"Wir liegen bereits überm Durchschnitt"

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WHZ-Rektor Stephan Kassel über Frauen, die eine Professur anstreben, und über zuletzt schwindende Studierenden-Zahlen

Zwickau.

Zwischen der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) und dem Freistaat gibt es eine neue Zielvereinbarung. Sara Thiel sprach mit Rektor Stephan Kassel über diesen Vertrag.

Freie Presse: Die alle vier Jahre vereinbarten Ziele sind kein bloßer Ehrgeiz. Es hängt auch Geld daran. Wie funktioniert das?

Stephan Kassel: Der Landtag will sehen, dass wir als sächsische Hochschulen zielorientiert arbeiten. Ein Teil des Geldes, das unseren jährlichen Haushalt ausmacht, hängt an dieser Vereinbarung. Wenn wir nicht alle Punkte erfüllen, fehlt uns ein Teil des Geldes. Es geht also bildlich nicht darum, dass wir uns dann keinen Kuchen kaufen können, sondern darum, dass uns ein Stück vom Brot fehlt. Deshalb müssen sich alle Hochschulen anstrengen, um nicht mit knappen Kassen zu enden.

Bestandteil der Vorgaben sind auch die angestrebten Studierenden-Zahlen. Die waren zuletzt ein Problem.

Das ist genau der Punkt, den wir unbedingt im Fokus behalten müssen. Wir sind zuletzt deutlich unter der Messlatte durchgelaufen - auch wenn das Ziel sehr ambitioniert war. Fakt ist: Die Zahl der Studierwilligen in unserer Region sinkt. Deswegen haben wir uns auf eine Zahl von 4200 Studierenden geeinigt, in dem Vier-Jahres-Vertrag zuvor waren es 4800.

Sie sprechen von der Region: Ist die WHZ eine Hochschule, die nur regional wahrgenommen wird?

Wir haben einige Highlights im Angebot, die auch überregional Leute anziehen. Aber für unsere wichtigen Standardfächer wie Elektrotechnik, Betriebswirtschaft oder Maschinenbau kommt eher keiner aus Augsburg zu uns. Trotzdem ist es für unsere Region wichtig, dass wir diese Fächer anbieten.

Was sind denn die Highlights?

Seit ein paar Jahren erleben wir einen massiven Boom im Bereich Pflege. Auch unsere Kfz-Technik hatte über viele Jahre sehr viel Zulauf. Heute wird die individuelle Mobilität kritischer gesehen. Damit sind unsere Zahlen gesunken, auch wenn die Automobilindustrie in Deutschland weiterhin ein bedeutender Wirtschaftszweig ist. Allgemein sind wir gerade dabei, uns neu aufzustellen und neue Studienangebote zu machen.

Einer der Punkte in der Zielvereinbarung ist, den Anteil an Professorinnen auf 26 Prozent zu steigern. Im Fachbereich Kfz-Technik haben Sie da Nachholbedarf, oder?

Gerade in diesem Bereich haben wir erst jüngst zwei Frauen berufen. Ich persönlich bin gar nicht der Meinung, dass Kfz-Technik ein Berufsfeld ist, das nur Männer anziehen kann. Ich selbst habe Informatik studiert. Da hatten wir einen Frauenanteil von nur 16 Prozent. Dabei warten im späteren Berufsleben viele spannende Aufgaben, die auch Frauen begeistern können.

Wieso sind 26 Prozent Professorinnen-Anteil überhaupt vorbildlich - das ist nur rund ein Viertel?

Weil das für eine deutsche, technisch geprägte Hochschule schon viel ist. Wir liegen bereits jetzt mit unserem Professorinnen-Anteil über dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Gemessen am Bevölkerungs- anteil müsste es mindestens die Hälfte sein.

Das stimmt, aber dafür müssten sich mehr junge Frauen an ein technisch geprägtes Studium trauen. Mit einem Anteil von einem Viertel Professorinnen schaffen wir aber gute Voraussetzungen dafür, junge Frauen für das Studium zu gewinnen. Um aber danach auch noch auf eine Professur berufen zu werden, muss man etwa 15 Jahre lang gute Arbeit leisten - angefangen von der Promotion über Praxiserfahrung bis hin zur Rückkehr an die Hochschule. Jeder einzelne Punkt ist eine bewusste Entscheidung: Da müssen dann auch die Familien und die Gesellschaft mitziehen. Wir wären froh, wenn sich mehr geeignete Doktorinnen bei uns bewerben würden. Der politische Wille allein reicht nicht aus.

Bestandteil der Vereinbarung ist auch das Ziel, mehr als die Hälfte aller Abschlussarbeiten in Zusammenarbeit mit einem regionalen Unternehmen umzusetzen. Ist das nicht eigentlich das, was eine Fachhochschule ausmacht?

Tatsächlich gibt es schon vieles an Zusammenarbeit, aber wir wollen die Quote noch steigern und dabei unseren starken Anteil in den MINT-Fächern beibehalten - das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Allerdings spüren wir die Auswirkungen von Corona: 2020 war es schwer, überhaupt in Betriebe reinzukommen. Auf der anderen Seite haben wir ständig Anfragen von Unternehmen, die gern eine Abschlussarbeit vergeben würden.

Sie wollen auch die berufsbegleitenden Studienangebote ausbauen.

Damit unterbreiten wir auch denen ein Angebot, die Angst oder Bedenken haben, sich ganz auf ein Studium einzulassen oder bereits fest im Beruf stehen. Einige Leute haben ein starkes Sicherheitsbewusstsein - das ist nachvollziehbar. Allerdings ist es auch ein Fakt, dass unsere Absolventen in kurzer Zeit eine passende Stelle mit einem guten Verdienst finden. sth

Professor Dr.-Ing. Stephan Kassel hat in Kaiserslautern Informatik studiert und 1998 an der TU Chemnitz promoviert. 2003 wurde er an die WHZ berufen, dort hat er die Professur für Wirtschaftsinformatik inne. Bis 2018 war er Dekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften, 2019 wurde er zum Rektor der Westsächsischen Hochschule Zwickau gewählt.


Die Zielvereinbarung

Geschlossen wird diese Vereinbarung zwischen dem Sächsischen Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus sowie jeder einzelnen Hochschule im Freistaat. Alle vier Jahre wird neu über die Ziele verhandelt.

Das Prozedere läuft so, dass einzelne Ziele formuliert werden - etwa die Zahl der Studierenden, der Anteil von ausländischen Studierenden oder auch wie viel Geld für die Forschung eingeworben wird. Je nachdem, wie nahe die Hochschule den einzelnen Zielen kommt, erhält sie Punkte - insgesamt 100. Bleibt eine Einrichtung unter 100 Punkten, wird Geld aus dem Budget anteilig zurückgefordert.

Das Jahresbudget für die WHZ liegt bei etwa zwei Millionen Euro. Laut Rektor Stephan Kassel liegt das Zielvereinbarungs-Budget bei etwa sechs Prozent dieser Summe, das sind rund 120.000 Euro. Wie viel Geld der Freistaat für den nun abgeschlossenen Vereinbarungszeitraum zurückfordert, stehe noch nicht endgültig fest, so der Rektor.

Insgesamt studieren aktuell an der WHZ rund 3300 Menschen. Das Ziel von 4200 Studierenden ist damit durchaus ehrgeizig. Wird es verfehlt, gibt es nicht die volle Punktzahl. Sollten 2024 weniger als 3570 Menschen eingeschrieben sein, erhält die WHZ in dem Bereich gar keine Punkte. (sth)

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