Das versteckte Restaurant in Langenhessen

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Langenhessen.

Über den Mittelweg im sogenannten Niederdorf von Langenhessen gelangt man zu einem Wohnhauskomplex, der ursprünglich ein Bauernhof mit Schankwirtschaft war. Im Jahr 1845 wurde dort mit der damaligen Haus- Nr. 82 (heute Nr. 100) ein nicht allzu großer Vierseitenhof errichtet. Eigentümer war die Familie Hiemer, die auch über nennenswerten Landbesitz verfügte. Die Ländereien befanden sich rund um das bäuerliche Anwesen und erstreckten sich bis nach Klein-Hessen sowie bis zum Gebiet der heutigen Koberbach-Talsperre. Die Hiemers bauten vorwiegend Getreide, Kartoffeln und Rüben an. Etwas Viehwirtschaft gehörte ebenfalls dazu. Gleichzeitig betrieben sie eine kleine Schankwirtschaft, die sich im fachwerkgeschmückten Wohngebäude befand. Hier im "Niederdorf" von Langenhessen entwickelte sich "Hiemers Schankwirtschaft" allmählich zu einer immer beliebter werdenden Einkehrstätte. Um 1890 war schließlich Hermann Hiemer Besitzer der Schankwirtschaft. Hiemer erweiterte um die Zeit sein Lokal durch einen Flachbau, den er an die rechte Gebäudeseite anbauen ließ. Nun besaß Hiemer einen großen Raum, der vor allem für Vereine und Gesellschaftsfeiern genutzt werden konnte. Mit der Erweiterung bekam die Schankwirtschaft nun auch ihre neue Bezeichnung Restaurant "Wartburg". Hiemer betrieb das Restaurant bis 1908. Die nebenstehende Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einer Lithografie von 1903. Vor dem Restaurant "Wartburg" herrscht reges Leben. Manch betuchte Bürger, vielleicht die Dame mit dem Sonnenschirm und die ihr folgenden beiden Herren, fuhren sogar mit dem Einspänner vor. Ab 1908 übernahm Bruno Wolf das Restaurant "Wartburg" sowie das gesamte Anwesen einschließlich Wiesen und Felder. Wolf erweiterte nun den sich hinter dem Restaurant befindlichen Biergarten und warb dazu in der Presse mit "einem staubfreien, ruhigen und schattigem Plätzchen in der Nähe des Pleißenflusses". Zu Beginn der Weimarer Republik wurde ab 1918 die Bezeichnung "Restaurant" durch "Gaststätte" ersetzt. Durch den verstärkt aufkommenden Auto- und Motorradverkehr bot Wolf nun auch für diese Fahrzeuge besonders sichere "Garagen" an. Um die Textilindustrie nach vielen trockenen Jahren kontinuierlich mit Brauchwasser zu versorgen, fiel Anfang der 1920er Jahre der Entscheid zum Standort eines Talsperrenbausauf das Gebiet des Koberbachtales mit seinen umliegenden Flächen. Eigentümer dieser Flächen war der Gastwirt und Bauerngutsbesitzer Bruno Wolf. Mit dem Verkauf der Grundstücke an die Talsperren-Gesellschaft sicherte sich Wolf den Zuschlag zur Übernahme der Versorgung aller am Bau beteiligten Beschäftigten. Zur Realisierung der Aufgabe wurde extra eine Flachbaracke am Rand des Baugeländes als Versorgungseinrichtung errichtet, die unter dem Namen "Einkehr zur Koberbachtalsperre" von Bruno Wolf und Frau bewirtschaftet wurde. Von September 1926 bis Anfang 1931 war die "Einkehr" in Betrieb. Sie wurde schließlich mit der Eröffnung der Gaststätte "Seehaus" am 2. April 1931 geschlossen, aber erst 1941 abgebrochen. Bruno Wolf betrieb danach "nur" noch seine Gaststätte "Wartburg" am Mittelweg bis Mitte der 1940er Jahre weiter. Von 1945 bis vermutlich Anfang der 1970er Jahre bewirtschafteten dann Paul Wolf mit seiner Frau Hilde die Gastwirtschaft und das Bauerngut. Wolf hatte auf seinem Bauernhof Ziegen, Schafe und Federvieh und bot natürlich auch deren Fleisch- und Milchprodukte zum Kauf an. Besonders beliebt war das Ziegenmilcheis. Die Kinder standen Schlange und konnten es kaum erwarten eine Portion für 10 Pfennige zu kaufen. Ab 1960 richtete die Langenhessener LPG, Typ I (der Typ I umfasste in der Regel nur den Ackerbau) im Flachbau ihr Genossenschaftsbüro ein. Die kleine Polsterwerkstatt von Andrè Peter war ebenfalls noch mit ansässig. Nach dem Auszug des LPG-Büros Anfang der 1970er Jahre wurden die Gebäude zu Wohnraum um- und ausgebaut. Der flache Gesellschaftsraum erhielt einen Überbau und einen vorgesetzten Eingangsbereich. Große Fenster und neue Türen geben dem Anwesen heute einen wohnlichen Anblick. Lediglich an der Klinkerverzierung erkennt man noch die alte Gebäudesubstanz. Langjähriger Bewohner war schließlich Dietmar Lenk, dessen Initialen "DL" heute noch das prächtige schmiedeeiserne Eingangstor schmücken. Seit 2016 ist im Gebäude der ehemaligen "Wartburg" und im Restgebäude der naheliegenden Schneemühle und deren umliegenden Flächen die Zuchtgemeinschaft "Der Geflügelhof" angesiedelt. Vom Standort Dorfstraße ist die ehemalige Gaststätte "Wartburg" gut zu erkennen, denn die Gebäuderückseite ziert ein großes Fassadengemälde mit der Darstellung eines Bauern, der ein Feld pflügt.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Ortschronik Langenhessen, Unterlagen Herr Seute - GF LH Plastics.

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