Liveticker zum Nachlesen: So beging Chemnitz den 9. November

22.15 Uhr: Die Polizei zieht Bilanz. Die Veranstaltungen des Tages wurden demnach mit rund 1000 Einsatzkräften abgesichert, die meisten Veranstaltungen verliefen störungsfrei. Nach Schätzungen der Chemnitz Versammlungsbehörde nahmen an der Veranstaltung von Pro Chemnitz 1200 Personen teil. Dagegen wiederum protestierten 1000 Menschen. Beim Zurückdrängen von Gegendemonstranten wurde laut Polizei eine Frau leicht verletzt, als sie stürzte. Beamte unterzogen 13 Personen Identitätsfeststellungen und sprachen Platzverweise aus. Aus einem Haus an der Theaterstraße wurden Teilnehmer des Aufzugs von Pro Chemnitz mit Apfelstücken beworfen. Drei Teilnehmer der Versammlung von Pro Chemnitz hatten Pfeffer- bzw. Tierabwehrsprays bei sich. Gegen einen weiteren bislang unbekannten Teilnehmer wird wegen Verdachts der Körperverletzung gegen einen Polizeibeamten ermittelt. Er hatte ihm gegen den Helm geschlagen.

21.27 Uhr: Zu Musik des Pianisten Jeffrey Goldberg stellen die Teilnehmer der "Lichterwege" ihre Kerzen am Mahnmal im Park der Opfer des Faschismus ab. "Wir wollen nicht zu der stillen Masse gehören, die nichts hört, sieht und nicht darüber redet", sagte eine Rednerin mit Verweis auf einen "Rechtsruck in der Bevölkerung." Zum Abschluss erklingt das Kaddish, eines der wichtigsten Gebete des Judentums, mit dem vor allem Verstorbener gedacht wird. Anschließend singen die Anwesenden gemeinsam das Lied "Einmal" aus dem Musical "Der Glöckner von Notre-Dame".

20.48 Uhr: Die Teilnehmer der "Lichterwege" erreichen den Park der Opfer des Faschismus. Die Wege dort sind mit zahlreichen Kerzen versehen, am Rondell vorm Schauspielhaus liegen Blätter mit Auszügen aus Texten verschiedener Autoren aus. Mitglieder des Theaterensembles lesen Augenzeugenberichte aus der Nazizeit. Anschließend beginnt die Abschlusskundgebung am Mahnmal.

20.08 Uhr: Noch einmal meldet sich Gabi Engelhardt bei der Kundgebung "Aufstehen gegen Rassismus" zu Wort. "Wir haben gezeigt, dass Chemnitz ein anderes Gesicht hat als die hässliche Fratze der Demonstrationen von Pro Chemnitz. Wir wollen eine Stadt ohne Nazi-Demonstrationen. Hier ist kein Platz für Nazis." Sie forderte die Teilnehmer der Kundgebung "Aufstehen gegen Rassismus" auf, mit Nachbarn, Freunden und Familienangehörigen zu sprechen: "Heute waren wir 1000 Teilnehmer, aber wir müssen mehr werden", sagte Engelhardt. Es gehe nicht an, jeden Freitagabend, wenn Pro Chemnitz demonstriere, mit Angst durch die Stadt gehen zu müssen. Sie forderte die Teilnehmer ihrer Versammlung auf, jetzt aus Sicherheitsgründen in Gruppen nach Hause zu gehen.

20.03 Uhr: Die Polizei gibt per Lautsprecher durch, die Familie des getöteten Daniel H. habe den Wunsch geäußert, dass die Teilnehmer der Pro-Chemnitz-Demo nach Abschluss der Veranstaltung nicht an den Ort des Verbrechens zurückkehren mögen.

19.58 Uhr: Martin Kohlmann spricht, unter anderem geht er auf die Revolution 1918 ein und sagt: "Es ist ein Verbrechen, die legitime Regierung davon zu jagen." Jetzt beginnt die Pro-Chemnitz-Demo über den Falkeplatz.

19.39 Uhr: Mit Trillerpfeifen und Sprechchören wie "Refugees are welcome here" versuchen Teilnehmer der "Aufstehen gegen Rassismus"-Kundgebung die Demonstration von Pro Chemnitz zu stören. ‎Doch zwischen beiden Versammlungen liegen rund 100 Meter. Dort halten sich zahlreiche Polizisten auf.

19.30 Uhr: Die "Lichterwege" haben den Innenhof der Technischen Universität an der Straße der Nationen erreicht. Von dort wurden während des Holocaust die Chemnitzer Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Heute erinnert ein Gedenkstein des Künstlers Volker Beier daran. Erneut wird aus den Erinnerungen Justin Sonders gelesen.

19.25 Uhr: Die Organisatorin der Kundgebung "Aufstehen gegen Rassismus" an der Kreuzung Strasse der Nationen/Brueckenstraße, Gabi Engelhardt, spricht von insgesamt 1000 bis 1200 Teilnehmern vom Nachmittag bis zum Abend. Angemeldet waren 500. Unter den Teilnehmern befinden sich überwiegend junge Menschen. Bis 21 Uhr, dem Ende der Veranstaltung, wird jetzt noch Musik gespielt, sagte Engelhardt. Laut Polizeisprecherin Jana Ulbricht ist die Lage rechts und links vom Marx-Kopf derzeit ruhig. Zwar seien einige wenige Teilnehmer der Pro Chemnitz-Kundgebung auf dem Weg zu ihrer Demo ueber den Platz gelaufen, wo die Versammlung "Aufstehen gegen Rassismus" stattfindet, es habe jedoch keine Zwischenfälle gegeben.

19.15 Uhr: Auf einer Zwischenkundgebung der "Lichterwege" am Archäologiemuseum smac am Stefan-Heym-Platz erinnern Redner an die Warenhaus-Betreiber Schocken. Es wird aus den Erinnerungen des Chemnitzer Holocaust-Überlebenden Justin Sonder zitiert, das Saxophon-Quartett der Oper Chemnitz spielt Klezmer. "Lasst uns, wie es auch Stefan Heym Zeit seines Lebens getan hat, überall dort aufstehen, widersprechen und handeln, wo sich menschenfeindliches Gedankengut äußert, und uns für eine freie, offene und solidarische Gesellschaft des Miteinanders einstehen", sagt einer der Redner. Viele Familien sind da, junge und ältere Chemnitzer, aber auffallend wenig Politprominenz.

18.55 Uhr: Die Pro-Chemnitz-Kundgebung beginnt mit dem Lied "Die Gedanken sind frei". Vorsänger ist Pro-Chemnitz-Chef Martin Kohlmann. Beobachter schätzen die Teilnehmerzahl auf 900 bis 1000.

18.30 Uhr: Mehrere Hundert Teilnehmer versammeln sich zur Pro-Chemnitz-Kundgebung, die noch nicht begonnen hat. Laut Polizeisprecherin gab es bislang auf keiner Seite Zwischenfälle.

18.08 Uhr: Mehrere Hundert Menschen haben sich an der Chemnitzer Synagoge zu einer Aktion "Lichterwege" versammelt. Mit Kerzen, die mit einem Licht aus der Synagoge entzündet wurden, und Lampions ziehen sie in Richtung Stefan-Heym-Platz und Straße der Nationen. Mit der Aktion soll laut den Organisatoren ein Zeichen gesetzt werden für die Grundwerte der Zivilgesellschaft. "Wir wollen nicht, dass das in den vergangenen Wochen entstandene Bild von Chemnitz in den Köpfen der Menschen hängen bleibt", sagte ein Redner während der Auftaktkundgebung.

17.30 Uhr: Das Theaterprogramm ist beendet. Mehrere Reden werden gehalten, zunächst war Volkmar Zschocke dran, Landtagsabgeordneter der Grünen, anschließend folgte Tim Detzner vom Stadtvorstand der Chemnitzer Linken. Zurzeit ist offenes Mikro. Jeden Moment werden die Teilnehmer des Täterspurenrundgangs erwartet, die vom Kaßberg in die Innenstadt gelaufen sind.

17.13 Uhr: Pro Chemnitz wird heute nicht über den Innenstadtring demonstrieren können. Stattdessen soll die allwöchentliche Demo von der Brücken- über die Theaterstraße bis zum Falkeplatz führen. Von dort geht es dann auf demselben Weg wieder zurück. Ein Einspruch gegen diese Auflage beim Verwaltungsgericht habe keinen Erfolg gehabt, teilte die Versammlungsbehörde am späten Freitagnachmittag auf Anfrage der "Freien Presse" mit.

16.30 Uhr: Das Theaterprogramm an der Brückenstraße ist von Generalintendant Christoph Dittrich eröffnet worden. "Das Theater steht in der Stadt und möchte an einem solchen Tag dabei sein. Wir vertrauen der Kraft der Kunst und Emotion." Ausschnitte aus dem Stück "Aufstand der Dinge" wurden gezeigt. Das Saxofonquartett der städtischen Theater spielt, vier Schauspieler des Ensembles tragen Gedichte vor.

16.25 Uhr: Am Tat- und Gedenkort Brückenstraße, wo der 35-Jährige Daniel H. mit Messerstichen umgebracht wurde, haben sich etwa 20 Personen zur Mahnwache versammelt. Zu sehen ist auch eine Fahne, die die Farben und Wappen der Landsmannschaft Oberlausitz zeigt. Eine von der Vereinigung "Heimat und Tradition Chemnitz Erzgebirge", die aus Pegida-Ableger hervorgegangen war, angemeldete Mahnwache hatte die städtische Versammlungsbehörde aus Gründen der Absicherung am Donnerstag untersagt.

16 Uhr: Pinkfarbene Luftballons, versehen mit Friedensbotschaften der Teilnehmer, steigen in die Luft. Derweil sind Videobotschaften zu sehen, darunter: "Stoppt die AfD", "Gemeinsam stärker". Die Polizei ist mit mehreren Mannschaftswagen vor Ort.

15.54 Uhr: Alke Schmidt, Violinistin der Robert-Schumann-Philharmonie, und Sebastian Esche von der TU Chemnitz beim Säubern sogenannter Stolpersteine auf der Hübschmannstraße im Stadtteil Kaßberg. Zu der Aktion am Freitagnachmittag hatten die Chemnitzer Jusos aufgerufen.

15.30 Uhr: An der Ecke Brückenstraße/Straße der Nationen haben sich bei der Veranstaltung "Aufstehen gegen Rassismus" bislang etwa 500 Teilnehmer, darunter mehrere Stadträte, versammelt. Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, ging auf den Tod eines 35-Jährigen am Stadtfest-Wochenende ein. Die Straftat ist bislang nicht aufgeklärt. Röcher warnte davor, die Ereignisse mit der Pogromnacht vor 80 Jahren zu vergleichen. Dies sei historisch unangemessen. Knapp 100 junge Leipziger stoßen aus Richtung Hauptbahnhof zur Versammlung dazu, auf der Christine Buchholz, Linke-Bundestagsabgeordnete aus Berlin gesprochen hat. Sie ist Gründerin der bundesweiten Initiative "Aufstehen gegen Rassismus".

15.19 Uhr: Am Gedenkort Kaßberggefängnis haben sich Dutzende zumeist junge Menschen versammelt, um der Opfer der sogenannten Reichspogromnacht zu gedenken. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 waren in der Haftanstalt mehr als 170 Chemnitzer Juden inhaftiert und später ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht, sagte Chris Bürger vom Trägerverein Lern- und Gedenkort Kaßberggefängnis. Über weitere Stationen mit Bezug zu Verfolgung und Terror während des Nationalsozialismus begeben sich die Teilnehmer dann in Richtung Innenstadt zur Kundgebung von "Aufstehen gegen Rassismus".

12 Uhr: Mehrere Hundert Menschen, darunter mehrere Schulklassen, haben sich am Freitagmittag am Stephanplatz versammelt, um dort der Novemberpogrome vor 80 Jahren zu gedenken. An dem Platz stand die Chemnitzer Synagoge. Sie war die erste in Sachsen, die am 9. November 1938 in Brand gesetzt worden war. (mib/micm/su/dy/hfn)

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 6 Bewertungen
6Kommentare
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  • 1
    4
    thomboy
    11.11.2018

    Das mag ja sein, aber instrumentalisiert wird der Mord von JEDER Seite für seine Zwecke und ob gelogen wird oder nicht kann jeder für sich selbst entscheiden. Dann steht immer noch Aussage gegen Aussage!

  • 3
    2
    Distelblüte
    11.11.2018

    @thomboy: Laut RT waren es etwa 1200 Demonstranten bei Pro Chemnitz. Wollen Sie sagen, dass die lügen?
    Und die Durchsage der Polizei richtete sich explizit an die Demo von Pro Chemnitz. Also auch an Sie.

  • 3
    4
    Blackadder
    11.11.2018

    Doch thomboy, wenn die Familie des Opfers explizit sagt, man will ProChemnitz nicht dort haben, dann ist auch explizit ProChemnitz gemeint. Sehr aufschlussreich, wie Sie das ignorieren.

  • 3
    4
    thomboy
    11.11.2018

    Da ist ja wohl weniger Pro Chemnitz gemeint. Wer hat den daraus eine "Bunte " Veranstaltung gemacht mit teilweise linksextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Bands voller hass und hetze. Das war NICHT Pro chemnitz. Die haben einen angemessenen friedlichen Schweigemarsch veranstaltet

  • 4
    4
    Blackadder
    10.11.2018

    @ thomboy: Wenn Sie da waren, müssen Sie auch die Durchsagen der Pomizei gehört haben, dass die Familie von Daniel H. keine Instrumentalisierung des Todesfalls durch ProChemnitz wünscht und niemanden von der ProChemnitz Demo am Gedenkort haben will. Wie stehen Sie denn dazu?

  • 3
    6
    thomboy
    10.11.2018

    Die Teilnehmerzahl bei Pro Chemnitz würde ich und die meisten Teilnehmer wieder auf weit über 2000 schätzen.



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