineinreden, aber ich habe ein sehr gutes Gefühl, weil ich die Entwicklung des jungen Teams unter Julian Nagelsmann erlebt habe. Ich traue dem Team sehr viel zu.

Mit neuen Trainingskonzepten zu mehr Talenten

FP: In den vergangenen Jahren haben andere Sportarten an großer Beliebtheit gewonnen. Chemnitz beispielsweise kann mittlerweile als Basketballstadt bezeichnet werden, deutschlandweit ist American Football hoch im Kurs: Verliert der Fußball an Bedeutung?

Winkler: Das glaube ich nicht, auch die Mitgliederzahlen sagen etwas anderes. Im sächsischen Verband verzeichnen wir von 2022 auf 2023 einen Anstieg um 11.000 Fußballer auf 182.000. Im Gebiet des Nordostdeutschen Fußballverbandes, also von Rostock bis Erfurt, reden wir von knapp einer Million Menschen, die organisiert Fußball spielen. Fußball ist noch immer die Nummer 1. Aber wir sind uns natürlich der Konkurrenz durch andere Sportarten bewusst. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen, sondern müssen den Fußball aktiv gestalten. Und wir müssen darauf achten, dass wir immer genügend Talente haben. Da hat es in den letzten Jahren eine Delle gegeben.

FP: Auf die der DFB bereits reagiert hat ...

Winkler: Ja. Wir haben uns Gedanken gemacht und neue Formen für den Kinder- und Jugendfußball geschaffen, beispielsweise Drei-gegen-drei oder ein Spiel auf vier Tore. Das sind neue Spielformen, bei denen der wesentliche Zweck darin besteht, dass der Spieler mehr im Mittelpunkt steht und die Kinder mehr Ballkontakte haben, sich mehr bewegen, weniger am Rand stehen und deswegen die Lust verlieren. Sie sollen am Ball bleiben, der eine oder andere von diesen kleinen Fußballern kann irgendwann ein Nationalspieler sein.

FP: Es gab auch Kritik an dieser Reform, die etwa lautete, dass die Kinder so gar nicht mehr das Verlieren lernen können. Wie stehen Sie dazu?

Winkler: Ich finde die Reform gut, musste – so ehrlich will ich sein – aber auch erst davon überzeugt werden. Unsere Erfahrung ist: Kinder interessiert der Tabellenstand nicht, sie wollen Spaß haben und sagen: „Ich habe heute vier Tore geschossen“, nicht: „Ich habe heute nur auf der Bank gesessen.“ Deswegen gibt es das neue Konzept, durch das die Kinder mehr Spaß, mehr Spielzeit, mehr Ballkontakte haben, aber auch in jeder Position spielen können. Und: Die Kinder lernen trotzdem das Verlieren, eben nur in einem anderen Rahmen. Spielen sie gut, steigen sie im Rahmen der Turniere auf; spielen sie schlecht, steigen sie ab. Näher dran am Fußball geht eigentlich gar nicht.

FP: Im vergangenen Jahr ist die deutsche U-17-Auswahl Weltmeister geworden. Da muss einem um die Zukunft des deutschen Fußballs doch nicht bange sein?

Winkler: Das war wunderschön, aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Die jetzige U-17 hat die EM-Qualifikation verpasst. Ich will nicht sagen, dass der Erfolg eine Eintagsfliege war, aber es kam vieles Positives zusammen. Wir hatten mit Christian Wück einen sehr guten Trainer und eben ein sehr starkes Team. Das war nicht immer so in den letzten Jahren.

FP: Die neuen Trainings- und Wettkampfmodelle im Nachwuchs sind eine Maßnahme. Welche Ideen gibt es noch?

Winkler: Im Vergleich zu Ländern wie Portugal, Frankreich, England und Belgien beispielsweise ist es für Deutschland ein Armutszeugnis, wie wenige U-20-Spieler in den Topligen eingesetzt werden. Es ist wichtig, dass Profiteams, insbesondere die in der dritten und vierten Liga, mehr Nachwuchsspieler einsetzen. Gerade die Regionalligaclubs setzen noch viel zu wenig auf den Nachwuchs, verpflichten stattdessen lieber alte Haudegen.

Das Problem wirtschaftlicher Strukturen in Ostdeutschland

FP: Noch einmal zur Entwicklung der Mitgliederzahlen: Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Winkler: Ja, Gefälle ist natürlich da. Es gibt Vereine in Ballungszentren mit Wartelisten, weil sie voll sind. Andere wiederum auf dem Land müssen Spielvereinigungen bilden, weil nicht genügend Mitglieder vorhanden sind. Und es gibt das Problem, beispielsweise im Raum Dresden, dass keine eigenen Sportstätten vorhanden sind und auf andere ausgewichen werden muss. Das ist zwar positiv für den Spielbetrieb, aber hinderlich für das Vereinsleben.

FP: Woran liegt das?

Winkler: An der unzureichenden Sportstättenförderung. Nun wird es politisch: Wir haben eine Europameisterschaft im eigenen Land, erwartungsgemäß kommen nach solchen Großsportereignissen immer mehr Menschen in die Sportvereine. Trotzdem hat die Bundesregierung ausgerechnet in diesem Jahr alle Sportförderprogramme auf null gekürzt. Das ist eine Katastrophe, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es gibt eine Erhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes, wonach deutschlandweit 30 Milliarden Euro investiert werden müssten, um die Infrastruktur für den Sport an den vorhandenen Bedarf anzupassen.

FP: Anderes Thema: In den beiden Bundesligen sorgt der Videoschiedsrichter nahezu jede Woche für Aufsehen. In den Klassen darunter gibt es ihn nicht. Ist das mittlerweile ein ganz anderer Sport?

Winkler: Wenn man das so vergleicht: ja. Dabei stellt sich die Frage, ob man alles gleich machen muss. Jede Liga hat ihre Reize. Manchmal finde ich es gut, dass wir die Torlinientechnik und den VAR haben, schließlich sorgt er meist für Klarheit. Ich finde es aber auch cool, dass wir in der dritten und vierten Liga noch traditionell spielen. Das ist der echte Fußball – mit puren Emotionen und eben auch mit Fehlentscheidungen.

FP: Ein Blick in die Zukunft: Wie viele Ostclubs sind in zehn Jahren noch in den Profiligen vertreten?

Winkler: Ich hoffe, dass es sich zum Positiven wendet. Aufgrund der wirtschaftlichen Struktur und der wirtschaftlichen Entwicklung im Land ist das aber eine besondere Herausforderung. Die Vereine, insbesondere in der dritten und vierten Liga, sind auf die Unterstützung von privaten Unternehmen angewiesen, in diesen Spielklassen gibt es keine relevanten TV-Einnahmen. Und da merkt man deutlich, dass es keinen einzigen DAX-Konzern und zu viel verlängerte Werkbänke in Ostdeutschland gibt, dass die Sponsoren, zumeist Handwerksbetriebe, derzeit selbst mit den wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben und ihr Engagement für den Sport vielerorts zurückfahren.

FP: Welche Lösung gibt es für dieses Problem?

Winkler: Notwendig sind politische Maßnahmen auf Bundesebene, damit die Wirtschaftskraft steigt und sich unsere Strukturen ändern. Dann profitiert auch der Sport, der Fußball. Wir haben zwar große Traditionsvereine, aber Tradition sichert keine Ligazugehörigkeit.

Jeder Regionalliga-Meister soll aufsteigen

FP: Nun scheint es, als würde die Regionalliga Nordost um einen weiteren Traditionsclub wachsen. Der Hallesche FC steht vor dem Abstieg aus der Dritten Liga. Runter geht es schnell, der Weg zurück nach oben ist ein schwerer. Muss man die Regionalliga reformieren, damit die Ostclubs nicht ständig in die Aufstiegsrelegation müssen?

Winkler: Bisher haben wir bei diesem Anliegen wenig Unterstützung erfahren. Wir haben es zwar erreicht – wie in dieser Saison der Fall – alle drei Jahre einen Direktaufsteiger zu haben. Dennoch halte ich die aktuelle Regelung für Wettbewerbsverzerrung, denn der Westen und der Südwesten stellen immer einen Direktaufsteiger.

FP: Wie lautet Ihr Vorschlag?

Winkler: Die Dritte Liga sollte auf 22 Teams aufgestockt werden, damit fünf Mannschaften ab- und aufsteigen können. An der Regionalliga würde ich nichts ändern. Unsere, die nahezu aus allen DDR-Oberligisten und großen Traditionsvereinen besteht, zudem die zuschauerstärkste ist, würde ich gern beibehalten.

FP: Woran scheitert es?

Winkler: Kritiker sagen, dass der Spielplan in der Dritten Liga dann zu voll sei. Ich entgegne: Entschuldigung, das sind Profis. Andere Länder haben noch mehr Spiele. Ein weiteres Argument ist, dass fünf Absteiger zu viel seien. Das sind tatsächlich viel, aber dafür können eben auch fünf aufsteigen. Und dann sind da noch die Vermarktungsexperten, Sponsoren und TV-Partner, die sagen, dass jetzt alles optimal sei. Ich habe den Eindruck, die Dritte Liga ist eine Art geschlossene Gesellschaft, die einfach nicht noch mehr Teams dabeihaben möchte.

FP: In der Dritten Liga und den vierten Ligen spielen derzeit insgesamt 21 Zweitvertretungen von Bundesliga- und Zweitligavereinen. In England beispielsweise gibt es dafür eine eigene Liga, die Premier League II, in der alle U-21-Mannschaften vertreten sind. Wäre das nicht auch ein Modell für Deutschland? Dann könnten die Clubs ihren eigenen Nachwuchs ausbilden und Spielpraxis bieten.

Winkler: Die Idee ist sehr sympathisch. Wir sind gerade dabei, Regelungen zu schaffen, damit wieder mehr zweite Mannschaften entstehen und der Nachwuchs vorangebracht werden kann. Das von Ihnen angesprochene Modell würde ich gern einmal diskutieren.

Bernd Neuendorf zu Gast im „Chemnitzer Salon“

Wann? Donnerstag, 02. Mai 2024, 18.00 - 19.30 Uhr, Einlass: 17.15 Uhr

Wo? Theater Chemnitz im Spinnbau, Altchemnitzer Straße 27, 09120 Chemnitz

Die Anmeldung für eine Vor-Ort-Teilnahme ist bis zum 30. April über diesen Link oder telefonisch unter 0371 278 550158 möglich.


Zur Person

Hermann Winkler, am 22. April 1963 in Grimma geboren, ist ein ehemaliger CDU-Politiker. Von 1990 bis 2009 war er Mitglied des Sächsischen Landtags, von 2004 bis 2007 zudem Staatsminister und Chef der Sächsischen Staatskanzlei. Im Zeitraum zwischen 2009 und 2019 war Winkler Mitglied des EU-Parlaments. Anschließend schied er aus der Politik aus. Seit 2021 ist er Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sowie Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV).

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