Wikipedia, dein Lebensretter

Zum 15. Jubiläum der deutschen Version der Online-Enzyklopädie spricht ein Insider aus Sachsen über Manipulationen, Mehrwert und Mut

Daten zu sortieren, das ist sein Metier, beruflich wie privat. Sein Geld verdient Stefan Kühn als Dozent bei einem Dresdner Softwareanbieter. In seiner Freizeit arbeitet der Diplom-Kartograf unentgeltlich an der deutschen Wikipedia mit. Im Januar 2003 stieß er zu dem Projekt, das der weltgrößten Online-Enzyklopädie gewidmet ist. Kühn ist dort als Administrator tätig, verfügt also über erweiterte Benutzerrechte. Andreas Rentsch sprach mit dem 40-Jährigen.

Freie Presse: Herr Kühn, wissen Sie eigentlich, wie viele Bände die deutsche Wikipedia derzeit füllt, wenn man sie ausdruckt?

Stefan Kühn: Wir führen eine Statistik, die das live ausrechnet. Wenn man die Bilder weglässt, sind es momentan 1120 Bände.

Die deutsche Wikipedia ist am gestrigen Mittwoch 15 Jahre alt geworden. Was gibt es denn noch zu tun?

Die Pionierarbeit ist weitestgehend getan. Doch es existieren Teilbereiche, in denen noch viel zu tun ist. Geschichte, Kunst und Literatur sind solche Felder. Viele Autoren hat bislang noch niemand bearbeitet. Generell hat die Wikipedia aber ein ziemlich hohes Niveau erreicht. Artikel wie den über die Stadt Chemnitz kann man nicht mehr so leicht verbessern.

Stimmt es, dass die Wikipedia von gut gebildeten Männern dominiert wird?

Ich denke schon. Der typische Mitarbeiter mag Physik, ist Star-Wars-Fan und kennt sich bestens mit den Simpsons aus. Klar haben wir auch Zahnärzte, die akribisch Beiträge aus ihrem Fachgebiet schreiben. Aber wie gesagt - es gibt noch eine Menge weiße Flecken.

Welche neuen Mitarbeiter wünschen Sie sich also?

Sie sollten motiviert und Neuem gegenüber aufgeschlossen sein. Sehr interessiert sind wir an Freiwilligen, die Zugang zu Daten haben, an die wir bisher noch nicht herangekommen sind.

Was stellen Sie sich da vor?

Leuten, die einen Bildschatz haben - etwa Aufnahmen vom alten Dresden - , helfen wir gern, ihre Bilder Stück für Stück in die Datenbank hineinzubringen. Es ist großartig, Wiki pedia-Artikel mit Aufnahmen zu sehen, die man einst selbst geschossen hat.

Wie kommen Sie mit solchen Zeitzeugen in Kontakt - über die Stammtische der Wikipedianer in den Regionen?

Genau. Zu einem dieser Stamm tische kam mal eine ältere Dame, die erzählte, dass sie zu DDR-Zeiten jene Schreibschrift entwickelt habe, die Abc-Schützen lernen mussten. Allerdings sei sie unzufrieden mit dem, was in der Wikipedia dazu steht. Wir haben ihr also geholfen, die nötigen Änderungen einzupflegen. Der Artikel zu dem Thema ist jetzt top.

Man muss also eine hohe Schwelle überwinden, um am Projekt mitarbeiten zu können?

Nein. Bei der Wikipedia gilt der Grundsatz "Sei mutig". Dazu gehört auch die Annahme, dass der andere das Beste wollte. Wenn wir jeden Mitarbeiter als Vandalen ansehen, kommen wir nicht weiter.

Wenn es um Manipulationen in der Wikipedia geht, erinnern sich viele an den falschen Vornamen, der dem Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg angedichtet wurde. Wie gut klappt die Fehlerkorrektur in der Wikipedia?

Die deutsche Wikipedia hat den Vorteil, dass es eine strenge Überwachung gibt. Das liegt daran, dass hier nicht so viele Mitarbeiter aktiv sind wie in der englischen Version. Massive Fälschungen in der jüngeren Vergangenheit sind mir nicht bekannt.

Wie steht es um Auftragsarbeiten, bei denen ein Pressesprecher den Artikel über seinen Vorgesetzten umschreibt?

Das gibt es ständig. Deswegen beo bachten wir solche Artikel besonders kritisch. Wenn da jemand eine kritische Passage einfach rauslöscht, muss er einen Beleg liefern, dass diese Informationen falsch oder nicht relevant sind.

Eine diskussionswürdige Frage - gerade bei Politikern - dürfte sein, wer wichtig genug ist, um überhaupt einen Eintrag zu bekommen - und wer nicht.

Da gibt es klare Relevanzkriterien. Wenn einer mal für den Kreistag kandidiert hat, aber keinen Sitz errungen hat, ist er eher nicht relevant. Wenn er es dagegen in den Kreistag geschafft hat, könnte das durchaus relevant sein. Wovon ich abrate, ist, einen Artikel über sich selbst zu schreiben. Wenn man relevant genug ist, wird sich jemand finden, der über einen schreibt. So lange muss man sich gedulden.

Wo sehen Sie momentan die großen Baustellen der Wikipedia?

Ein wichtiges Projekt für uns ist Wikidata.

Was ist das?

Am besten lässt sich das an einem Beispiel erklären: Albert Einsteins Geburtsdatum wird derzeit in allen Sprachen in die jeweilige Wikipedia-Länderversion eingegeben. Da passieren Fehler. Wir wollen an einer Stelle der Enzyklopädie - bei Wikidata - dieses Datum hinterlegen, woraufhin es in jeder Sprache korrekt ausgegeben wird. Bei anderen Projekten geht es um das Erstellen von Luftbildern. Wir versuchen auch verstärkt, Bilder von Museen zu akquirieren.

Das Problem ist, dass viele gar nicht wissen, welche zusätzlichen Infos die Seite noch bereithält. Wie benutzen passive Nutzer die Wikipedia richtig?

Wenn man sich unsicher ist, ob ein bestimmter Fakt in den Artikel reingehört oder nicht, sollte man das auf der jeweiligen Diskussionsseite ansprechen. Normalerweise meldet sich dann zeitnah jemand. Ist der Artikel nicht so stark in Beobachtung, kann man auch bei der allgemeinen Auskunft anfragen.

Zum Schluss bitte noch einen Ausblick: Wie sieht die Wikipedia in 15 Jahren aus?

Vermutlich haben wir dann alle Implantate, die uns das Wissen der Enzyklopädie ins Gehirn einspeisen (lacht) . Im Ernst: Ich weiß es nicht. Was ich mir aber wünsche, ist, dass die Wikipedia zu einem Lebenshelfer wird. Dass dort auch drin steht, wie man Hemden bügelt oder Apfelmus macht. Ich wünsche mir, dass ich mit der Wikipedia auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden könnte und dank ihr überlebe.

Die Wikipedia erleben

Online: Wer den deutschen Wikipedia-Editoren bei der Arbeit zusehen will, kann das per Livestream tun (im Klappmenü "All Wikipedias" die deutsche Version auswählen):

http://wikistream.wmflabs.org/

Offline: Regionale Stammtische in Sachsen werden in Chemnitz, Freiberg, Dresden, Leipzig und Bautzen veranstaltet. Alle Kontakte und weitere Veranstaltungsinfos unter:

www.freiepresse.de/wikipedianer

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1Kommentare
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  • 1
    0
    gelöschter Nutzer
    17.03.2016

    Vielleicht hätte man mal lieber selbst recherchiert, als sich ausschließlich auf diesen "Insider" und seine Ausführungen über die angebliche Wikipedia-Wirklichkeit zu verlassen.

    Die Wikipedia wird hier wie in einer Werbebröschüre dargestellt: Jeder dürfe mitmachen, alles werde sorgfältig überprüft und alle seien nett zueinander. Wenn man sich mal ein bisschen auf den Diskussionsseiten beliest, wird man schnell feststellen, dass das eher eine Wunschvorstellung ist, die der Wirklichkeit wenig entspricht.

    Der Ton ist rau in der Online-Enzyklopädie. Es gibt alteingesessene Schreiber, die es gar nicht leiden können, wenn unerfahrene und neue Nutzer sich in ihrem Territorium breitmachen. Schnell wird man dort als "Projektstörer" abgekanzelt und wieder zum Ausgang geleitet. Im Interview erklärt Herr Kühn, in der Wikipedia gelte der Grundsatz "Sei mutig." Solcher Mut wird meist sofort aus den Artikeln entfernt; zu gering ist die Toleranz mit neuen Nutzern und zu ausgeprägt ist der Hoheitsanspruch einiger Autoren, die für sich sogar Sonderrechte einfordern, weil Sie (ihrer Meinung nach) hervorragendes leisten.

    Gegensätzliche Interessergruppierungen arbeiten mit teils harten Bandagen gegeneinander und bekämpfen sich mit Mitteln, die einem Politthriller würdig wären. (Der Kampf gegen das Kreuz zur Kennzeichnung des Sterbedatums füllt dort beispielsweise ganze Seiten. Das Niveau der "Diskussion" ähnelt oft dem einer Pegida-Demo.) Als neuer Autor gerät man da schnell mal dazwischen. Um die Details und Zielrichtung "kritischer" Artikel (z.B.: Stasi, DDR, Ukraine-Krise, Pegida, ...) wird auf den Diskussionseiten teils mit rabiaten Mitteln gefochten. Das Ergebnis wird dann vom unbedarften Leser als Fakt konsumiert; davon ist es oft weit entfernt.

    Um die im Interview beschriebene offene Enzyklopädie zu werden, müsste sich vieles ändern; da ist Wikidata eher Kleinkram. Dazu müsste man eine ordentliche Diskussionskultur und eine anständigen Umgang miteinander einfordern und auch konsequent durchsetzen. Solange Dreistigkeit und Frechheit ein probates Diskussionsmittel sind und akzeptiert werden, bleibt die "Mitmach-Enzyklopädie" bloße Behauptung.

    Warum ist das nun aber so wichtig? Ist doch nett das Interview und es geht ja auch "nur" um eine Onlineenzyklopädie; einen netten Spielplatz für Internetfreaks, der aber sonst nicht viel mit dem "echten" Leben zu tun hat. Ist das wirklich so?

    Ich denke man sollte schon etwas genauer wissen (und darstellen), was hinter den Kulissen dieser "Enzyklopädie" läuft, da ein Großteil der Bevölkerung, sich mittlerweile dort - und nur dort - informiert. (Von Google wird man ja meist direkt dorthin geleitet; Wikipedia gehört fast immer zu den ersten Treffern.) Was im Artikel steht, wird von den meisten als Fakt angesehen und ist nicht selten die Grundlage für Schülerarbeiten, (schlechten) Unterricht; aber auch für Zeitungsartikel und Reportagen oder es landet ungeprüft in Sachbüchern. Ist das aber wirklich alles richtig, oder sind die Artikel nicht auch oft stark meinungsgefärbt, ohne das dies kenntlich gemacht würde? Wikipedia und die Leser (wenn sie sich darüber überhaupt bewusst sind) vertrauen sehr darauf, dass sich im Diskurs so etwas wie die Wahrheit herauskristallisiert, und die Artikel so einen Anspruch auf Richtigkeit und Ausgewogenheit haben. Echte Diskussionen sind aber oft gar nicht möglich, da sie von persönlichen Befindlichkeiten überlagert werden und einige Autoren auch "eine Mission" haben, die sie dort vehement vertreten und s ihre Botschaft dann auch in den Artikel befördern; und sei es nur als abgespeckte Kompromissvariante.

    Man sollte die Meinungsmacht dieser Seite nicht unterschätzen und damit auch die Macht der "Hauptautoren" nicht, die sich dieses Mittel daher auch nicht gern aus der Hand nehmen lassen.
    Während ARD, ZDF und ein Großteil der Zeitungen als Lügenpresse bezeichnet und (über)kritisch in Frage gestellt werden, konsumieren viele Leute Wikipediainhalte völlig unkritisch. Was dort steht stimmt und was dort nicht steht ist auch nicht wichtig. Darum finde ich diesen harmlos naiven Beitrag doch sehr bedenklich, weil er das Thema meiner Meinung nach völlig unterschätzt.



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