Langeweile in Travers, oder: Die Kunst des Querschießens

Bei manchen Defa-Filmen ist er fast eingeschlafen, bei anderen saß er gespannt im Kinosessel und bei wieder anderen hat er sich ganz schön aufgeregt. Thilo Götz, heute Chef vom Clubkino Siegmar in Chemnitz, erinnert sich an seine Filmklubzeit.

Thilo Götz saß auf seinem Stuhl, hörte zu und wurde unruhig. Sollte er lobhudeln wie die anderen oder mal ein bisschen querschießen? Während er grübelte, hörte er, wie der nächste sagte: "Ein toller Film!"

Es war Ende der 80er-Jahre. Thilo Götz saß in einer Diskussionsrunde in den Defa-Filmstudios im Potsdamer Stadtteil Babelsberg. 14 Tage war er dort zum Lehrgang, um als Filmklubleiter arbeiten zu können. Filmenthusiasten aus der ganzen Republik drückten dort die Ausbildungsbank wie der Karl-Marx-Städter.

Filmklubs boten verschiedene Veranstaltungen an, neben Filmvorführungen zum Beispiel auch Diskos - so wie der Filmklub Fritz Heckert in Karl-Marx-Stadt. "Das war wie ein Jugendklub, deshalb bin ich dort hin", erzählt Götz. Mit Filmen habe er anfangs nicht viel am Hut gehabt, gedacht: Defa-Filme sind doof. "Was daran lag, dass Schulklassen genötigt wurden, ideologisch gefärbte Filme mit Befreiung und Heldentum zu schauen - wir haben doch damals gedacht: Lasst uns in Ruhe damit!" Filme in der DDR seien für Jugendliche, die sich nicht mit dem Thema befassten, wenig spektakulär gewesen. "In den Kinos gab es neben den Defa-Filmen meistens russische Filme, Filme anderer befreundeter Länder und noch eine Handvoll aus nicht sozialistischen Ländern. Damals waren Streifen wie 'Otto - Der Film' Höhepunkte." Aber weil er Sachen ungern halb mache, habe er sich im Filmklub doch intensiver mit Defa-Filmen befasst und gemerkt, dass es da "Höhe- und Tiefpunkte wie in der DDR selbst gab". Der Bühnentechniker und spätere Bühnenmeister in der Stadthalle Karl-Marx-Stadt blieb beim Filmklub und wedelte den Kollegen in der Stadthalle öfter mal mit einer Freistellung. "Ehrenamtliche Kulturarbeit wurde damals gefördert, indem man dafür frei bekam." Zum Beispiel, um in Brandenburg bei einem Dokumentarfilmfestival 100 Filme anzuschauen, um Handzettel für Kino-Vorführungen zu schreiben oder um zum Filmklubleiter-Lehrgang zu fahren.

"Ein sehr gelungener Film", sagte dort der nächste. Sie hatten "Treffen in Travers" angeschaut, ein Defa-Film von 1988/89, der im Herbst 1793 spielt. Der Dichter Georg Forster, seine Frau Therese und ihr Liebhaber Ferdinand Huber treffen sich im Schatten der revolutionären Ereignisse in Paris und erleben ein privates Melodram. Regie hatte Michael Gwisdek geführt, der bei der Diskussion dabei gewesen sei, erinnert Götz. "Die Figuren in dem Film diskutieren darüber, was freiheitlich passieren sollte. Aber ehrlich: Die Hälfte von uns war eingeschlafen. In dem Film passierte nichts!" Und letztlich habe er sich zum Querschießen entschlossen. "Ich habe gesagt, dass ich mich meinen Vorrednern nicht anschließen kann und den Film langweilig fand. Da war erst mal Ruhe." Allerdings meldete sich dann doch der ein oder andere: Naja, ganz unrecht habe der Thilo ja nicht. "Und dann wurde es eine interessante Diskussion. Dort habe ich gelernt, dass es immer einen braucht, der sagt: Denkt mal nach, ist das wirklich so?" Aber Filmleute seien auch in der DDR liberaler gewesen als manch andere Zeitgenossen, "mit denen konnte man diskutieren". Und nach dem Lehrgang konnte Thilo Götz ehrenamtlich den Heckert-Filmklub in Karl-Marx-Stadt leiten.

Meistens wurden dort donnerstags Filme aus dem Filmarchiv der DDR oder aus anderen Ländern gezeigt - Politisches, Liebesfilme, auch der alte Schneewittchen-Film von Disney für Schulklassen vor Weihnachten. Disney aus dem kapitalistischen Feindesland habe zwar sozusagen als böse gegolten, "Schneewittchen aber nicht ganz so", sagt Götz und schmunzelt. Und es gab Filmdiskotheken: Ein DJ spielte Musik und zwischendurch wurden Kurzfilme der Defa gezeigt.

Was in der DDR beim Publikum generell gut ankam, seien Filme wie "Einer trage des anderen Last" gewesen über einen Christen und einen Kommunisten, "Die Legende von Paul und Paula" als "flotte Geschichte mit Gags zum Tauschalltag" oder "Coming out" über Schwule. "Bei Filmen wie 'Der Hut des Brigadiers' hat es einem hingegen die Schuhe ausgezogen, grauenvoll! Obwohl es um fehlende Arbeitsmoral ging, wurde am Ende ein Hohelied auf den Sozialismus gesungen." Andere Filme wurden von der Zeit eingeholt. "Die Architekten", in dem es um die Mühen im Sozialismus geht, fiel durch. Er erschien zur Wende, das Filmthema Unfreiheit "kam in der neuen Freiheit nicht mehr an", sagt Götz.

Aber bei ihm bekamen solche Filme noch eine Chance. Ein paar Jahre später, 1995 - Götz war mittlerweile Geschäftsführer des Clubkinos Siegmar in Chemnitz und ist es bis heute - lud er zum Defa-Festival. "Ich wollte Filme in Erinnerung rufen, die noch nicht jeder gesehen hatte, die in der DDR verboten oder als Wendefilme gescheitert waren. Und", erzählt Götz, "die Zuschauer, sie kamen."

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