Die schönste Belohnung wartet im Ziel

1200 Kilometer in 66 Stunden - und das mit dem Fahrrad. Jens Ritter fuhr die älteste Langstrecke von Paris nach Brest und wieder zurück. Der Plauener ist der Vogtlandsportler der Woche.

Plauen.

Alle vier Jahre starten in Paris Tausende Radfahrer, um von dort aus nach Brest zu radeln und wieder zurück. 1200 Kilometer, die nicht umsonst als Olympiade der Langstreckenfahrer gelten. Der Plauener Jens Ritter nahm zum dritten Mal an dieser Tortur teil und schaffte es, nach 66 Stunden wieder am Startpunkt über die Ziellinie zu fahren. Dort wartete etwas ganz Besonderes auf ihn.

Als Jens Ritter am Sonntagabend 18.15 Uhr auf sein Fahrrad steigt, weiß er, dass er in den kommenden drei Tagen kaum schlafen, essen und trinken wird, sondern sich hauptsächlich damit beschäftigen wird, die 1219 Kilometer und 11.000 Höhenmeter hinter sich zu bringen. Bei Tag und Nacht, Sonne und Regen treibt es ihn durch das Hinterland Frankreichs. Immer auf der Suche nach dem nächsten Checkpoint, der alle 80 bis 90 Kilometer anzusteuern ist. Dort gibt es Verpflegung, Duschen und mit ein wenig Glück auch ein Feldbett zum Ausruhen.

Gut 320 Kilometer müssen die Teilnehmer an einem Tag zurücklegen, um in der vorgegebenen Zeit von 90 Stunden zu bleiben. Ritter schaffte es in exakt einem Tag weniger. "Bist du einmal auf dem Fahrrad, gibt es keinen Tagesrhythmus mehr. Du denkst nur noch in Abschnitten bis zum nächsten Kontrollpunkt. Es ist wirklich eine andere Welt, wenn man fährt", erzählt der Plauener.

Eine Gesamtwertung gibt es bei der Fahrt nicht - aus Prinzip! "Die Veranstalter wollen kein höher, schneller, weiter. Jeder fährt nach seiner eigenen Philosophie. Keiner soll rammeln wie ein Irrer, um die Bestzeit zu schaffen", erklärt Ritter. Das allerdings schließt keine persönlichen Ziele aus. Als Jens Ritter 2011 das erste Mal in Paris startete, ging es für ihn nur um das Durchhalten. Vier Jahre später wollte er unter 77 Stunden bleiben, in diesem Jahr setzte er sich selbst die Marke von 70 Stunden. Dass er ganze vier Stunden unter seiner Vorgabe blieb, erklärt er damit, dass er beim dritten Start wusste, wie es läuft. So hatte er sich zum Beispiel nicht einen bestimmten Checkpoint für das Schlafen rausgesucht. "Das ging vor vier Jahren schief, als ich an einem Punkt ankam und kein Bett für mich frei war", so Ritter. Dass man sowieso nicht viel schläft, daran hat sich Ritter mittlerweile gewöhnt.

Der Schlafentzug ist aber auch ein großes Risiko. So erzählt Ritter von Fahrern, die völlig entkräftet am Straßenrand saßen oder lagen. "Patrouillen kümmern sich um die Leute", so der Langstreckenfahrer. Andere wiederum kämpfen sich durch, was im normalen Straßenverkehr durchaus zur Gefahr werden kann.

Nach 1219 Kilometern schleppen sich die Teilnehmer über die Ziellinie. Viele vollkommen entkräftet. "Ich habe einen Fahrer gesehen, der eine Plasteflasche unter dem Kinn hatte, weil er seinen Kopf nicht mehr oben halten konnte", erzählt Ritter, der zu diesem Zeitpunkt das Geschehen von außerhalb begutachten konnte, da er schon im Ziel war. Dort wartet für den Plauener das Highlight. Seine Familie war nach Paris gekommen. Tochter Isabelle hatte sich nach ihrem Abitur als Volontärin und Helferin für das Event eingeschrieben. So konnte sie nach 66 Stunden Fahrt ihrem Vater direkt hinter der Ziellinie die Medaille stolz um den Hals hängen.

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