Stefan Bötticher und sein schwieriger Weg

Der zweifache Sprint-Weltmeister vom Chemnitzer PSV bestritt seinen bislang letzten Wettkampf im Dezember 2015. Er kann immer noch nicht spezifisch trainieren, sieht aber Licht am Ende des berühmten Tunnels und freut sich sogar über Muskelkater.

Chemnitz.

Mit seiner Situation hat sich Stefan Bötticher erst einmal abgefunden, was bleibt ihm auch weiter übrig. Obwohl sie ihn als Weltklasseathleten natürlich alles andere als befriedigt, er seinen Trainingsalltag ganz anders gestalten würde. Nach einer langen Leidenszeit wirkt er jedoch so langsam wieder zuversichtlich. "Die kleinen Schritte vorwärts geben mir viel Hoffnung", meint der Bahnsprinter und fügt hinzu: "Ich bin froh, dass bis Olympia noch über drei Jahre Zeit ist." Übertrieben optimistisch klingt das nicht. Aber der Athlet vom Chemnitzer PSV hat gelernt, mit den Gegebenheiten umzugehen, Geduld zu üben und nichts zu überstürzen. Denn seit nunmehr bereits 16 Monaten hat er keinen Wettkampf mehr bestritten, sich nicht speziell seiner Disziplin widmen können. Auch schon vorher - im Prinzip seit seinen zwei überraschenden Triumphen bei der Weltmeisterschaft (Sprint, Teamsprint) im Februar 2013 - plagte er sich mit Verletzungen, Krankheiten und muskulären Problemen herum.

Konnte er sich dennoch für die Saisonhöhepunkte in den Frühjahren 2014 - da gewann er trotz schlechter Vorbereitung Silber im Sprint - und 2015 qualifizieren, erlebte er kurz vor Weihnachten 2015 den Tiefpunkt. Er musste schweren Herzens den zweiten Weltcup absagen, fehlte so auch bei der WM, bei der wiederum die Olympiastartplätze vergeben wurden. Ein großer Traum platzte, er erlebte die schlimmsten Momente seiner Karriere. Der Körper spielte zu jenem Zeitpunkt einfach nicht mit, um das notwendige Leistungsvermögen aufzubauen.

Stefan Bötticher nahm eine sportliche Auszeit, trat lange Zeit überhaupt nicht in die Pedale. In den Jahren zuvor hatte er mehrfach Fachärzte und Spezialisten konsultiert, die verschiedenen Untersuchungen und Behandlungen über sich ergehen lassen. Mal ging es vorwärts, oft folgten Rückschläge. Sein Hauptproblem war, dass ein Muskel im linken Oberschenkel nicht richtig arbeitete. Daraufhin kam es auch zu Fehlbelastungen und Entzündungen an anderen Stellen des Körpers (Knie, Becken). Wie sich mit der Zeit herausstellte, zeigten die individuellen Behandlungen im Therapie- und Trainingszentrum des renommierten Physiotherapeuten Hans Friedl in Edling nahe München die beste Wirkung. Inzwischen verbringt er pro Monat mindestens eine Woche dort, am Montag reist er wieder hin. "Die richtigen Fortschritte gab es aber erst, als die Doppelbelastung mit der Schule weg war. Das habe ich sofort gemerkt", berichtet der 25-Jährige erleichtert. Von September 2016 bis Anfang Februar 2017 absolvierte er in Kienbaum gemeinsam mit seinen Chemnitzer Sprintkollegen Joachim Eilers und Max Niederlag die letzte Phase der Ausbildung zum Polizeimeister einschließlich der Abschlussprüfungen, die alle mit Erfolg bewältigten.

Während seiner Aufenthalte in Bayern lernte er beispielsweise auch vielfältige neue Methoden, Herangehensweisen und Anwendungen des Neuroathletiktrainings (vereinfacht: Bewegungen über das Gehirn und das Nervensystem verbessern und steuern) kennen, die bei ihm zur Anwendung kommen. "Man muss dabei geistig frisch sein, sich besonders konzentrieren und viel in seinen Körper, den man dabei anders kennenlernt, hineinhören", versucht Stefan Bötticher zu erklären. Er setzt sich mit diesen Dingen selbst sehr intensiv auseinander, widmet sich auch, wenn er in Chemnitz ist, mehrere Stunden mit Vehemenz täglich diesen Übungen - ob zu Hause oder im Kraftraum mit Unterstützung seiner Trainer Ralph Müller und Andreas Hirschligau. Ein riesiges Spektrum steht ihm zur Verfügung, er kann wie aus einem "Baukasten" auswählen. Dabei kontaktiert er stetig die Spezialisten in Edling. "Es war zum Beispiel ein kleines Highlight für mich, als ich nach einer Einheit in meinem linken Oberschenkel erstmals wieder Muskelkater spürte. Das hatte ewig nicht funktioniert", erzählt der mehrfache Europameister und einstige Juniorenweltmeister von den kleinen Freuden des Alltags. Auch fährt er wieder Rad, bisher zwar nur auf der Straße - aber da schon mal drei Stunden am Stück ohne Probleme. Nur schnelle Bewegungen, die er als Sprinter auf der Bahn benötigt, sind noch nicht möglich.

Dass es Stück für Stück vorwärts geht, tut gut. Ein konkretes Ziel für den Wiedereinstieg zu setzen, wäre nach all den Erfahrungen schwierig. Er hofft sehnlich, dass er ab kommender Saison im Herbst wieder richtig einsteigen kann. Aber unter Druck setzt er sich deswegen kaum. "Die Behandlungen haben mir auch mental einiges gebracht, die Dinge gelassener, nicht so verkrampft zu sehen", meint Stefan Bötticher. In all den schwierigen Phasen dachte er nie ans Aufhören. Und jetzt sagt er voller Überzeugung: "Den Glauben, dass alles wieder funktioniert, habe ich nicht verloren."

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