Sachsens Unternehmer suchen neue Kontakte in Kuba

Kubas marode Wirtschaft sucht dringend Investoren. Der veränderte internationale Status des Landes bietet dazu neue Möglichkeiten. Doch der Markt ist starr und bürokratisch.

Havanna.

Besuch in einem Postamt der Touristenstadt Varadero. Die freundliche Dame in dem winzigen Raum verkauft nicht nur Briefmarken, sie klebt sie auch auf die Ansichtskarten. Der Service macht Sinn, denn kubanischen Briefmarken fehlt der übliche Klebstoff. Ein Mangel, der zum täglichen Leben im Inselparadies gehört und Unternehmer wie Hans-Jürgen Bähr anzieht. Denn der verkauft Klebstoff.

Stickig-feucht ist die Luft, unvorstellbar das Menschengewusel. Die Industriemesse in Havanna ist die größte Lateinamerikas. Die politisch-wirtschaftliche Öffnung Kubas hat die Zahl der Aussteller in die Höhe getrieben. Auf dem Messestand im "Deutschen Haus" war Hans-Jürgen Bähr erstmals schon im Jahr 2000 präsent. Die Klebstoffwerke Collodin vertritt er in Leipzig. Der Markt sei riesig, sagt Bähr, "doch leider fehlt es an Geld". Auf 80 bis 100 Tonnen pro Jahr beziffert er den Markt für seine Produke, die der Etikettierung von Flaschen, unter anderem Havanna-Rum, und Kartonagen dienen. Doch die finanzielle Notlage erlaubt lediglich die Bestellung einer kleineren Menge.

Der Sturz des Nickelpreises und der starke Fall des aus Venezuela importierten und weiterverkauften Öls haben die Devisenknappheit verschärft. Doch nachdem Kuba von der Liste der "Schurkenstaaten" gestrichen wurde, öffnen sich neue Finanzierungsquellen, auch beim einstigen Erzfeind USA.

Ein neuer Markt winkt. Kuba zählt nur 11,2 Millionen Einwohner, siebenmal weniger als der Iran, das andere so lange verschlossene Land. Die Havanna-Messe zeigt das riesige Interesse. Spanien ist stark vertreten, Italien zeigt Flagge, ebenso Frankreich. Deutschland gibt sich noch zurückhaltend. Erstmals seit 2001 ist eine sächsische Delegation dabei. Zwölf Firmen werben auf Initiative der IHK Chemnitz und Leipzig mit der Wirtschaftsförderung Sachsen für ihre Produkte.

"Alles" - das wäre die treffende Antwort auf die Frage, was in Kuba gefragt ist. Die Infrastruktur, ob Straßen, Schienen oder Energieversorgung, ist marode. Die Landwirtschaft, staatswirtschaftlich viel zu lange auf Zuckerrohr fokussiert, liegt am Boden. "90 Prozent der Lebensmittel müssen importiert werden", sagt der Radebeuler Wolfgang Einecke, der mit seiner Firma WEM und den guten Kontakten seiner kubanischen Frau als Türöffner für deutsche Unternehmen fungiert. Und neben Maschinen, speziell Autos als Ersatz für den antiquierten Fuhrpark, ruft vor allem der Tourismus nach Renovierung und Ausbau.

"Aufgeschlossen" sei das Klima, beschreibt Steffen Söll seinen Eindruck. Die SKM in Boxberg, deren Geschäftsführer er ist, könnte die dringend erforderlichen Baustoffe liefern. André Gedan sieht mit der KEW in Wilthen Absatzchancen für Befestigungstechnik, und Corina Rocho beschreibt für Energie-Container, die ihre Firma argus in Bautzen herstellt, enormen Bedarf in der Umwelttechnik. Allerdings: "Das schnelle Geschäft ist hier aber nicht zu machen", meint Jochen Zill von der Dresdner Lackfabrik. Große Hoffnungen setzt die kubanische Führung in die Sonderwirtschaftszone Mariel bei Havanna. Die Projektliste umfasst 246 Vorhaben mit einem Volumen von 8,7 Milliarden Euro. Für eine Zementfabrik, für Windparks, für eine Reifenproduktion und Hotels mit 20.000 Betten werden Investoren gesucht - ein Volumen, das die mittelständisch orientierte sächsische Wirtschaft überfordert. Doch Beteiligungschancen winken bei einem Fleischkonzern und bei einer Lackfabrik. Die Messedelegation versteht ihren Auftritt als Kontaktanbahnung und freut sich über das Interesse an Made in Germany. Ob die gemeinsame Vergangenheit zu sozialistischen Zeiten eine Geschäftsanbahnung erleichtern könnte? Deutschland habe in den 90er Jahren versäumt auf Kuba Flagge zu zeigen, lautet eine Antwort. Und Verständnis für die legendäre Bürokratie im Castro-Reich mit unzähligen Beglaubigungen und Übersetzungen? "Viel schlimmer und umfangreicher als in der DDR", betont ein Unternehmer. Vor zwei Jahren hat er seine Unterlagen eingereicht. Auf eine "Lieferantennummer" wartet er bis heute.

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