Ukraine-Helfer setzt Zeichen für Versöhnung

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Karl-Ernst Müller trauert um zwei enge Familienmitglieder, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Gleichzeitig bittet er um Vergebung. Jetzt appelliert er an die Vernunft in dem aktuellen Konflikt.

Zwickau.

Was er sich früher als junger Spund immer über seinen Vornamen geärgert habe, sagt Karl-Ernst Müller (75) aus Zwickau. Oft hätte man ihn mit Karl-Heinz angesprochen, manche mit Absicht, andere aus Versehen.

"Das hat mich rasend gemacht", sagt Müller weiter. Aber er hat sich mit seinem Vornamen arrangiert. Karl hieß sein Onkel mütterlicherseits, Ernst sein Onkel väterlicherseits. Beide sind als einfache Soldaten im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine gefallen, als das Land noch Teil der Sowjetunion war und Stalin als Herrscher im Kreml saß. Sozusagen als Erinnerung an die beiden Verwandten hat Müller 1947 bei seiner Geburt den Doppelnamen Karl-Ernst bekommen. Und da sind wir schon mitten in der Geschichte, in der es um Vergebung geht und um Versöhnung und auch um Krieg und Frieden.

Am Donnerstag dieser Woche will Müller wieder in die Ukraine fahren. So wie andere nach Mallorca fliegen oder nach Ibiza, so fährt Müller mit dem Auto über 1000 Kilometer Richtung Osten. Meistens hat er Medikamente oder Wolle im Kofferraum oder Spielzeug, um den Menschen in Wolodymyr zu helfen oder einfach nur eine Freude zu machen. Wolodymyr zählt rund 35.000 Einwohner und befindet sich 15 Kilometer jenseits der polnischen Grenze. Dass der Ort zu den Partnerstädten von Zwickau gehört, ist hauptsächlich Müllers Verdienst. Aber ob es diesen Donnerstag tatsächlich mit der Reise in die Ukraine klappt, ist noch nicht ganz sicher. "Die Lage kann sich jeden Tag weiter verschlechtern", sagt Müller. In dem kleinen Arbeitszimmer unter dem Dach des Einfamilienhäuschens am Stadtrand, in dem Müller mit seiner Frau Brigitte seit dem Jahr 1991 lebt, hängt eine ukrainische Flagge in den Landesfarben gelb und blau. Am vergangenen Wochenende hat Müller in Berlin vor dem Brandenburger Tor gegen eine drohende Invasion Russlands demonstriert. "Löst den Strick vom Hals der Ukraine", forderte er auf einem Transparent.

Karl-Ernst Müller ist in Zwickau bekannt wie ein bunter Hund. Von 1990 bis 2005 war er Chef des Ordnungsamtes, später saß er lange als Parteiloser für die CDU im Stadtrat, verließ am Ende die Fraktion im Streit. Es klingt ein wenig paradox, seine große Vorliebe für die Ukraine hat ihre Ursache in einer großen Tragödie. Das Schicksal seiner beiden Onkel Karl und Ernst, die 1941 mit der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion und damit in die Ukraine einfielen, hat ihn nie losgelassen und immer mehr gefesselt. Als Müller pensioniert wurde und Zeit hatte, da sagte er sich: "Karl-Ernst, du weißt, was du noch zu erledigen hast." Er wollte die Gräber seiner Onkel finden, dort um sie trauern, aber gleichzeitig auch das Volk, das die Deutschen 1941 überfallen haben, um Verzeihung bitten. Vielleicht ist das der Stoff, aus dem große Melodramen gemacht werden.

Über das Rote Kreuz und die Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand Müller heraus, wo die beiden Männer gefallen sind. Karl wurde 1943 tot aus einem Lazarettzug geborgen, nachdem er bei einer Schlacht verletzt worden war. Vermutlich liegt er in einem Massengrab in der Zentralukraine. Ernst fiel zwei Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941. Es existieren Fotos von seinem Grab in einem Dorf nahe Wolodymyr, der heutigen Zwickauer Partnerstadt. Die Bilder haben seine Kameraden gemacht und nach Hause an seine Frau geschickt. Der Stahlhelm des Soldaten auf einem provisorischen Kreuz. Müller bewahrt die Feldpostbriefe, die sein Onkel einst an die Familie geschrieben hat, auf wie einen Schatz. Den letzten hat der Onkel einen Tag vor seinem Tod verfasst. 2005 setzte sich Müller zum ersten Mal in sein Auto, um in das Dorf zu fahren, in dem Ernst begraben wurde. Das Grab existiert nicht mehr, aber mit Hilfe eines Heimatforschers fand Müller die Stelle, an der es sich befand. "Ein unglaublicher Augenblick", erinnert sich Müller. Der Heimatforscher habe zu dem toten Soldaten unter der Erde gesagt, jetzt kannst du in Frieden ruhen, deine Familie hat dich gefunden.

Dann fuhr Müller immer öfter in den Ort. Er setzte sich hartknäckig dafür ein, dass das größere und nahe gelegene Wolodymyr zu Zwickaus Partnerstadt wurde. Einmal sagte Müller bei einer Gedenkveranstaltung vor 2000 Leuten: "Ich bitte um Verzeihung für das Leid, das euch unsere Väter angetan haben." Die Ukrainer pflanzten im Stadtzentrum eine Deutsche Eiche.

Jetzt hat Müller Angst, seine Freunde könnten nochmal so etwas Schreckliches erleben wie im Zweiten Weltkrieg. Kein Sowjetvolk

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