Aufbruch in die Freiheit

"Plötzlich durften wir im Westen spielen" 

"Besseres kann Hof nicht passieren." Diese Schlagzeile stand am 13. November 1989 in der Tageszeitung von Plauens Partnerstadt. Einen Tag zuvor erlebten tausende Passanten ein spontanes Straßenfest in der Hofer Innenstadt. Mittendrin: die Musiker der vogtländischen Band Minimax. "Wir waren die erste Band aus dem Vogtland, die nach der Grenzöffnung in Hof gespielt hat", erinnert sich Uwe Riedel.

Immer dann, wenn ihn die bewegenden Bilder von damals einholen, kommen beim heute 58-Jährigen Emotionen hoch. Zusammen mit seinen früheren Musiker-Kollegen Burkhard Laudel und Bandgründer Gert Heidenreich fuhr er damals mit einem Moskwitsch-Kombi und Anhänger nach einer Faschings-Mucke in Thüringen bei Nacht und Nebel über den Grenzkontrollpunkt Rudolphstein. "Wir haben uns damals spontan entschlossen, nach Hof zu fahren." An der inzwischen löchrig gewordenen innerdeutschen Grenze habe es keine Probleme gegeben. Die DDR-Grenzer hätten sich nur über den Anhänger gewundert. Kurz nach der Überquerung der Saale-Brücke gaben die Vogtländer Reportern vom Bayerischen Rundfunk ein kurzes Interview. Danach rollte das Trio direkt in Richtung Hof weiter. Verpflegung gab's an der Freiheitshalle. "Damals war die Halle voller Feldbetten und Leuten aus der DDR", erinnert sich Riedel. Von dort aus erkundeten die von Neugier angetriebenen Musiker die Stadt. An den Ausgabestellen standen DDR-Bürger in langen Warteschlangen nach dem Begrüßungsgeld an. "Gegen 9 Uhr morgens haben wir am Sonnenplatz Radio Euroherz entdeckt." Der frühere Geschäftsführer des Senders, Heinz Zrenner, begrüßte die Besucher aus dem Vogtland persönlich. "Er hat uns gefragt, ob wir bei dem Fest mit auftreten wollen." Diese Gelegenheit wollte sich die mit einer Musikanlage und Instrumenten ausgestattete Reisegruppe aus Plauen nicht entgehen lassen.

Auch drei Jahrzehnte später läuft bei Riedel alles noch einmal wie im Film ab. "Wahnsinn, plötzlich durften wir im Westen spielen." Zudem bekam die Band Tipps, wo man ohne lange anzustehen, Westgeld bekommen kann. "Wir sind nach Oberkotzau ins Rathaus gefahren. Dort waren wir ganz allein." Dann rollte der Moskwitsch wieder in Richtung Hofer Innenstadt. "Ein Polizeiwagen hat uns eskortiert."

Dann legte Minimax los. Statt der vom Radio-Chef erwarteten "Stub'n Musi" rockten die Plauener ab. Ohne genaue Vorstellung, was passiert, moderierte Studioleiter Hannes Matthiesen eine mehrstündige Live-Sendung. Die Hofer Innenstadt glich einer riesigen Fußgängerzone, berichtete die Zeitung. Für DDR-Bürger wurden alle paar Minuten Verkehrsmeldungen durchgegeben.

An die schlaflose Nacht habe in diesem Moment niemand gedacht. "Das war pures Adrenalin. Da war niemand von uns müde", so Laudel. Nach dem emotionalen Konzert wurde die Band von Kommunalpolitikern und Vertretern aus der fränkischen Wirtschaft noch zum Essen in einer Hofer Gaststätte eingeladen. "Danach sind wir über den gerade erst eröffneten Grenzübergang Ullitz nach Hause gefahren."

Vom Trip in den Westen bekamen die Familien der Ausflügler nichts mit. "Die wussten nicht, wo wir waren." Dieses legendäre Fest in Hof kurz nach der Grenzöffnung öffnete den Musikern viele Türen. Durch die neuen Kontakte folgten viele Konzerte in der fränkischen Nachbarregion. Für den Sender, der damals alles ins Rollen brachte, arbeitete Riedel 25 Jahre als freier Mitarbeiter. 2004 gründete er mit Laudel MRB Live. Heidenreich spielt mit seiner Formation bis heute unter dem Namen Minimax.


Röders Vermächtnis: Plauen war's, nicht Leipzig 

"Es waren die Vogtländer." Dieser Satz steht klein gedruckt auf dem Titel der von Jean-Curt Röder zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution herausgegebenen Dokumentation "3 Stunden, die die Welt veränderten". Diese Worte stehen felsenfest für die Überzeugung des Verlegers und Querdenkers.

Schon als Röder 1991 "Die Wende" ins Programm des Vogtländischen Heimatverlages Neubert aufnahm, gab es für den Lokalpatrioten ein entscheidendes Motiv. "Damit wird Leipzig der zweite Platz in der friedlichen Revolution deutlich gemacht", betont Röder. Inzwischen fühlt er sich durch Aussagen etwa von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bestätigt, der sinngemäß sagte, niemand könne heute wissen, wie sich die Dinge am 9. Oktober in Leipzig ohne Plauens Bürgermut zwei Tage zuvor entwickelt hätten. "Plauen war der Auslöser für den Mauerfall", bekräftigt der Verleger.

Pünktlich zu den großen Jubiläen hat Jean-Curt Röder auf 608 Seiten eine beeindruckende Materialsammlung vorgelegt und in den Kontext der untergehenden DDR eingeordnet. Sie ist auf den 7. Oktober 1989 fokussiert und ganz speziell auf das Geschehen in Plauen von 15 bis 18 Uhr. "Es ist mein Vermächtnis", sagt der 74-Jährige und fügt an: "Das bedeutet nicht, dass ich jetzt aufhören will." Im Gegenteil.

Neben Aussagen zur Rolle Plauens stellt er weitere Thesen auf. "Dass es keine Toten und Verletzten gab, ist Egon Krenz zu verdanken." Dabei bezieht sich Röder hauptsächlich auf zwei Quellen. Am 5. Oktober erließ Stasi-Chef Erich Mielke den Befehl, "feindlich-negative Aktionen mit allen Mitteln entschlossen zu unterbinden". Krenz erklärte in einem Interview mit dem Journalisten Jakob Augstein, am 8. Oktober, also zwischen Plauen und Leipzig, habe er in Mielkes Büro angeordnet: "Es wird kein Blut fließen."

Wer solche Schätze in Röders Werk heben will, muss tief in die Materie eintauchen. Viele, viele Zeitzeugen bekamen Gelegenheit, sich zu den Ereignissen 1989 zu äußern. Und in der Tat könnte das Spektrum größer kaum sein: Da kommt die vierfache Mutter aus einem Dorf im Grenzgebiet zu Wort und der Vater eines 20-Jährigen, der scheinbar für immer im Flüchtlingszug davon fährt. Da berichten ein Plauener Gefängniswärter und der US-amerikanische Historiker John Connelly. Da erzählt eine Oma, wie sie mit ihrer Enkeltochter zum Kinderfest will und plötzlich einem Wasserwerfer gegenübersteht. Der schier allmächtige SED-Kreischef Werner Schweigler beklagt den Zusammenbruch seiner Welt, und der heutige Chemnitzer IHK-Geschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich schildert, wie er sich der Stasi-Anwerbung widersetzte. Der letzte Speiseplan des VEB Vowetex ist enthalten und der Text des Vogtland-Demo-Liedes. Am häufigsten ist der Autorenname Emilie Neideitel zu lesen. Das Pseudonym muss für heikle Themen herhalten und Quellen schützen. Die "Plünderungsorgie der Treuhand" wird thematisiert. Westdeutsche bekommen von Röder für den auf Schmäh-Flugblättern formulierten Neid ihr Fett weg und die Ostdeutschen wegen ihrer Gier auf die D-Mark.

Das Buch "3 Stunden, die die Welt veränderten" ist in den "Freie Presse"-Shops zum Preis von 33 Euro erhältlich.


Eine Erinnerung zum Anschauen

Eine Erinnerung zum Anschauen, rund zwölfeinhalb Minuten lang, haben Lars Buchmann und Lars Gruber zum Mauerfall-Jubiläum erstellt. Der Kurzfilm mit dem Titel "Plauen und die friedliche Revolution 1989 -1990" ist zum 30. Jahrestag auf der Internetplattform Youtube erschienen. Vor Kurzem hatte Lars Buchmann bereits mit großem Erfolg einen Clip mit nie zuvor gezeigtem Material aus der Spitzenstadt vom 7. Oktober 1989 kreiert.

Der neue Film zeigt weitere historische Aufnahmen sowie Fotos und deckt einen größeren Zeitraum ab. "Da wir als Lars & Lars Stadttouren zum Thema ,Wende 89 in Plauen aus Sicht der Staatsmacht und der Staatsorgane' durchführen", erklärt Lars Buchmann, "wollten wir dieses Wissen in den aktuellen Film mit einbauen". Lars Gruber habe sich mit den Stasi-Unterlagen beschäftigt und neue Erkenntnisse über diese Zeit gewonnen. Gruber erzählt im Film die Vorgeschichte zur legendären Demo am 7. Oktober 1989, aber auch von unvergessenen Momenten und großen Gefühlen: wie es überhaupt zur Revolution in Plauen kam, wie es nach der wegweisenden Demo weiterging und was die Grenzöffnung am 9. November auslöste.

Darunter sind auch Aufnahmen, wie die Familie von Helke-Maria Rosenthal, früher Direktorin der Plauener Grundschule Kuntzehöhe, das DDR-Emblem aus einer Fahne schneidet und sie auf dem Balkon zeigt - und wie mit einer solchen Fahne vom Straßenrand Autoschlangen gegrüßt werden.

Das neue Video von Lars Buchmann und Lars Gruber mit dem Titel "Plauen und die Friedliche Revolution 1989-1990":


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