Der Ruhepol

Daniel Meyer, Trainer des FC Erzgebirge Aue, über Bausteine für den Klassenerhalt und Planungen für die neue Saison

Aue.

Die Spieler des FC Erzgebirge feiern den Klassenerhalt zwei Tage lang auf Mallorca, Trainer Daniel Meyer plant derweil die neue Saison. Mit dem 39-Jährigen sprach Thomas Scholze.

Freie Presse: Wie groß ist die Erleichterung darüber, den Verbleib in der 2. Bundesliga zwei Spieltage vor Schluss in der Tasche zu haben?

Daniel Meyer: Für uns alle riesengroß. Bei vielen waren die Erlebnisse des letzten Jahres noch präsent - so etwas braucht keiner. Der Druck, der in den vergangenen Wochen auf uns gelastet hatte, war enorm. Und er ist mit jeder Woche, in der die Konkurrenz aufgeholt hat, größer geworden. Irgendwann musst du liefern. Wir wollten den Sack unbedingt in Regensburg zubinden, um nicht alles auf die Heimpartie gegen Fürth ankommen zu lassen. Die Jungs haben das gut umgesetzt, in der ersten Halbzeit sogar mit richtig klasse Fußball.

Dabei haben sie aber mindestens fünf Großchancen ausgelassen.

Bedenklich ist daran, dass wir von den Schüssen nur einen aufs Tor bringen, alle anderen vorbeijagen. Da hat die nötige Präzision gefehlt. Ich war aber trotzdem auch zur Pause sehr zuversichtlich, hatte nie das Gefühl, dass wir das Spiel aus der Hand geben.

Was bedeutet der Klassenerhalt für Sie persönlich in Ihrer Trainerkarriere?

Das ist einfach nur die Fortsetzung meiner bisherigen Arbeit. Ich bin noch nie abgestiegen, und das bleibt hoffentlich so. Ich mache den Job jetzt 18 Jahre, habe um Aufstiege und gegen Abstiege gespielt. Ich kenne das alles, auch wenn es vor Aue unter der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze lag. Das Profigeschäft ist gewiss noch einmal etwas anderes, aber die Automatismen sind die gleichen. Ich freue mich, dass Dinge, die im Amateur- oder Nachwuchsbereich funktioniert haben, hier auch funktionieren. Ich habe das vermutet, sehe mich nun bestätigt.

Können Sie den oder die entscheidenden Punkte nennen, warum es in dieser Saison in Aue funktioniert hat?

Ganz wichtig war, dass wir die Ruhe bewahrt haben, vor allem, wenn man so nach links und rechts guckt. Ich habe mir von Anfang an fest vorgenommen, für alle Beteiligten ein Ruhepol zu sein, eben nicht in Hektik und Aktionismus zu verfallen. Wir hatten einige schwierige Phasen. Dass sich sowohl die Verantwortlichen als auch die Fans dann Gedanken machen, ist normal. Grundsätzlich ist aber wichtig, dass man von Dingen, von denen man zu 100 Prozent überzeugt ist, keinen Zentimeter abweicht. Und ich denke, genau das hat der Mannschaft am Ende geholfen, sie hat aus dieser Stabilität die nötige Kraft gezogen.

Die Rückrunde war dennoch sehr kompliziert.

So ist es. Wir spielen eigentlich schon mit der vollen Kapelle gegen den Abstieg, mit den personellen Engpässen war es fast schon grenzwertig. Das Fehlen von Dennis Kempe und Malcolm Cacutalua hat wehgetan. Und wäre Steve Breitkreuz nicht zurückgekommen, wäre es ganz schwierig geworden. Als Malcolm schon verletzt und Steve noch nicht wieder dabei war, hatten wir unsere schlechteste Phase. Das war dann genau der eine Ausfall zu viel. Aber auch da sind wir ruhig geblieben, haben nicht alles über den Haufen geworfen.

Schon 14 Trainer mussten in dieser Saison in der Zweiten Liga ihren Stuhl räumen. Sie sind einer von nur sieben, die vom Start im August noch übrig sind.

Das ist wirklich Wahnsinn. Es war eine sehr wilde Saison. Wenn mir das vorher einer gesagt hätte, wäre ich ins Grübeln gekommen, ob ich dasAngebot aus Aue annehme. Ich hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einem großen Club. Aber wahrscheinlich hätte ich es trotzdem gemacht. Einfach, weil ich bekloppt bin.

Geht in Aue grundsätzlich mehr, als immer nur um den Klassenerhalt zu kämpfen?

Wir werden immer mit der Marschrichtung in die Saison gehen, dass wir erst einmal die Klasse halten müssen. Aber ich denke schon, dass wir ohne Verletzungspech auch mal in eine andere Richtung schauen können. Es ist wichtig, Kontinuität in den Kader zu bekommen. Wenn man nicht jedes Jahr bei null anfangen muss, kann man besser sein.

Pascal Testroet muss bleiben - egal, wer da mit den großen Scheinen wedelt?

Das kann man als FC Erzgebirge Aue so nicht sagen. Wenn jemand ganz viel Geld bietet, ist bei uns niemand unverkäuflich. Wobei das im Fall von Pascal schon ein unmoralisches Angebot sein müsste. Mit seinen 15 Toren ist er natürlich ein entscheidender Faktor für unseren Erfolg. Er wäre nur ganz schwer zu ersetzen. Aber das haben nach dem Abschied von Pascal Köpke auch alle gesagt.

Hilft der zeitige Klassenerhalt beim Planen?

Ja, auf jeden Fall. Ich war mutig, habe für diese Woche schon viele Termine mit Leuten vereinbart, die wir für die neue Saison haben wollen. Wir haben jetzt eine Basis, um vielleicht Dinge auch schnell lösen zu können. Begehrte, ablösefreie Spieler kann man nicht erst im Juli ansprechen. Und es sind ja noch ein paar Jungs bei uns, bei denen bislang nicht klar ist, ob sie bleiben. Möglicherweise fällt die Entscheidung jetzt leichter.

Es stehen noch zwei Partien in dieser Saison aus - mit welchen Zielen?

Wir werden die Serie seriös zu Ende spielen. Es geht noch um eine ganze Menge für den Verein sehr wichtiges TV-Geld, das wir anders nicht erwirtschaften können. Jeder Platz, den man am Ende weiter vorn steht, ist wichtig. Und wir können noch Neunter, genauso gut aber auch nur 15. werden. Ich erwarte, dass meine Spieler am Sonntag mit der notwendigen Spannung in die Partie gegen Fürth gehen. Das sind wir den anderen Mannschaften der Liga auch einfach schuldig.

Trotzdem Zeit für ein paar Experimente?

Wir werden versuchen, eine gute Mischung zu finden. Tom Baumgart hat in Regensburg ein ganz starkes Spiel abgeliefert, viele der Jungs haben bei uns im Saisonverlauf ihre Möglichkeiten bekommen. Was ich auf alle Fälle vorhabe, ist, Mario Kvesic noch einmal auf den Platz zu bringen. Das hat er sich einfach verdient, weil er sich in den letzten Wochen und Monaten absolut vorbildlich verhalten hat. Im Tor muss ich tauschen, Martin Männel hat sich doch etwas ernster am Knie verletzt. Und einige andere, die sich durch die letzten Wochen mehr oder weniger geschleppt haben, bekommen eventuell auch eine Pause. Wir werden keine unnötigen Risiken mehr eingehen, aber wilde Experimente wird es auch nicht geben. Wir wollen die letzten beiden Spiele gewinnen, werden nicht mit der A-Jugend auflaufen.

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