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Foto: Aleppo Media Center/dpa

Der zweite Blick

Politik und Medien brauchen Aufmerksamkeit. Dafür sind Bilder, die Gefühle wecken, wie geschaffen. Aber was zeigen sie genau? Um die Deutungshoheit wird verbissen gekämpft, wie jetzt wieder der Fall eines Fotos aus Syrien zeigt.

Von Ronny Schilder
erschienen am 15.06.2017

Chemnitz. Erst kommt der Schock, dann der Streit: Eine Kontroverse ist um das Foto eines syrischen Jungen entbrannt, der vor Monaten in Aleppo aus seinem zerstörten Zuhause gerettet wurde. Das Bild zeigt den fünfjährigen Omran Daqneesh blutend, staubbedeckt und traumatisiert auf einem orangenen Sitz in einem Krankenwagen. Das erschütternde Dokument fand weltweit Beachtung. Es wurde in führenden Zeitungen publiziert und zehntausendfach in sozialen Medien verbreitet. Die "Freie Presse" druckte das Foto am 19. August 2016 ab.

Es ist ein Bild wie ein Hieb. Die Attacke, die der Szene voranging, schrieben viele westliche Kommentatoren der syrischen Luftwaffe oder ihren russischen Verbündeten zu. Aus einem Symbol für politische Barbarei wurde ein exklusiver Beweis für die Grausamkeit Assads oder Putins. Dafür bürgten Aktivisten aus den Reihen der syrischen Opposition. Das russische Verteidigungsministerium dementierte einen Angriff zur fraglichen Zeit auf jenes Viertel in Aleppo. Syriens Machthaber Assad bezeichnete das Material als "Fake", als Lüge.

Vor einigen Tagen wurden im syrischen Fernsehen Bilder der Familie Daqneesh aus Aleppo ausgestrahlt, in denen sich Omrans Vater als Anhänger Assads zu erkennen gibt. Gegen die Organisation der "Weißhelme", die Omran gerettet hatten und die im vorigen Jahr als Kandidaten für den Friedensnobelpreis gehandelt wurden, erhob er Vorwürfe wegen der Vermarktung der Bilder seines Sohnes. Die russische, kremlnahe Agentur Ruptly filmte in dem farbenfrohen, neuen Kinderzimmer Omrans. Die Bilder wurden im englisch- und deutschsprachigen Programm von "Russia Today" ausgestrahlt. Auf der Webseite von RT Deutsch heißt es dazu: "Vater des syrischen Jungen Omran kommentiert ikonisches Bild seines Sohnes: Es war nur Propaganda." In sozialen Netzen werden diese Darstellungen seit Tagen lebhaft geteilt.

Aber sind sie wahr?

Unabhängige Berichterstatter waren am 17. August 2016, als die Aufnahmen im Krankenwagen entstanden, nicht vor Ort. Urheber des im Internet kursierenden Materials sind lokale Journalisten, die sich als Aktivisten gegen das Assad-Regime verstehen. Die Echtheit solchen Materials wird von seriösen Zeitungen, von Fernsehsendern und Agenturen überprüft. Experten werten Daten und Metadaten der Aufnahmen aus, analysieren Zeit, Ort, Umstände und die Identität der abgebildeten Personen. Nicht immer ist der Wahrheitsgehalt hieb- und stichfest zu ermitteln. Viele Bilder werden veröffentlicht, weil es keine begründeten Zweifel an ihrer Echtheit gibt.

Wer sich im Internet selbst ein Bild von dem Fall "Omran" machen will, erntet bei Google mehr als sieben Millionen Einträge, wie üblich nicht zu überblicken und vom unbekannten Algorithmus vorsortiert.

Die Ausgangslage: In Syrien ist nach dem Aufstand von 2011 gegen die Herrschaft Baschar al-Assads ein Bürgerkrieg entbrannt, in dem ausländische Mächte mitmischen. (In der Propaganda des Regimes werden Aufstand und Bürgerkrieg bestritten.) Russland, China und Iran stehen auf Seiten Assads, der Westen unterstützt die Opposition. Die Zahl der bewaffneten Truppen und Milizen geht in die Dutzende. Eine US-geführte Koalition bekämpft den Islamischen Staat, zum Teil auch auf syrischem Territorium. Der Syrien-Konflikt ist auch ein Stellvertreterkrieg. Den offen und verdeckt Beteiligten geht es um Macht und geopolitischen Einfluss.

Die zweitgrößte Stadt Syriens, Aleppo, ist im Sommer 2016 geteilt, zerrissen zwischen den Fronten. Gut 1,5 Millionen Menschen leben im Westteil der Stadt, der von syrischen Regierungstruppen kontrolliert wird. Es gibt einen innerstädtischen Bezirk, in dem Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) das Sagen haben. Die Assad-Gegner - Rebellen, Milizen, islamistische Terroristen - halten vor allem im Ostteil mehrere Viertel. Dort leben im Sommer 2016 nach UN-Angaben 250.000 Zivilisten.

Am Abend des 17. August 2016 publiziert das Aleppo Media Center (AMC) auf Youtube einen Videoclip von 1:48 Minuten Länge. Das AMC ist ein Aktivistenteam, das Bilder und Videos aus den von Assads Gegnern gehaltenen Vierteln Aleppos veröffentlicht. Der Clip zeigt fünf Szenen, deren erste berühmt wird: die Rettung Omrans aus einem augenscheinlich zerstörten Haus in nächtlicher Dunkelheit. Diese Szene dauert 38 Sekunden. In einer zweiten Szene wird ein zweiter Junge zum Krankenwagen gebracht, in dem Omran und ein Mädchen sitzen. Szene drei zeigt einen staubbedeckten Erwachsenen, der zum Auto geführt wird, Szene vier einige schattenhafte Gestalten mit Leuchten auf einem Balkon. Schließlich wird die Rettung eines offenbar Verletzten mittels einer Trage aus dem Haus gezeigt.

Als Urheber des Videos gilt Mustafa al-Sarout vom AMC. Am Tag nach der Veröffentlichung sprach mit dem damals 23-Jährigen ein in Beirut stationierter Reporter des britischen "Guardian" . Al-Sarout sagte, er habe Rettungskräfte über Funk von einem Angriff reden hören und sei zum Ort des Geschehens geeilt. "Das ist die tägliche Realität der Kinder von Aleppo. Die Russen und die syrische Regierung wechseln sich jeden Tag dabei ab, vor den Augen der Welt die Zivilisten in Aleppo zu bombardieren." Der Clip des AMC, das auf Youtube 15.000 Abonnenten hat, wurde bis heute vier Millionen mal aufgerufen und 1400 Mal kommentiert. Es wurde 1280 Mal von Nutzern positiv bewertet und 250 Mal negativ.

Auf dem Video al-Sarouts sind mehrere Männer zu sehen, die Kameras hochhalten, um Omran zu fotografieren, der einsam und verstört im Krankenwagen sitzt. Eines der Fotos wird Raf Sanchez, Korrespondent des britischen "Telegraph", von einem syrischen Mediziner zugeschickt. Sanchez publiziert das Bild bei Twitter, wo es 18.000 Mal geteilt und 13.000 Mal favorisiert wird. Als Urheber des Bildes identifiziert die Agentur Associated Press (AP) einen Mann namens Mahmoud Raslan, der sich als "Medienaktivist" bezeichnet. Auch Raslan gibt in jenen Tagen Interviews zur Situation in Ost-Aleppo.

Die Lage ist verzweifelt.

Regierungstruppen blockieren das von den Gegnern kontrollierte Gebiet. Wochenlang kommen keine Hilfskonvois der Vereinten Nationen durch. Krankenhäuser werden angegriffen. Westliche Quellen berichten von 42 Attacken auf medizinische Einrichtungen in Syrien binnen eines Monats. Die Kliniken werden getarnt und mit Codenamen belegt, um sie zu schützen. 15 Mediziner aus Aleppo veröffentlichen am 11. August 2016, eine Woche vor dem Angriff auf Omrans Haus, einen offenen Brief an Barack Obama und die US-Regierung. "Wir brauchen keine Tränen, keine Sympathie und auch keine Gebete mehr", schreiben sie. "Wir brauchen ihr Eingreifen."

Omran wird nach dem Angriff in einem Krankenhaus mit der Tarnbezeichnung M10 behandelt. Zwei behandelnde Ärzte geben Interviews. Nach ein paar Stunden ist der Junge körperlich wieder hergestellt. Omrans schwer verletzter Bruder Ali, zehn Jahre alt, hat weniger Glück. Er, dessen Antlitz der Welt unbekannt geblieben ist, stirbt.

Das Bild von Omran, dem "Staubkind", dem "Jungen in der Ambulanz", ruft weltweit Anteilnahme hervor. Im Internet bekennen Menschen ihre Betroffenheit. Das US-Außenministerium kommentiert, das Foto zeige "das wahre Gesicht dessen, was in Syrien vor sich geht".

Augenzeugen wie der Arzt Osama Abu al-Ezz, der das Kind behandelt hat und von der Agentur Associated Press zitiert wird, geben dem Assad-Regime oder seinem russischen Verbündeten die Schuld am Angriff. Das Verteidigungsministerium in Moskau dementiert. Es habe keinen Luftangriff auf Qaterji an jenem Tag gegeben, sagt ein Sprecher. Intakte Fenster, die im Video zu sehen seien, würden auf "eine Mine oder einen Gasbehälter" hindeuten, also auf Kampfmittel der Assad-Gegner, heißt es aus Moskau. Allerdings sind im 1:48-Minuten-Clip des AMC intakte Fenster nicht auszumachen. Ein Bild des Reuters-Fotografen Adalrhman Ismail einige Tage nach dem Angriff zeigt Omrans Haus bei Tageslicht. Es ist stark zerstört.

Die Medien und das Publikum in den sozialen Netzwerken bemächtigen sich des Bildes von Omran mit den fast üblich zu nennenden Verwertungsmustern. Das Foto wirkt, indem es Gefühle weckt, ohne dass eine wirklich konsistente Story dahinter erkennbar ist. Es erweist sich als wertvoll, klickträchtig, universell verwendbar.

Auf der konkreten Deutungsebene scheint Omrans Fall das segensreiche Wirken der "Weißhelme" zu belegen, einer Aktivistengruppe, die in Aleppo nach eigenen Angaben bis heute 95.000 Menschenleben gerettet hat. Die "Weißhelme" sind eine Freiwilligenorganisation, die sich nach dem syrischen Aufstand gegen Assad gegründet hat. Ihre Mission: "Die größte Zahl an Menschenleben zu retten in der kürzestmöglichen Zeit." Sie arbeiten unter Lebensgefahr, nennen sich neutral, unparteilich, humanitär. Im Westen gelten sie als Helden, im Assad-Lager als Trickser und versteckte Kämpfer. Eine Netflix-Dokumentation über sie hat zuletzt einen "Oscar" gewonnen.

Schon kurz nach der Veröffentlichung des AMC-Videos tauchen Vorwürfe in Assad-freundlichen Netzwerken auf, die den Clip als Inszenierung denunzieren. Assad unterstellt den "Weißhelmen" eine regierungsfeindliche Agenda, zieht ihre humanitären Motive in Zweifel. Tatsächlich gibt es kompromittierende Vorfälle. Bei der Bergung von Opfern einer islamistischen Hinrichtung im Mai diesen Jahres in Jasim wirken Helfer wie Sekundanten der Vollstrecker. Die Führung der "Weißhelme" hat das Verhalten jenes Teams kritisiert und zwei Mitglieder zeitweise suspendiert.

Neben den "Weißhelmen" gerät der Fotograf Mahmoud Raslan in den Fokus. Er hatte für ein Foto mit einer Islamistengruppe posiert, der die Enthauptung des zwölfjährigen Palästinenser-Jungen Abdullah Issa in Aleppo vorgeworfen wird. Der damit konfrontierte "Medienaktivist" Raslan sagte, er habe nichts von der Schandtat gewusst.

Zehn Monate sind inzwischen vergangen, seit der "Staubjunge" in jener Ambulanz der "Weißhelme" in Ost-Aleppo fotografiert worden ist. In der Stadt haben die Regierungstruppen wieder die Kontrolle. Mit dem Abzug der Assad-Gegner verlor auch die "Bilderschlacht um Aleppo" an Intensität. Im kollektiven Gedächtnis des Westens schien das Bild von Omran in der Reihe anderer "ikonografischer" Bilder zu versinken, die für einen historischen Wimpernschlag diskutiert, dann verdrängt und vergessen werden.

Dass die Szene aber nun ein Nachleben hat, dafür haben das syrische Staatsfernsehen und die Medien des Kremls gesorgt. Die syrische Reporterin Kinana Allouche interviewte Omrans Vater vor einigen Tagen und stellte Fotos ins Internet. Allouche hatte Bekanntheit erlangt, als sie sich offenbar für ein Selfie lachend vor den Leichen getöteter Regierungsgegner in Positur warf.

Omrans Vater behauptet nun vor der Kamera, sein Sohn sei damals ohne sein Einverständnis gefilmt worden, noch ehe ihm Erste Hilfe geleistet worden sei. Den Rettern wäre es vor allem um die Bilder gegangen. Sobald er konnte, sei er mit seiner Familie aus der Kampfzone in den von der Regierung kontrollierten Teil Aleppos geflohen. Er habe Omrans Namen geändert und dem Kind die Haare rasiert, um ihn vor der Aufmerksamkeit der Medien, an der ihm nichts liege, zu schützen.

Die Familie wohnt offenbar noch heute in Aleppo. Vater Daqneesh sagt, er habe ein Angebot der Regierungsgegner abgelehnt, sie alle in die Türkei zu bringen.

Aus Oppositionskreisen wurde sofort der Verdacht geäußert, Daqneesh sei zu dem Interview gezwungen worden. Er sei kein Anhänger Assads, sondern dessen Geisel. Belegen lässt sich weder das eine noch das andere. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums bot der Chefkorrespondentin des US-Nachrichtensenders CNN, Christiane Amanpour, öffentlich die Vermittlung eines Kontakts zu Omran Daqneesh für ein "ehrliches Interview" in Aleppo an.

Die neue Kontroverse wird häufig in sozialen Netzwerken von Leuten geführt, die sich als "medienkritisch" verstehen, "Russia Today" aber glauben. In der Debatte um die Interpretation des Bildes droht die eigentliche Botschaft des "Staubjungen" ein zweites Mal unterzugehen: die Anklage gegen den Krieg. Niemand von Moskau bis Washington, von Teheran bis Damaskus, von Ankara bis Riad, von Berlin bis Paris kann seine Hände vor den Augen des Kindes in Unschuld waschen.

Es sei nichts Ikonisches an dem Foto des "Staubjungen", denn es gebe in diesem Syrien keine Ikonen mehr, schrieb erbittert der New Yorker Literaturprofessor Hamid Dabashi in einer Reaktion für Al-Jazeera. "In der stillen Verwirrung und dem starren Blick des Omran Daqneesh liegt eine Anklage gegen die gesamte Welt, in der er lebt. Kein Fingerzeig auf einen mörderischen Präsidenten hier, einen obszönen König dort oder einen unanständigen Ayatollah anderswo wird jemals dieses staubige, blutige Gesicht abwischen oder diese stechenden, durchdringenden Augen schließen."

Nein, das ist keine Ikone, schließt der Professor. Es ist der syrische Junge Omran Daqneesh. Und er lebt.

Das Video von der Rettung Omrans in Aleppo:

 
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