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Foto: Uwe Mann

Ein Zeugnis für die Lügenpresse?

Zur Studie über das Versagen von Zeitungen in der Flüchtlingskrise

Von Torsten Kleditzsch
erschienen am 22.07.2017

Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: alles Versager. Die Journalisten seien in der Flüchtlingskrise mehr politische Akteure gewesen als neutrale Beobachter. Damit seien sie ihrer Rolle, die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten, nicht gerecht geworden. Das Urteil, das eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung unter Leitung des renommierten Medienwissenschaftlers und ehemaligen Journalisten Michael Haller fällt, kommt - sagen wir mal - ziemlich vernichtend daher. Haben die, die die Journalisten Lügner nennen, also recht?

Es gibt keinen Grund, an dem vorgelegten Material prinzipiell zu zweifeln. Hallers Team hat auf Ebene der einzelnen Artikel mit vor allem quantitativen Methoden versucht, ein Bild für die aktuelle Tagespresse insgesamt zu zeichnen. Im Mittelpunkt der vorgelegten Analyse stehen die nationalen Titel. Über die Qualität der einzelnen Beiträge sagt das Vorgehen nichts, auch nicht darüber, wie die Journalisten mit der Kritik an ihrer Arbeit umgegangen sind.

Andererseits: Auch wenn die Methodik der Studie nicht in jedem Punkt überzeugt, so steht außer Frage, dass die deutschen Tageszeitungen die Politik der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage weitgehend unterstützt haben. Und richtig ist auch: Sie haben ausreichend Grund, ihre eigene Arbeit zu hinterfragen. Das hat aber nur in zweiter Linie mit der Flüchtlingsproblematik zu tun.

Warum haben die Journalisten so gehandelt? Weil sie gelenkt, ihnen gar Vorschriften gemacht wurden? Mitnichten. Das lässt sich mit Sicherheit sagen. Warum trotzdem zunächst ein großer Gleichklang entstand, lässt sich mit weniger Gewissheit beantworten. Die einen waren und sind bis heute überzeugt, dass die Bundesregierung richtig gehandelt hat. Andere sahen die größeren Probleme in der großen, teils gewalttätigen Ablehnung, die den Fremden entgegenschlug. Die wollten sie nicht noch verstärken. Dritte waren der PR-Macht der Politik nicht gewachsen. Und sicher gab es auch welche, die mit ihrer Meinung hinterm Berg hielten, weil um sie herum alle anderer Meinung zu sein schienen.

Für die "Freie Presse" gilt, dass wir uns damals wie heute nicht anmaßen, eine fehlerfreie Zeitung zu machen. Aber es ist unser ehrlicher Anspruch, mit hoher journalistischer Sorgfalt fehlerfrei zu berichten und nie einen falschen oder unvollständigen Eindruck zu vermitteln. Daran arbeiten wir täglich.

Aber auch für den Journalismus gilt: Nur die stetige Erneuerung, das Überprüfen und - wenn nötig - Verändern, verschafft einem die Qualität, die es für eine überzeugende Glaubwürdigkeit beim Leser braucht.

Wir haben in der Zeit der Flüchtlingskrise sehr viel mit unseren Lesern diskutiert. Wir haben dabei dazugelernt, andere überzeugt, auf jeden Fall miteinander gesprochen. Das sehen wir als unsere Aufgabe. Wer, wenn nicht die Regionalzeitung mit ihrer großen Vertrautheit, soll das Gespräch in der Gesellschaft zwischen den unterschiedlichen Lagern aufrechterhalten? Nur so ist Verständigung möglich. Und dafür ist guter Journalismus da.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 23.07.2017
    21:22 Uhr

    Täglichleser: BlackSheep richtig ein Menschenfreund muss nicht alles abnicken in der Flüchtlingsfrage. Man soll seine Ängste benennen. Man soll Fragen stellen. Sachlich. Nach Alternativen suchen. Ja es gab am Anfang eine Willkommensaufgeregtheit in der Presse. Aber die Aufgeregtheit dagegen lies nicht lange auf sich warten.
    Das Problem muss deshalb weiter auf der Tagesordnung bleiben und versachlicht werden. Von Heller steht ein Zitat in Wikipedia wie Medien sein sollen. Vieles Richtig: Tatsachenbeschreibung, die Welt der Bürger, der Betroffenen einbeziehen. Hier aber sagt er keine Ursachenspekulation. Das sollen die Medien auch nicht.
    Aber die Ursachen von Fehlentwicklungen recherchieren und benennen, warum es zu Fluchtbewegungen gekommen ist. Ran an die Ursachen. Sie bekämpfen. Und das zum Nutzen der Bürger.

    1 4
     
  • 23.07.2017
    20:49 Uhr

    A809626: @ Täglichleser, ich spreche nicht von den alten, klasischen linken und grünen Idealen, die ich ausnahmslos alle selbst vertrete - ich spreche von den pseudo-links/grünen Zielen der Neuzeit, die weder mit den klassischen grünen noch mit den alten linken Idealen etwas zu tun haben. Diese neuzeitlichen "Spinnereien" lehne ich ab

    3 3
     
  • 23.07.2017
    20:30 Uhr

    BlackSheep: @Täglichleser, solange die eigene Meinung mit einer trotzdem objektiven Berichterstattung einhergeht, dann alles gut. Allerdings hat, und das sagt Heller auch, genau das nicht stattgefunden. Ausserdem vemengen Sie einiges, wieso muss Menschenfreund heisen ich nicke alles ab in der Flüchtlingsfrage, vieleicht sind gerade die Menschenfreunde die nicht zu allem ja und amen sagen?

    1 6
     
  • 23.07.2017
    20:12 Uhr

    Täglichleser: Journalisten sollen aufklären, ordentlich recherchierte Fakten liefern, den Politikern auf den Zahn fühlen, damit sich der Leser eine Meinung bilden kann. Der Professor Heller sagt nichts anderes. Als die vielen Flüchtlinge kamen, hat man anfangs die Probleme mit Integration nicht so benannt und auch die zu erwartende Ablehnung von einigen. Das der Presse jetzt so massiv vorzuwerfen, finde ich übertrieben. Schließlich gab es dann noch ausreichend Diskussion in den Medien.
    Und was ist schlimm daran, wenn ein Journalist ein Menschenfreund ist, der gegen die Zerstörung der Natur, gegen den verderblichen Egoismus, sowie Krieg und Vertreibung ist. Und so auch seine Meinung einbringt. Wem stört es, wenn es der Menschheit hilft? Das ist grün, rot oder auch konservativ (werterhaltend). Und wir haben als Menschheit viel zu verlieren.

    10 2
     
  • 23.07.2017
    18:56 Uhr

    A809626: Herr Hankmann, erstens lässt sich leicht ergoogeln, welcher Parteien-Neigung die meisten Journalisten nachgehen und zweitens - warum sollten sie gegen Merkel wettern? Sie ist immerhin die links-grünste "CDU"-Politikerin, die wir je hatten - Ehe für alle inklusive!
    Liebe Freie Presse, was ist mit meinem verschollenen Kommentar?

    2 6
     
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