Chemnitzer Messerschleifer bangt nach Haus-Abriss um seine Existenz

Lutz Böttgers Messer- und Scheren-Geschäft war stadtbekannt - Dann musste das Haus weichen

Chemnitz. Lutz Böttger hat den Abriss des Hauses Hartmannstraße 16 noch immer nicht verwunden. "Mein Auszug stellt sich für mich fast wie ein wirtschaftlicher Totalschaden dar", sagt er bis heute. Beim Großhandel für die Fleischerei und Gastronomie Fleigeno an der Planitzwiese 25 hat der 55-Jährige nach längerer Suche ein neues Domizil für seine Werkstatt gefunden. Allerdings gehört dazu kein Ladengeschäft mehr, wie bis August an der Hartmannstraße. Viele Chemnitzer schätzten dort den persönlichen Rat des Instrumentenschleifers mit Ingenieurdiplom beim Kauf neuer oder der Aufarbeitung verschlissener Schneidwerkzeuge für die heimische Küche oder den Gewerbebetrieb.

"Die Geschäftsschließung mit 45 Minuten Kündigungsfrist schlug tief", erinnert sich Böttger an den März dieses Jahres. Nachdem in der Grundmauer des Hauses gegenüber vom Luxor-Kino vermutlich durch die unmittelbar daneben laufenden Brückenbauarbeiten ein großes Loch und Risse entstanden waren, musste das Gebäude kurzfristig geräumt werden. Später kaufte es die Stadt und ließ es trotz Protesten von Abrissgegnern ab August abreißen, damit sich der Brückenneubau nicht noch länger verzögert.

Seit 1980 hatten sich in dem Haus Werkstatt und Geschäft des 1886 gegründeten Familienbetriebes befunden, den Lutz Böttger seit 1990 in vierter Generation führt. Ein Ausverkauf und ein geordneter Rückzug seien durch den schnellen Auszug kaum möglich gewesen, bedauert er. Zudem sei ein Großteil seines Inventars, nämlich die Einbaumöbel, verloren gegangen, weil die nicht einfach anderswo wieder aufgestellt werden konnten.

Anfangs habe er sogar noch gehofft, dass die Verantwortlichen das Erdgeschoss des Hauses stehen lassen und ein neues Dach darauf setzen, so der Instrumentenschleifer. "Dass man so exakt abbrechen kann, haben wir vor Ort erlebt, hat doch der Abrissbagger komplett verglaste Fenster so vorsichtig heraus gehoben, das nicht einmal das Glas zerbrach", schildert er. Aber sein früherer Firmensitz wurde bis zum Erdboden abgetragen.

Nachdem er vergeblich nach geeigneten und bezahlbaren Räumen für eine neue Werkstatt mit Ladengeschäft gesucht hatte, entschloss sich Böttger zu einer Interims- lösung. Die Werkstatt hat er bei Fleigeno hinter dem Praktiker-Baumarkt an der Heinrich-Schütz-Straße gemietet. Kunden aus der Gastronomie- und der Lebensmittelbranche können an der Fleigeno-Rezeption nach ihm fragen. Privatkunden haben dort aber keinen Zutritt. Für sie hat Böttger in "Pauls Boutique", An der Markthalle 18, schräg gegenüber vom alten Geschäft, eine Annahme- und Ausgabestelle für Aufträge gefunden. Montags bis donnerstags ab 11 Uhr können dort Scheren, Messer und andere Werkzeuge verpackt abgegeben und wieder abgeholt werden. Anstatt direkt mit dem Handwerker zu sprechen, sollen die Kunden ihren Namen und die Telefonnummer auf das Päckchen schreiben und Wünsche auf einem Extra-Zettel beilegen, erläutert Böttger. Er hole die Aufträge täglich zwischen 13.45 und 14 Uhr ab und sei dann auch kurz für Kunden anzutreffen. Trotzdem ist diese Lösung für den Fachmann unbefriedigend. Denn schnelle Überprüfungen und Reparaturen sowie das Zeigen von Ersatzteilen würden damit unmöglich. Außerdem kann Böttger keine Waren mehr verkaufen, obwohl er noch über seine Bestände an Messern, Scheren und Schnitzwerkzeugen verfügt.

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