Geld, Gold und Gegenwehr

Ein Bergbau-Projekt, bei dem Gold mit giftigem Zyanid gewonnen werden soll, empört die Rumänen. Viele Bürger befürchten unumkehrbare Schäden für die Natur. Doch bei dem Protest geht es um mehr als Umweltschutz.

Bukarest.

Seit drei Stunden stehen die Demonstranten auf dem Universitätsplatz und rufen: "Gemeinsam retten wir Rosia Montana!" Dann hat Valentina Nicolae genug. Es ist Sonntagabend, das Party-Wochenende steckt ihr in den Knochen und der Asphalt der Zwei-Millionen-Metropole strahlt die Hitze eines langen, sonnigen Septembertages in Bukarest ab. Die Psychotherapeutin geht nach Hause. Im Fernsehen wird die Demonstration von einem kleinen Privatsender übertragen. Dessen Reporterin steht auf dem Mittelstreifen eines sechsspurigen Boulevards im Herz der rumänischen Hauptstadt. Hinter ihr ziehen winkend, tanzend und lachend die rund 10.000 Protestierenden vorbei. "Die Demonstranten scheinen Spaß daran zu haben, den Verkehr zu blockieren", spricht die Reporterin in die Kamera und fügt hinzu: "Einige machen auf mich einen gewalttätigen Eindruck."

Der Sender schaltet zurück ins Studio, wo die Moderatorin einen Sprecher der Polizei fragt: "Wann werden Sie intervenieren?" Dass es auch ihr eher um den reibungslosen Ablauf des Sonntagabendverkehrs geht als um die Hintergründe der Demonstration, lässt Valentina Nicolae in Schimpftiraden ausbrechen. Die zierliche 26-Jährige tauscht Sandalen gegen Stiefel und macht sich wieder auf den Weg zur Demonstration.

Seit gut einer Woche treffen sich in Bukarest jeden Abend mindestens 1000 Menschen auf dem Universitätsplatz. Sie protestieren gegen die Pläne der Regierung, die in Rosia Montana, einem 2800-Einwohner-Ort in der Provinz Transsilvanien, Europas größte Goldmine eröffnen will. 300 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber sollen dort gefördert werden, mit hochgiftigem Zyanid würde dabei das Edelmetall vom Erz getrennt. Berge müssten dafür abgetragen, Dörfer geflutet und Spuren der Bergbau-Kultur aus der Römerzeit zerstört werden.

Seit mehr als zehn Jahren wehren sich Anwohner, Umweltaktivisten und politische und kulturelle Organisationen gegen das Projekt. Vorvergangene Woche hatte die Regierung in Bukarest eine Gesetzesvorlage erstellt, die der kanadischen Firma Gabriel Resources den Abbau erlaubt. Noch im September soll das Parlament zustimmen, in dem die Mitte-Links-Koalition von Premierminister Victor Ponta 70 Prozent der Sitze innehat.

Die Abendnachrichten im rumänischen Fernsehen werden aber von anderen Themen bestimmt: Angriffe von streunenden Hunden im Park, oder der Geburt der Enkeltochter von Staatspräsident Traian Basescu. Demonstranten wie Valentina Nicolae nehmen deshalb die etablierten Medien nicht mehr ernst. Von einem Totalausfall der Medien spricht Mihai Dragos, der Präsident der nationalen Studentenorganisationen. Er informiert sich über Facebook bei unabhängigen Journalisten wie Vlad Ursulean.

Vier Jahre lang war der 25-jährige Ursulean Redakteur bei "Romania Libera", der größten Tageszeitung des Landes. Dann hatte er die Nase voll vom "Zurückhaltungsjournalismus", wie er sagt. Er machte sich selbstständig als es 2012 zu heftigen politischen Protesten in Bukarest kam. Seine Internetseite "Haus der Journalisten" und das damit verbundene Netzwerk von Bloggern erreichten in kürzester Zeit bis zu 100.000 Rumänen, die sich anders informieren wollten. "Man kann nicht direkt sagen, dass die Medien unfrei sind. Aber die Berichterstattung kommt einer Selbstzensur nahe, weil sie so oberflächlich und suggestiv ist. Das liegt am Geschäftsmodell der Medienkonglomerate und an den politischen Beziehungen ihrer Eigentümer", sagt Ursulean.

Seit Sonntag vergangener Woche berichtet er zusammen mit befreundeten Journalisten mit Videos, Reportagen und Interviews von den Demonstrationen - die mit wachsender Selbstverständlichkeit als Revolution bezeichnet werden. Die stundenlangen Besetzungen der großen Boulevards erinnern in guten Momenten an eine riesige Freiluft-Party. Den Beat dazu produzieren die Protestierenden selbst: Hunderte leere Wasserflaschen aus Plastik schlagen sie rhythmisch auf den warmen Asphalt. Um eine Gruppe von Perkussionisten bilden sich Tanzkreise, Banner und Fahnen werden geschwenkt. Trompeten und Saxofone sind zu hören. Unter den Demonstranten sind Studenten und Rentner, Ingenieure und Künstler, junge Familien und Obdachlose. Statt Reden gibt es Sprechchöre. Getragen wird der Protest von der Avantgarde Bukarests - jungen Kreativen, für die es kaum eine Perspektiven gibt in diesem Land, das inzwischen von nahezu ungehemmtem Kapitalismus und Korruption geprägt wird. Auch im aktuellen Fall spielt Bestechlichkeit eine Rolle: Premier Ponta und Präsident Basescu haben sich gegenseitig in Interviews beschuldigt, Schmiergeld von der Rosia Montana Gold Corporation angenommen zu haben.

Die Revolution ist nicht zentral organisiert. In Sitzkreisen besprechen die Demonstranten das weitere Vorgehen - bis hin zu Details wie der Müllentsorgung. Nachdem er stundenlang diskutiert hat, steht George Gadei, Sänger der populären Alternative-Rock-Band Travka, am Rand des Universitätsplatzes und raucht eine Zigarette. "Das ist der Beginn von etwas Großem, etwas Wunderbarem", sagt er. Ein paar Meter weiter beruhigt Alice Stoicescu ihre Mutter am Telefon. "Nein, es ist nicht gefährlich hier", sagt sie. Später wird die junge Frau mit einer kleinen Gruppe von Freunden die Polizisten ablenken, damit die Demonstranten über eine Seitenstraße ausbrechen und den Boulevard besetzen können. "Hier geht es nicht nur um Umweltschutz. Bei diesem Protest geht es auch um den Politikstil, diese korrupte Art des Regierens, die auf den Willen der Menschen nicht den geringsten Wert legt", sagt die Grafik-Designerin.

Vlad Ursulean, der Journalist, hat seine Auszeichnungen und Diplome über dem Klo aufgehängt. Das "Haus der Journalisten" gibt es auch außerhalb des Internets - es ist seine 65-Quadratmeter-Wohnung, zehn Minuten zu Fuß vom Uni-Platz. Die Tür ist offen, ständig gehen Journalisten ein und aus. Einige wohnen hier. "Wir finanzieren uns über Stipendien und Spenden", sagt Ursulean, "aber das ist nicht schwer, denn wir brauchen nicht viel." Den Strom bezieht Ursulean von Nachbarn. Es gibt nur kaltes Wasser. Um in die Wohnung im Dachgeschoss zu kommen, muss man sich durch ein nach Fäkalien stinkendes, dunkles Treppenhaus tasten. An einer Wand in der "Denkzentrale" des Hauses der Journalisten ist mit schwarzer Kreide auf weißem Grund ein abstraktes Porträt von Filip Brunea-Fox gezeichnet. "Der einzige große Journalist, den wir bisher hatten", sagt Ursulean. Brunea-Fox wirkte vor allem in den 1930er-Jahren.


Das Goldminen-Projekt von Rosia Montana

Die Gesellschaft Rosia Montana Gold Corporation (RMGC) will im westrumänischen Rosia Montana Gold fördern. Der rumänische Staat soll mit Betriebsgenehmigung ein Viertel der Anteile an der RMGC halten, den Rest behält die kanadische Mutterfirma Gabriel Resources. Seit Planungsbeginn haben verschiedene Behörden die Betriebsgenehmigungen verweigert - aus Sorge um Umwelt- und Landschaftszerstörung. Ein bereits entvölkertes Tal soll etwa als Auffangbecken für giftige Bergbau-Reste herhalten. Aus Angst um Flussver-seuchungen hat sich auch Ungarn gegen das Projekt ausgesprochen.

Gold kommt in der Natur vor allem als reines Metall vor - meist in Form mikroskopischer Partikel, die chemisch aus dem Umgebungsgestein gewaschen werden. Das geht mit Quecksilber oder Natriumcyanid-Lösung. Letzteres wird als vergleichsweise billige Chemikalie vor allem bei industriellem Abbau genutzt.

Natriumcyanid ist ein hochgiftiges Blausäuresalz. Zwar lässt es sich chemisch neutralisieren - im Tagebau ist das aber schon der anfallenden Menge wegen schwer in Griff zu bekommen: Die Gefahr, dass Gift in die Umwelt gelangt, ist sehr hoch. (tim/dpa)

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