Sport frei in Neubrandenburg - auch wenn das Thema heikel ist

In Neubrandenburg beleuchtet eine hitzige Podiumsdiskussion die DDR-Geschichte des Sportclubs

Neubrandenburg. Im September 1977 durchlebt der Sportclub Neubrandenburg einen handfesten Skandal. Im Essenssaal hat jemand das Transparent mit der Losung "Roter Oktober - Wende in der Geschichte der Menschheit" in ein staatsfeindliches Banner verwandelt und den Buchstaben "W" entfernt. Der Streich ruft die Staatssicherheit auf den Plan. Wenig später wird der Kanute Norbert Vogel als Übeltäter entlarvt. Er muss die Kinder- und Jugendsportschule verlassen und wird für alle Erweiterten Oberschulen der DDR gesperrt. Auch für zwei seiner Freunde ist die Sportkarriere vorbei. Die Spartakiade-Sieger und Perspektivkader über 400 und 800 Meter erscheinen der Stasi nach dem Vorfall in der Kantine nicht mehr linientreu genug. Die entscheidenden Hinweise erhält der Geheimdienst von IM "Thomas" - damals noch minderjährig, gezielt geworben, später erpresst. Bis heute lässt die Schuld die ehemalige Sportlerin nicht schlafen.

Einen Monat ist es her, dass der NDR sich unbeliebt machte. Statt einer Torte bekam der Sportclub Neubrandenburg zum 50. Jubiläum eine knallharte Enthüllungsgeschichte über seine Stasi-Vergangenheit serviert. Journalisten hatten Geheimdienst-Akten gewälzt, die bis dato unangetastet in den Archiven lagen. Ergebnis der Recherche: Wie so viele andere Sportvereine der DDR war der SCN von Stasi-Spitzeln durchsetzt, Doping seit Ende der 1970er-Jahre an der Tagesordnung. Seit Ausstrahlung einer Dokumentation ist dieses unrühmliche Kapitel Stadtgespräch. Auch deshalb steht unser Besuch ganz im Zeichen des Sports.

Von Neubrandenburg selbst sehen wir nicht viel, übernachten im Wohnheim eines Sportinternats am Rande der Stadt. Die graue Platte lädt zu nicht viel mehr ein als Schlafen, aber gleich um die Ecke gibt es einen Aldi. Wie gut, dass für das Abendprogramm bereits gesorgt ist: "Sport als Propaganda, Sport als Engagement", ist der Titel einer Podiumsdiskussion, die von der "Dritten Generation Ostdeutschland" organisiert worden ist. Nicht nur die Vergangenheit der Sportstadt Neubrandenburg soll Thema sein, sondern auch die gegenwärtige Arbeit in den Clubs der Region. Auf dem Land gibt es ein Problem mit Rechtsextremismus im Amateurfußball. Lennart Claussen von der Initiative "Mobile Beratung im Sport" soll von seiner Arbeit erzählen, kommt aber nicht recht dazu, zu schnell erhitzen sich die Gemüter.

Auf dem Podium sitzt André Keil, er leitet beim NDR das Mecklenburg-Studio Schwerin. Fünf Jahre hat Keil an dem Film "Als Sportler zu Spitzeln wurden" gearbeitet. Auch weil das Thema niemand sonst anfasst, wie er sagt, der Verein selbst sich gegen eine Aufarbeitung sträubt. Ihm gegenüber sitzt Heinrich Nostheide, seit 2005 Präsident des SCN. Er kommt in Keils Film zu Wort und auch jetzt. Eine vereinsinterne Auseinandersetzung mit Schicksalen und Karrieren sei nicht geplant und "nicht zu stemmen", sagt er.

Der Sportclub Neubrandenburg ist ein Verein mit Tradition. Einer, der sich seiner Spitzenathleten rühmt. Er gehörte mit den beiden Abteilungen Leichtathletik und Kanurennsport zu den Leistungssportzentren der DDR und brachte Top-Athleten wie die Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss und den Kanuten Andreas Dittmer hervor. Dessen Vater Klaus sitzt an diesem Abend im Publikum. Früher selbst aktiver Kanute, war er 1970 erster WM-Teilnehmer dieser Sportart. Ob man den Zeitpunkt nicht sensibler hätte wählen können, fragt Dittmer. "Was bitte bleibt hängen von so einem Jubiläum?" Ein älterer Herr aus dem Publikum springt ihm bei: "Was sollen wir denn machen mit den IMs? Alle erschießen? Die hatten doch auch keine andere Wahl."

Dass das so nicht stimmt, zeigt die Ausstellung "Sportverräter", die im April in Neubrandenburg zu sehen war. Sie zeigt die Fluchtschicksale von 15 DDR-Sportlern. Der Fußballer Falko Götz, die Leichtathletin Ines Geipel und der Schwimmer Axel Mitbauer - alle flohen aus der DDR, weil sie frei sein wollten, den Druck von Stasi und Sportsystem nicht aushielten. Der Leipziger Mitbauer sprang 1969 bei Boltenhagen in die Ostsee und schwamm 25 Kilometer in den Westen. Am nächsten Morgen entdeckte ihn der Kapitän einer Passagierfähre in der Lübecker Bucht und nahm ihn an Bord.

Auch André Keil zeigt in seinem Film Menschen, die zwar als IMs geführt wurden, sich jedoch weigerten, Informationen zu liefern. "Es gab Wege, Nein zu sagen", ist er sich sicher. Die Opfer der Staatssicherheit verdienten in jedem Fall eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema. "Noch schieben vor allem Journalisten die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an, da muss noch viel passieren. Gerade ihr, die dritte Generation, werdet künftig noch mit der Aufarbeitung beschäftigt sein."

Insgesamt lieferten allein im Sportclub Neubrandenburg 53 Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi zu. IM "Thomas" bekam im Dezember 1977 für ihre Dienste eine Prämie von 100 Mark. Bevor wir ins Wohnheim einchecken, schauen wir in einer Kneipe das Länderspiel Deutschland-Israel. Die Deutschen gewinnen, aber glanzlos.

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...