Machen statt maulen

Tourauftakt in Schwedt

Schwedt. Tourauftakt ist in Schwedt. Das ist ein Satz, den man - egal in welchem Zusammenhang - wohl nicht allzu häufig hört. Im Zweiten Weltkrieg zu 85 Prozent zerstört, in der DDR berühmt-berüchtigt für eine Papierfabrik, eine Erdölraffinerie und ein Militärgefängnis, ist die einstige Industriestadt heute nur noch in der Diskussion, wenn es um die drei "A"s geht: Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Ausländerhass. Alles keine Argumente für eine Busfahrt in die Uckermark. Und doch ist die 34.000-Einwohnerstadt an der Oder die erste Station eines besonderen Projektes.

Vom 30. Mai bis zum 10. Juni bekommen die neuen Bundesländer Besuch von der "Dritten Generation Ostdeutschland". So nennt sich eine Initiative, die sich vorgenommen hat, den Wendekindern eine Stimme zu geben. Jenen 25- bis 35-Jährigen, die Kindheit und frühe Jugend in der DDR verbracht haben und im vereinigten Deutschland erwachsen geworden sind. Die Idee zum Projekt entstand bereits 2009. Friedliche Revolution und Mauerfall jährten sich zum 20. Mal, die Zeitungen waren voll von Zeitzeugenberichten, im Fernsehen formierten sich Diskussionsrunden. Man sprach mit ehemaligen Kadern, Kanzlern, Künstlern. Nur die Kinder fragte man nicht, wie sie die Umbrüche und Aufbrüche in Schule, Familie und ihren Wohnorten erlebt hatten.

Vor einem Jahr trafen die Wendekinder sich erstmals auf einer Konferenz in Berlin, tauschten ein Wochenende lang Biografien, Telefonnummern und Projektideen aus. Die Generation des Umbruchs eint ein inneres Aufbegehren gegen die einseitige Darstellung ihrer Heimat als Hort der Trostlosigkeit. Zwar kennen sie die Grafiken, auf denen der Osten immer Dunkelrot ist. Und doch muss es Menschen geben, die sich den Trends entgegenstemmen, man braucht sie nur zu finden und ihnen ein Forum zu bieten. Auch deshalb hält in diesen Tagen ein Bus, wo sonst kein Bus fährt.

Zu den Dagebliebenen und Rückkehrern aber zählen sich die Initiatoren der "Dritten Generation Ostdeutschland" selbst nicht. Fast alle hat es in die Großstädte verschlagen. Wenn allerorten vom Spuk der Abwanderung die Rede ist, sind sie wohl die Gespenster. Auch Michael Hacker ist gegangen, erst nach Leipzig, dann nach Berlin. Hacker ist Gründungsmitglied der "Dritten Generation Ost", großgeworden ist er in Hoyerswerda. Auch so eine Stadt, für die man Blicke erntet, meistens mitleidige. Die Stadt im Nordosten Sachsens ist bekannt für Plattenbauten, Brigitte Reimann und ein ernstes Problem von Rechts. 1991 wurden ein Heim für Vertragsarbeiter und ein Flüchtlingswohnheim von Neonazis angegriffen. Bisweilen standen bis zu 500 Sympathisanten vor den Gebäuden, machten mit, applaudierten. Wer heute in Hoyerswerda aufwächst, trägt nicht nur schwer an der Geschichte der Stadt, sondern sich selbst schon früh mit dem Gedanken ans Fortgehen.

"Ich kann verstehen, wenn Leute unser Konzept als zu theoretisch abtun", sagt Hacker. "Ein Haufen Studierter, die ihren Heimatstädten den Rücken gekehrt haben, und sich nun ihre zerklüfteten Biografien vorbeten - ist das wirklich die ‚Dritte Generation Ost‘"? Schnell wird klar: Sie müssen raus aus der hippen Hauptstadt, mit denen sprechen, die die Dinge vor Ort in die Hand nehmen, statt nur zu winken.
Knapp 100 Menschen sind an der Organisation der Tour beteiligt. Keine generalstabsmäßig geplante Rundreise soll es werden, sondern eine, die Raum lässt für Spontanität. Überlegt hat man sich verschiedene Formate des Kennenlernens. Das reicht von konventionellen Marktplatzaktionen über abendliche Podiumsdiskussionen bis zur Rubrik "Zu Tisch bei…". Hier folgen die Tourteilnehmer Einladungen von Privatpersonen, übernehmen den Abwasch im Austausch gegen das persönliche Gespräch. "Bei der Auswahl der Stationen haben wir darauf geachtet, nicht nur die Städte anzufahren, die sowieso ständig als Negativbeispiele herhalten müssen", sagt Hacker. Deswegen ist Hoyerswerda nicht dabei oder Chemnitz. Dafür Pobershau, Löbau, Neubrandenburg. Vor Ort will man Engagierte treffen, mit Politikern und Wirtschaftsexperten über die Entwicklung ländlicher Gegenden und urbaner Strukturen sprechen - sich ein Bild machen, wie sie jenseits der Metropolen lebt, die "Dritte Generation Ost".

Da ist zum Beispiel die Initiative "Im Friese" e.V. in Kirschau, Oberlausitz. Der Verein stellt Künstlern kostengünstige Ateliers zur Verfügung, vernetzt Bürger, Künstler und Institutionen, fördert den kreativen Nachwuchs. Da sind Jugendliche im brandenburgischen Zossen, die sich gemeinsam mit der Amadeu-Antonio-Stiftung gegen rechtsextreme Alltagskultur zur Wehr setzen. Da gibt es viel zu entdecken im vermeintlich verlorenen Land.

"Natürlich wird der Bus an grauer Platte vorbeirollen, wird der ein oder andere Marktplatz verwaist sein", sagt Michael Hacker. "Aber wir kommen auch nicht als Touristen. Für uns ist die Tour schlicht der längst überfällige Realitäts-Check." Heute heißt es fürs erste "Tschüss Berlin - hallo Schwedt."

 

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