Fleischermeister bringt Post und Bier

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Langenhessen.

An der Crimmitschauer Straße, gegenüber dem ehemaligen Dinterschen "Gasthof Langenhessen", steht am Rand des Feuerwehrgeländes ein erst 2010 wieder aufgestellter historischer Abzweigstein der einstigen Königlich-Sächsischen Post. Bis dahin lagerte er wohlbewahrt im Werdauer Heimatmuseum und fristete dort jahrzehntelang sein Dasein. Der ursprüngliche Standort der Säule ist einige hundert Meter nordwärts vom heutigen entfernt. Er befand sich am Abzweig Crimmitschauer Straße Richtung Langenbernsdorf. Durch den am Anfang des 19. Jahrhunderts verstärkt aufkommenden Postverkehr war diese Querverbindung über Ronneburg ins reußische Gera von enormer Bedeutung. Neben Postmeilensäulen wurden an wichtigen Kreuzungen Abzweigsteine zur besseren Orientierung errichtet. Das war auch etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in Langenhessen so, als diese Straßenkreuzung ebenfalls entsprechend markiert wurde.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstand 1867 ein Wohngebäude, das der Fleischermeister Johann David Jacob errichten ließ. Jacob betrieb hier außer seiner Fleischerei noch die "Jacobsche Schankwirtschaft". Zusätzlich wurden in Nebenräumen eine Postagentur eingerichtet und Jacob schließlich mit allen anstehenden postalischen Aufgaben betraut. Die damalige Anschrift lautete Langenbernsdorfer Straße 55B, heute Crimmitschauer Straße 175. Jacob veränderte in den Folgejahren seine Schankwirtschaft mit Poststation nur unwesentlich. Lediglich eine kleine Schlachtanlage für seinen Fleischereibetrieb wurde 1888 angebaut.

1889 übernahm Hugo Hermann Hecht die "Jacobsche Schankwirtschaft" und eröffnete diese nun als Restaurant "Zur Reichspost". Hecht führte seinerseits auch die Poststelle weiter. Mit der Reichsgründung 1871 ging eine Bewegung einher, die von zahlreichen neu entstandenen Vereinen und Gesellschaften geprägt war. Gleichzeitig bestand zwingend die Notwendigkeit, in den Ortschaften eine eigene Feuerwehr zu besitzen. Bei den damals häufig auftretenden Bränden war man im Dorf bisher immer auf die seit 1851 existierende eigene, aber spärlich ausgerüstete Pflichtfeuerwehr und den Einsatz von Feuerwehren anderer Orte angewiesen. 1893 wurde dann endlich im Restaurant "Zur Reichspost" die Freiwillige Feuerwehr Langenhessen mit anfangs zehn Kameraden gegründet.

Um 1900 übergab Hecht altersbedingt sein Restaurant an den Schankwirt Ernst Paul Jacob, der es bis einschließlich 1904 weiter bewirtschaftete. Hermann Hecht blieb aber Postagent und Vorsitzender des von ihm gegründeten Militärvereins Langenhessen.

1904 übernahm Franz Ferdinand Trompelt das Restaurant. Er baute um und fügte auf der linken Seite den heute noch vorhandenen flachen Anbau hinzu. Damit gewann er zusätzlich weitere Gast- und Gesellschaftsräume, die unter anderem von der Feuerwehr, vom Radfahrerverein "Wanderlust" und vom Stenographenverein genutzt wurden.

1908 wurde Oscar Richard Kriester Eigentümer des Restaurants. Er warb mit Anzeigen im "Werdauer Tageblatt" für ein Restaurant mit besonders ausgebauten Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Kleinere Reparaturen an Fahrrädern bot Kriester gleich mit an. Nachdem die Postagentur in Langenhessen bereits seit 1891 dem Werdauer Postamt unterstellt war, wurde in der Zeit von 1908 bis 1918 nicht mehr der jeweilige Wirt mit den Postbelangen betraut, sondern ein eigener Postagent eingestellt. In dieser Zeit war es der Schneidermeister Max Schumann, der die Poststelle betreute, die sich nach wie vor im Restaurant befand.

In den 1920er-Jahren wurden von Werdau ausgehend regelmäßige Buslinien auch in Richtung Langenhessen eingerichtet. Diese hatte zuerst an der jetzt Gasthof genannten "Reichspost" ihre Endhaltestelle. Später, nach dem Bau der Koberbach- Talsperre, fuhr der Bus bis zur dortigen Gaststätte "Seehaus". Zum Betanken der Busse und auch aller anderen Kraftfahrzeuge ließ Kriester 1929 vor seinem Gebäude eine mehrsäulige Kraftstoff-Zapfstelle errichten.

Natürlich beteiligte sich Kriester auch am alljährlichen "Langenhessener Kirmesfest" - wie 1934, als in seinem Gasthof dabei vor allem zahlreiche musikalischen Unterhaltungen geboten wurden. Bis Mitte der 1940er Jahre wurde der Gasthof "Zur Reichspost" von Kriester noch bewirtschaftet und dann 1945 schließlich aufgegeben.

Lange Zeit stand das Gebäude danach leer, ehe es schließlich 1950 vom Kfz-Meister Erich Neumerker aus Crimmitschau erworben wurde. Die ehemaligen Räume des Gasthofs einschließlich des umliegenden Geländes baute Neumerker zu einem Reparaturstützpunkt für Pkw und Motorräder um. Ende der 1970er-Jahre wurde die Werkstatt dem VEB Ifa zugeordnet, jetzt betrieben durch Karl Heinz Baumgarten.

Nach 1990 hat sich hier ein seit einigen Jahren bestehendes Kfz-Gewerbe angesiedelt, das vor allem Handel mit Gebrauchtfahrzeugen betreibt. Nichts erinnert heute an die einstig bedeutende Lage des Straßenbereichs mit dem ehemaligen Restaurant. Die nebenstehende Ansichtskarte zeigt das Restaurant "Zur Reichspost" um 1900. Der heute noch bestehende linksseitige Anbau war damals noch nicht vorhanden. Dafür gab es einen großen Biergarten, dessen Fläche heute als Fahrzeugstellplatz genutzt wird. Rechts im Hintergrund erkennt man die mächtige Eisenbahnbrücke, die hier das Tal von Kober- und Pfarrbach überspannt. Der sich heute dahinter befindlichen Damm der Koberbach- Talsperre ist noch nicht vorhanden, denn der wurde erst in den 1920er Jahren errichtet.

Der erste Spatenstich zum Bau der Talsperre erfolgte 1926. Eine Baracke diente damals als Kantine zur Versorgung der Bauarbeiter. Bewirtschaftet wurde sie von Bruno Wolf, Besitzer des Langenhessener Gasthofs "Wartburg". Die Kantine genügte dann den gestiegenen Bedürfnissen der Besucher und Badegäste bei Weitem nicht mehr. Also begann man noch 1930 mit dem Bau eines großen Restaurationsgebäudes, das am 2. April 1931 als Restaurant "Seehaus" eingeweiht wurde. Erster Pächter war Hugo Höra. 1969 übernahm Marga Zey die Bewirtschaftung, die später von ihren Söhnen Siegbert und Helfried Geißler Unterstützung bekam. Bis 2017 wurde der Gaststättenbetrieb aufrechterhalten. Neue Betreiber bauten danach das ehrwürdige "Seehaus" und vor allem das umliegende Gelände sehr sehenswert und interessant um.

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Ortschronik Langenhessen.

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