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Investor äußert sich zu umstrittenem Wohnheim-Plan in Chemnitz

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Im Streit um die Baugenehmigung für eine Flüchtlingsunterkunft rückt nun die Geschichte des Areals in den Fokus.

Nach der Aufregung um die Baugenehmigung für ein Wohnheim für bis zu 287 Flüchtlinge und Asylbewerber in Reichenbrand hat sich erstmals der Investor zu den Überlegungen geäußert. Nach Angaben eines Sprechers der Grundstücksgesellschaft aus Baden-Württemberg, die das einst zur Wismut gehörende Areal erworben hat, sind auch andere künftige Nutzungen denkbar. "Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen und Varianten", sagte er. Der Ausbau der dreigeschossigen Gebäude zu einer Flüchtlingsunterkunft sei weder "in Stein gemeißelt" noch aktuell beabsichtigt. Denkbar sei auch ein Wohnheim für Studierende und Auszubildende. Mit dem Einholen der Baugenehmigung habe der Investor Sorge dafür tragen wollen, im Falle eines Falles schnell reagieren zu können, wenn sich ein konkreter Bedarf abzeichne.

Die Überlegungen zur Zukunft des äußerlich heruntergekommenen Geländes hatten in den vergangenen Tagen vor allem unter den Bewohnern einer benachbarten Eigenheimsiedlung für erhebliche Beunruhigung gesorgt. Unmittelbare Anlieger waren von der Stadt routinemäßig über die Erteilung der Baugenehmigung informiert worden. Sie fürchten, dass es bei einer Umsetzung der Pläne mit der Ruhe in ihrer Siedlung vorbei ist - einer Gegend, in der fast jeder jeden kennt, die Fassaden und Grundstücke sorgsam gepflegt sind und der Zaun vorm Haus manchmal kaum kniehoch ist.

"Wir haben viel Geld in unsere Grundstücke investiert", schildert eine Anwohnerin. Nun drohten die Anwesen, ihren Wert zu verlieren. Auch sorgten sich insbesondere die älteren Bewohner um ihre Sicherheit, erzählt sie. "Wir wollen ja auch nicht, dass das hier eskaliert."

Derlei Befürchtungen kommen offenbar nicht von ungefähr, wie erste Reaktionen zeigen. "Wenn das passiert, sind wir hier weg oder ich brenne jeden einzelnen an", stand zu Wochenbeginn etwa auf der Facebookseite der rechtsextremen Vereinigung Pro Chemnitz über Stunden hinweg zu lesen. Auf einer Anschlagtafel im Viertel wurde bereits offen zum "Widerstand" aufgerufen.

Aktuell erscheint es eher unwahrscheinlich, dass aus den Überlegungen des Investors Wirklichkeit wird. Nachdem die Stadtverwaltung bereits am Montag klargestellt hatte, keinen Bedarf für ein Flüchtlingsheim zu sehen, stellte am Dienstag auch das Sächsische Innenministerium klar, nichts mit dem Vorhaben zu tun zu haben.

Ungeachtet dessen fordern Vertreter der CDU vom Rathaus konsequentes Handeln. "Wenn es keinen Bedarf gibt, dann darf es auch kein Vorhalten von möglichen Standorten geben", sagt etwa Andreas Marschner - einer von mehreren CDU-Stadträten, die als Unternehmer selbst im Umfeld der Liegenschaft tätig sind und im Falle einer Umsetzung der Pläne unmittelbar betroffen wären. Der diskutierte Standort sei überdies historisch belastet und daher denkbar ungeeignet. Der Grund: Auf dem Areal befand sich im Zweiten Weltkrieg das Zwangsarbeiterlager "Landgraf", in dem auch Häftlinge eines Außenlagers des KZ Flossenbürg interniert waren. Seit einiger Zeit erinnert an der Jagdschänkenstraße eine große Gedenktafel daran.

Deren Mitorganisator, Enrico Hilbert, spricht allerdings von einem Scheinargument. "Die Leute sollen lieber offen sagen, warum sie dort keine Flüchtlingseinrichtung wollen und welche Bedenken sie haben, anstatt sich jetzt auf das Zwangsarbeitslager zu berufen", findet er. Das Gelände, für dessen Geschichte sich bis vor wenigen Jahren kaum jemand interessiert habe, sei längst überbaut worden, die historische Prägung nicht mehr erkennbar.

Deutliche Kritik indes äußern Carolin Juler und Sebastian Cedel von der Stadtratsfraktion Die Linke/ Die Partei. Auf dem Areal eine Sammelunterkunft zu errichten sei unsensibel und absurd, äußerten sie in einer gemeinsamen Erklärung. Sie fordern die Stadt auf, die Baugenehmigung zurückzuziehen, alle Sammelunterkünfte zu schließen und sich deutlich gegen das Errichten von Unterkünften durch Privatinvestoren zu stellen.

Ein Sprecher des Investors sagte, die geschichtlichen Hintergründe der Liegenschaft seien dem Unternehmen nicht bekannt.


Zwangsarbeiterlager Landgraf

Im Zweiten Weltkrieg setzte die Chemnitzer Auto Union AG bis zu 4000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus vielen europäischen Ländern zur Steigerung der Rüstungsproduktion ein, unter anderem bei der Herstellung von Motoren für Panzer. Ein Großteil von ihnen war im sogenannten Lager "Landgraf" sowie in weiteren Lagern in Siegmar in Baracken untergebracht.

Auf dem aktuell diskutierten Teilareal des Lagers befand sich Historikern zufolge 1944 ein separater Bereich für jüdische Häftlinge aus Polen und Ungarn, die bei unzureichender Ernährung zwölf Stunden täglich arbeiten mussten. Das Gelände war von Stacheldrahtzaun und vier Wachtürmen umschlossen. (fp)

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