Akte Westsachsen: Wertvoller Nachlass weckt Begehrlichkeit

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AKTE WESTSACHSEN Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Straftaten aus der Vergangenheit zurück. Heute: Der Leiter eines Altersheimes bediente ich am Nachlass von Verstorbenen.

Zwickau.

Oskar Fritsche war verzweifelt. Er war sich darüber im Klaren, dass sein Ansinnen pietätlos war, aber trotzdem musste er mit dem Leiter des Altersheimes, in dem seine Mutter vor zwei Tagen im Januar 1951 verstorben war, reden. Denn Fritsche war sich sicher, dass sie eine wertvolle Goldkette mit Schmucksteinen und einem dazu passenden Ring hinterlassen hatte. Er brauchte den Schmuck. Er musste ihn schnell verkaufen, um mit dem Geld seine Schulden zu bezahlen. Oskar Fritsche konnte nicht ahnen, dass er damit den Grundstein für die Aufdeckung einer bis in die heutige Zeit spektakulärsten Diebstahlsserie in Seniorenheimen legte.

Man habe gerade erst das Zimmer der Mutter geräumt und alles in Kartons verpackt, erfuhr er von Albert Freitag, dem Leiter der Einrichtung. Doch in den Kisten konnte Fritsche den Schmuck nicht finden. Bis zu ihrem Tod hatte seine Mutter stets Ringe getragen. Doch auch die waren nicht in den Kisten. Die wachsende Nervosität des Heimleiters fiel dem Sohn nicht auf. Auch nicht, als er konkret nach dem Schmuck fragte. Nach einigem Nachdenken sagte Freitag, dass die Mutter vor ein paar Wochen nach einem Goldschmied gefragt habe, der Schmuck in Zahlung nehmen würde. "Vielleicht hat sie ihm den Schmuck verkauft", sagte Freitag. Jetzt wurde Fritsche misstrauisch. Niemals hätte seine Mutter ihren Schmuck versetzt. Er war immer, auch während des Krieges, ihre Reserve gewesen. "Mein Junge den Schmuck wirst Du eines Tages erben", soll die 94 Jahre alte Frau mehrfach gesagt haben.

In Oskar Fritsche wuchs ein Verdacht. Mutters Schmuck war gestohlen worden. Vom Altersheim führte ihn sein Weg direkt zur Polizei. Der Polizei-Angestellte Michel, der gerade Dienst hatte, reagierte schnell. Noch am selben Tag klapperte er alle Goldschmiede, Juweliere und Pfandleiher im Stadtgebiet ab. Doch eine Herta Fritsche kannte keiner von ihnen. An eine Dame ihres Alters hätte man sich ebenso erinnert, wie an einen Besuch in einem Altersheim. Michel konzentrierte seine Ermittlungen daher auf das Heim. Viele der 230 Bewohner verließen kaum noch ihre Zimmer, wie Michel notierte. Und Herta Fritsche hatte offenbar sehr zurückgezogen gelebt. Sie hatte kaum jemanden in ihr Zimmer gelassen und die Tür immer abgeschlosses, wenn sie dieses verließ.

Jetzt geriet der 54 Jahre alte Leiter des Heimes in den Fokus der Ermittlungen, der - so hatte Michel aufgeschrieben - einen zunehmend unsicheren Eindruck hinterließ und sich auch gelegentlich widersprach. Er hatte 1945 die Einrichtung übernommen. Michel hatte erfahren, dass bereits durch seinen Vorgänger nach dem Tod von Bewohnern deren Wertgegenstände separat in Kartons verpackt wurden, die im Büro des Heimleiters gelagert wurden. Diese Vorgehensweise hatte er übernommen. Den Ermittler machte stutzig, dass das bei Herta Fritsche anders gewesen sein soll, zumal der Heimleiter nach langem Zögern zugab, dass die Frau immer Schmuck getragen hatte. Tatsächlich fand er im Büro des Heimleiters keinen Karton, auf dem ihr Name stand. Ob es sich um einen glücklichen Zufall handelt oder der Neugier des Kriminalisten geschuldet ist, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Im Schreibtisch des Heimleiters fand Michel jedenfalls eine große Kiste vollgepackt mit Schmuck, Bargeld, Sparbüchern und anderen Wertgegenständen.

Jetzt war Michel sicher, auf der richtigen Spur zu sein. Eine Durchsuchung der Wohnung des Mannes brachte in den Wohnräumen, im Keller und auf dem Dachboden zahlreiche weitere Wertgegenstände bis hin zu Gemälden zutage. Am 31. Januar 1951 wurde Albert Freitag verhaftet. Auch seine Frau Frieda geriet in Verdacht, blieb jedoch auf freiem Fuß. Vor dem Kriminalisten Michel lag jetzt eine wahre Fleißarbeit. Er musste die Fundstücke den jeweiligen Eigentümern zuordnen. Dazu bediente er sich einer Liste der Personen, die in den letzten drei Jahren in dem Altersheim verstorben waren. Am Ende hatte er eine Übersicht von 42 Verstorbenen erstellt, bei denen die Angehörigen Ringe, Ketten, Broschen, Ohrringe, Uhren und weitere Gegenstände als ihr Eigentum identifizierten. Auch eine Hirschfigur aus Bronze sowie mehrere Essbestecks aus Silber konnte den rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden. Der Wert wurde auf mehr als 20.000 DM geschätzt. Vor allem Taschenuhren konnten jedoch den tatsächlichen Besitzern nicht zugeordnet werden. Was mit ihnen geschah, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Insofern, so schrieb Polizist Michel in seinem Bericht, sei die Liste nicht vollständig. Das sah der Heimleiter anders und gab weiterhin nur das zu, was ihm auch bewiesen werden konnte. Wie viel Gegenstände er bereits verkauft hatte, dazu äußerte sich der Verhaftete nicht. Aber Albert Freitag gab zu, sich nach dem Tod der Bewohner an deren Besitztümern bedient zu haben. Wenn das Personal den Tod festgestellt hatte, war er stets informiert worden. Nach dem Abtransport verzögerte er absichtlich die Information der Angehörigen, um in Ruhe deren Zimmer durchsuchen zu können. Dabei hat er sich an Dingen orientiert, die seiner Meinung nach wertvoll waren. Nach eigener Aussage hatte er nie alles an sich genommen, sondern zumindest einen kleinen Teil den Nachfahren herausgegeben. Bisher, so berichtete er der Polizei, habe sich auch niemand beschwert. Freitag hatte darauf gesetzt, dass keiner der Erben den Nachlass überprüfen würde. Das hatte funktioniert, bis der in Geldnot geratene Oskar Fritsche in seinem Büro stand. Zusammenfassend schrieb Michel, dass es in dem Heim nur wenige Fälle gegeben habe, in denen die hinterlassenen Wertgegenstände ordnungsgemäß registriert und anschließend vollständig an die Hinterbliebenen herausgegeben wurden. Den Vorwurf, beim Ableben der Bewohner nachgeholfen zu haben, bestritt der inzwischen entlassene Heimleiter. Der Verdacht konnte nie bewiesen werden.

Dafür kam bei den Ermittlungen noch ein anderes Verbrechen ans Tageslicht. Albert Freitag hatte sich an den Lebensmittelrationen, die der Küche des Heimes anhand der Zahl der Bewohner zur Verfügung standen, bedient und so vor allem Fleisch und Kartoffeln für den eigenen Haushalt abgezweigt. Das flog auf, als seine Frau auf einem illegalen Markt Fleisch gegen Butter tauschen wollte und dabei von der Polizei aufgegriffen wurde.

Am 6. Dezember 1951 wurde Albert Freitag vom Landgericht Zwickau zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Richter sprachen ihn wegen schwerer Amtsunterschlagung, Diebstahl und Wirtschaftsvergehen schuldig. Insgesamt 14 Zeugen hatte die Staatsanwaltschaft für das Verfahren laden lassen. Vor dieser Strafe schützte ihn auch die Mitgliedschaft in der SED nichts. Am 17. Juli 1952 verwarf das Oberlandesgericht in Dresden die Revision. Albert Freitag musste seine Strafe vollständig absitzen. Über das weitere Schicksal des Mannes ist nichts bekannt.

Alle Namen im Beitrag wurden geändert. Der Fall wurde nach Unterlagen des Staats-archives Chemnitz rekonstruiert.

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