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Nach Unfall mit dramatischen Minuten auf der B 93 bei Meerane: Ersthelfer-Appell soll Autofahrer wachrütteln

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Untätigkeit und Desinteresse an der Unfallstelle beschäftigen die Polizei, die wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Eine generelle Entwicklung, die auch eine Notärztin beobachtet. Und über mögliche Ursachen spricht.

Meerane.

Autos wenden und fahren einfach weg. Unmittelbar nach dem Unfall mit drei Schwerverletzten auf der B 93 zwischen Meerane und Ponitz übernehmen zu wenig Leute die Rolle als Ersthelfer. Die Landespolizeiinspektion in Gera hat aufgrund der Ereignisse nach dem Crash am 12. April mittlerweile Ermittlungen wegen dem Verdacht der unterlassenen Hilfeleistung aufgenommen. Dabei handelt es sich um eine Straftat, die mit einer Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Vorfälle wie auf der B 93 an der Landesgrenze von Sachsen und Thüringen häufen sich. Das zeigen ein Blick in die Statistik und ein Gespräch mit einer Notärztin. Dazu aber später.

Alle drei Unfallbeteiligten kommen schwerverletzt in Kliniken

Auf die fehlende Unterstützung von Ersthelfern nach dem Unfall auf der B 93 hat Johann Diewert unter der Überschrift „Aufruf an die Menschlichkeit“ auf der Facebook-Seite „Altenburg Paparazzi – Menschen, Tiere, Sensationen…“ aufmerksam gemacht. Der 29-Jährige kam – wohl wenige Minuten nach dem Crash – an die Unfallstelle am Abzweig zum Netto-Zentrallager in Guteborn. Dort war es zu einem frontalen Zusammenstoß zwischen einem Mercedes und einem Audi gekommen. Im Mercedes, der laut Polizei in den Gegenverkehr geraten war, saß ein 61-jähriger Mann. Im Audi, der aus Richtung Zwickau kam, befanden sich eine 31-jährige Frau und ihre siebenjährige Tochter. Alle Unfallbeteiligten kamen mit schweren Verletzungen in Krankenhäuser, das Kind sogar per Rettungshubschrauber.

„Die Airbags haben noch geraucht“, erinnert sich Johann Diewert an den ersten Blick auf die Unfallstelle. Er war – gemeinsam mit Frau und Kind – nach einem Einkaufsbummel in Zwickau auf dem Rückweg nach Altenburg. Er habe in jenem Moment nur noch funktioniert und sich um die beiden Verletzten im auf dem Dach liegenden Audi gekümmert: Die Frau klagte über Atemprobleme, das Kind blutete stark am Kopf. Er habe versucht, den beiden gut zuzureden und sie zu beruhigen. Durch das Team eines Rettungswagens, welcher zufällig an der Unfallstelle vorbeigekommen war, gab es die erste professionelle Unterstützung. Ein Rettungssanitäter und Johann Diewert befreiten zunächst das Mädchen aus dem Audi. Der Ersthelfer kümmerte sich in den nächsten Minuten um das Kind. „Ich musste der kleinen Maus einfach helfen“, sagt der Mann, der in der Innenstadt von Altenburg einen Mobilfunk-Shop betreibt. Zuerst hat die „Leipziger Volkszeitung“ nach seinem Facebook-Post über den Einsatz der Ersthelfer berichtet.

Ersthelfer: „Jeder wünscht sich eine schnelle Hilfe“

Mit seinem „Aufruf an die Menschlichkeit“ versucht Johann Diewert die Leute wachzurütteln. Es gehe nicht um ihn, sondern um ein wichtiges Thema. „Jeder, der in einen Unfall verwickelt ist, wünscht sich eine schnelle Hilfe“, sagt der 29-Jährige, der kein Verständnis hat, wenn – wie beschrieben – Autos wenden oder Leute in ihren Fahrzeugen sitzen bleiben. „Die beiden Unfallfahrzeuge hätten auch voll besetzt sein können. Dann wären viel mehr Ersthelfer erforderlich gewesen“, sagt der Ostthüringer und schiebt nach: „Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr teilen ganz sicher mit, wenn sie keine Hilfe mehr benötigen und sich die Ersthelfer zurückziehen können.“

Anzeigen wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung nehmen im Bereich der Polizeidirektion Zwickau zu. 2023 gab es 16 Fälle. 2022 waren es 17 Fälle. Zum Vergleich: In den Jahren davor tauchten jeweils weniger Fälle in der Statistik auf – 2019 waren es 7, 2020 gab es 10 und 2021 wurden 12 erfasst. Die Polizeidirektion ist für die Landkreise Zwickau und Vogtland zuständig. Der Unfall auf der B 93, bei dem Johann Diewert zu den Ersthelfern gehörte, hat sich im Zuständigkeitsbereich der Landespolizeidirektion Gera ereignet.

Notärztin: Bedenken, weil der Tagesablauf durcheinander gerät

Die oft fehlende Hilfsbereitschaft an Unfallstellen beobachtet auch Kathleen Dittrich-Ueberfeld. Die Meeranerin ist ärztliche Leiterin im Rettungszweckverband Südwestsachsen. Sie vermutet: „Viele Leute denken leider nur an ihre eigenen Belange. Meistens ist es ihnen wichtig, vor einer Vollsperrung noch schnell an einer Unfallstelle vorbeizukommen. Ein Stau oder auch der Einsatz als Ersthelfer würde ihren geplanten Tagesablauf verändern oder durcheinanderbringen.“ Dazu käme oft die Angst, als Ersthelfer einen Fehler zu machen. Der größte Fehler sei allerdings, weiterzufahren und keine Hilfe anzubieten. Sie verweist auf ein eigenes Beispiel aus dieser Woche: Am Dienstagvormittag kam Kathleen Dittrich-Ueberfeld, die nicht im Dienst war, an einem Unfall mit einem 16-jährigen Mopedfahrer auf dem Stadtring in Glauchau vorbei. Sie hielt an und kümmerte sich um den leicht verletzten Jugendlichen. Die Notärztin sagt: „Ich war mit meiner Mutti auf dem Weg zu einem Arzttermin, der sich durch den Stopp an der Unfallstelle nicht mehr halten ließ. Viele wollen nicht, dass in unserer hektischen Zeit die Pläne für einen Tag durcheinandergeraten.“ (hof)

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