Olympiatagebuch: Sprung ins kalte Nass

Welcome on board of Asiana Airlines Flight to Incheon Seoul... - mit dieser nach Urlaub klingenden Ansage beginnt am Frankfurter Flughafen meine spontane Dienstreise zu den Olympischen Winterspielen. Vor wenigen Tagen sahen meine Pläne für die nächsten zwei Wochen noch völlig anders aus. Die weiteste Dienstfahrt, die im Kalender stand, war eine knapp 600 Kilometer lange Fahrt nach Kiel. 2. Fußball-Bundesliga, Auswärtsspiel des FC Erzgebirge Aue. Dann meldete sich der Kollege krank, kein anderer aus der Redaktion hätte einspringen können - und nun sitze ich in einem Flugzeug nach Südkorea zu Olympia. Das größte Sportereignis der Welt. Und mir blieb nicht einmal eine Woche Zeit, um mich darauf vorzubereiten. "Ich bin Profi, werde dafür bezahlt. Und überhaupt: Ich habe als Journalist schon andere Herausforderungen gemeistert", murmel ich leise vor mich hin und ertappe mich dabei, dass ich genau jene Sportler-Floskeln bemühe, die mich sonst die Augen verdrehen lassen.

Ich studiere noch einmal den Zeitplan, während der Airbus 380 abhebt. In den vergangenen Tagen war ich vor allem als Organisator gefragt. Das ging vom simplen Kaufen langer Unterhosen bis hin zur Umschreibung der Akkreditierung. Besonders die unscheinbare Karte ist für Journalisten von unermesslichem Wert. In Zeiten von Hochsicherheitsspielen ist sie genauso wichtig wie der Reisepass.

Ich blättere durch den selbst angelegten Zettelwald. Vier Goldmedaillen habe ich schon verpasst. Ärgerlich, aber so kurzfristig waren alle früheren Flüge bereits ausgebucht. Vieles, das ich vorher nebenbei gelesen habe, muss ich nun verinnerlichen: Wo sind die Wettkampfstätten genau? Wo ist das Deutsche Haus? Wie komme ich von A nach B? Welche Wettbewerbe der Athleten aus der Region überschneiden sich? Wie komme ich vom Flughafen zur Unterkunft? Und was für eine Währung erwartet mich in Südkorea? Diese und viele andere Fragen kann ich inzwischen beantworten. Das beruhigt.

Ich weiß dennoch: Ich werde hin und wieder improvisieren müssen. So wie jeder Journalist, aber doch etwas mehr als mein erkrankter Kollege. Das liegt weniger daran, dass er einmal selbst Weltklasseathlet war und meine größte Wintersport-Leistung ist, aus Skiurlauben ohne größere Verletzung nach Hause gekommen zu sein. Es ist einfach die kurze Zeit, und das ausgerechnet bei meiner Premiere als Olympia-Berichterstatter. Und die Olympischen Spiele - ob im Sommer oder Winter - sind für Sportjournalisten genauso wie für Sportler Herausforderung und Erlebnis schlechthin. Bei all der Ungewissheit freue ich mich, für Sie vor Ort aus Pyeongchang berichten zu dürfen. Ganz nach dem Motto: Ein Sprung ins kalte Wasser ist besser, als langsam hinein zu waten.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...