Millionen von Kilometern unter Dampf

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Biografie einer Maschine: Eine am Schauplatz Eisenbahn hingebungsvoll gepflegte Dampflokomotive der Baureihe 50 ist nun 80 Jahre alt. Gebaut bei Krupp in Essen, hat sie zwei Millionen Kilometer auf dem Buckel - und dampft immer weiter.

Über Zwickau nach Schwarzenberg, das Markersbacher Viadukt und die Erzgebirgische Aussichtsbahn nach Schlettau und Annaberg-Buchholz, anschließend durch das Zschopautal und Flöha zurück nach Chemnitz - das war die Geburtstagsrundfahrt der Dampflok 50 3648 durch das Erzgebirge vor einigen Tagen. Etwa 250 Eisenbahnfreunde, darunter viele Familien, waren dabei. Es war eine von sehr wenigen Fahrten in den vergangenen Monaten: Covid-19-bedingt stand die Dampflokomotive knapp ein Jahr im Museum, ohne ausfahren zu können.

In ihren 80 Jahren hat die einzige noch betriebsfähige Regelspur-Dampflokomotive in Chemnitz rund zwei Millionen Kilometer zurückgelegt - rechnerisch 50-mal um die Welt! Sven Liebold vom Sächsischen Eisenbahnmuseum Chemnitz kennt die Geschichte: Von der Essener Firma Krupp erbaut, wurde die sogenannte Leichte Güterzuglok mit fünf angetriebenen Achsen am 21. Februar 1941 an die Deutsche Reichsbahn ausgeliefert. Ihre erste Station: Seelze, eine Kleinstadt bei Hannover mit schon damals wichtigem Rangierbahnhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Lok nach Frankfurt an der Oder verlegt. Es folgen Stationen bei den Bahnbetriebswerken Magdeburg, Halberstadt, Stendal, Eisleben, Wismar und Eberswalde. 1961 rekonstruiert, kam nach 50 Jahren Fahrbetrieb am 24. Dezember 1991 die z-Stellung - die Zurückstellung von der weiteren Aufarbeitung, bei der die Verschrottung droht. Eisenbahner des Sächsischen Eisenbahnmuseums bewahrten die Lokomotive allerdings vor der Zerstörung und holten sie nach Chemnitz, um sie aufzuarbeiten. Seit 1997 steht sie dem Museum für Sonderfahrten zur Verfügung. Um den Erhalt der Museumslok über den 80-jährigen Betriebszeitraum hinaus zu gewährleisten, nutzen ehrenamtliche Vereinsmitglieder die Standzeiten, um sie zu überarbeiten. So wurden im vergangenen Jahr die Schieber aufgefrischt, die sich in den Dampfzylindern der Lok befinden, sagt Sven Liebold und erklärt: Die Schieber regeln die Einleitung des Frischdampfes aus dem Kessel und die Ausleitung des Abdampfes in die Rauchkammer. Die jetzige Baufassung der Lok weist eine vereinfachte und robuste Konstruktion auf, was die langfristige Nutzung sichert. In zwei Jahren steht eine weitere Hauptuntersuchung an, in deren Rahmen der Kessel mit seinen Heiz- und Rauchrohren sowie Rohrwänden erneuert wird. Dass Verschleißteile immer austauschbar sind, liege an der einfachen Mechanik der Lokomotive, sagt Sven Liebold und ergänzt: "Das Prinzip ist seit der ersten Dampflok 1839 dasselbe: mit gekochtem Wasser und Dampf als Energieträger."

Der Plan, die Dampflok so lange wie möglich zu erhalten, unterliegt gewissen Voraussetzungen, berichtet Sven Liebold vom Verein Sächsisches Eisenbahnmuseum. Besonders die Kosten seien eine Herausforderung. Die Kessel-Erneuerung schlägt mit einem niedrigen sechsstelligen Betrag zu Buche. Untersuchungskosten reichen bis in siebenstellige Höhe. Um diesen enormen Lasten zu entgehen, versuchen die Eisenbahnfreunde, die Komponenten in der eigenen Werkstatt aufzuarbeiten. Deshalb werden neben Spendern und Sponsoren immer auch Leute gesucht, die sich ehrenamtlich im Verein engagieren und an den Arbeiten beteiligen.

Nach der Covid-Pause ist es im Mai diesen Jahres wieder mit den Ausfahrten losgegangen. Sie seien gut besucht gewesen, freut sich Sven Liebold. Er merkte, dass die Leute nach Monaten in den eigenen vier Wänden wieder herauswollten: Gerne auch mit einer 80-Jährigen, die unermüdlich ihre Kreise zieht.

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.