Stoneman im Erzgebirge: Eine Radstrecke wird zum Renner

Holland gilt bei Radfahrern als beliebtestes Land in Europa - weil es keine Berge hat. Was wollen da 75 Niederländer ausgerechnet auf der anspruchsvollsten Mountainbike- strecke des Erzgebirges?

Oberwiesenthal. Für die ersten 36 von insgesamt 75 Mountainbikern aus den Niederlanden heißt es seit gestern: Zähne zusammenbeißen und kräftig in die Pedalen treten. Um 8.30 Uhr starteten sie bei wolkenverhangenem Himmel, um den Stoneman Miriquidi in Angriff zu nehmen. Jene im Mai vergangenen Jahres eröffnete, 162 Kilometer lange Rundstrecke, die über die neun höchsten Gipfel des sächsischen und böhmischen Erzgebirges führt und bei der 4400 Höhenmeter zu bewältigen sind. Ein harter Brocken, wie auch Paul Albers weiß.

Der 56-jährige Tourismusmanager aus Holland war im Mai 2014 bei der Eröffnung dabei. Zwei Monate später nahm er sich die Strecke selbst vor: in drei Tagesetappen. So, wie es auch die gestern gestartete Gruppe vorhat. Heute brechen weitere 37 Landsleute auf, die den Kurs in zwei Tagen absolvieren werden. Zwei weitere wollen es am Samstag sogar in einem Ritt schaffen. Sie haben für ihr Vorhaben die Angebote des Tourismusverbandes Erzgebirge genutzt und Pauschalreisen gebucht. Bis auf die 800 Kilometer lange individuelle Anreise ist alles inklusive: Starterpaket, Halbpension, Lunchpaket, Übernachtung und Gepäcktransfer. "Solche Angebote sind nach dem Geschmack der Holländer", sagt Albers.
Er ist als Mitorganisator schon seit ein paar Tagen am Fichtelberg. "Hier kann man drei Tage durch die Natur biken, ohne einmal eine Karte zu Rate zu ziehen. Alles ist perfekt ausgeschildert. Man genießt Natur und Landschaft vom Fahrrad aus."

Albers räumt ein, dass keiner in der Truppe das Erzgebirge bisher kannte, gleich gar nicht den Stoneman. "Da wir selbst keine Berge haben, müssen wir ins Gebirge fahren, wenn wir sie erleben möchten. Alle wollen den Stoneman aus eigener Kraft schaffen - nicht etwa mit dem E-Bike. Ich weiß, dass man uns das nicht zutraut. Aber Sie werden sehen, wir packen das."

Geplant ist auch eine Begegnung mit dem "Erfinder" des Stoneman: dem Südtiroler Roland Stauder. Er will die Niederländer an zwei Tagen ein Stück begleiten, weil ihm "die Nähe zu den Nutzern seines Produktes wichtig ist". Der leidenschaftliche Mountainbiker, der zehn Jahre an der Weltspitze der Profis mitfuhr, hatte 2010 seine Lieblingsstrecke zu einem touristischen Produkt für Freizeitsportler gemacht: den Stoneman Hochpustertal - eine landschaftlich einmalige, aber extrem anspruchsvolle Strecke. Die große Resonanz brachte ihn auf die Idee, den Stoneman als Marke unter strengen Qualitätskriterien an andere Länder in Europa zu vergeben. Es folgte das Erzgebirge, das drei deutsche Mitbewerber hinter sich ließ. 2016 soll dann ein dritter Stoneman auf der italienischen Ferieninsel Sardinien eröffnet werden. "Jeder Stoneman soll seinen eigenen Charakter haben", betont Stauder.

Über den großen Zuspruch der Strecke im Erzgebirge ist auch er überrascht. Im Eröffnungsjahr 2014 radelten zwischen Mai und Oktober 1122 Biker die Route ab. Seit dem Start der diesjährigen Saison am 1. Mai waren es bereits 997 - die Holländer nicht eingerechnet. Von November bis April darf die Strecke auf Grund eines Vertrages mit dem Forst nicht befahren werden. "Die Zahlen dürften sogar noch etwas höher liegen, weil sich nicht jeder registrieren lässt", sagt Doreen Burgold, Marketingchefin des Tourismusverbandes Erzgebirge. Dort spricht man schon jetzt von einer einmaligen Erfolgsgeschichte des Trails: "Das war nach so kurzer Zeit nicht zu erwarten." In diesem Jahr wird - je nach Wetter - mit etwa 4000 Bikern gerechnet. Das sind so viele, wie der Stoneman in Südtirol seit dem Jahr 2010 registrierte Nutzer hatte.

Fast überrollt von dem Boom werden einige Beherbergungsbetriebe entlang des Rundkurses. Ulrich Meyer, der Wirt des Berggasthofes auf dem Scheibenberg, erwartet in diesem Jahr eine Steigerung der Umsätze um 60 Prozent. Schon 2014 konnte sein 22-Betten-Haus auf dem 807 Meter hohen Orgelpfeifenberg um 20 Prozent zulegen. "Das ist Wahnsinn, was sich hier im Sommerhalbjahr abspielt. Das ganze Bergplateau steht voller Räder." 150 bis 200 Biker kämen jedes Wochenende. Eine Zahl, auf die seine Wanderherberge eigentlich gar nicht eingestellt war, räumt das Gründungsmitglied der Stoneman-Bewegung ein. Stress bereite, dass alle nur eine Nacht blieben. "Aber es ist unglaublich, wie schnell sich dieses touristische Angebot herumgesprochen hat." Viele Gäste kämen aus den alten Bundesländern, Österreich, der Schweiz und zunehmend den Niederlanden. Und fast immer gebe es einhellig die Aussage: "Wir wussten gar nicht, wie schön es im Erzgebirge ist." 

» www.stoneman-miriquidi.com

 

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