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Der 9-Euro-Irrtum im Erzgebirge

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Wie viele Menschen sind im Kreis aus beruflichen Gründen vom Auto auf Bus und Bahn umgestiegen? Ein ernüchterndes Fazit, das Gründe hat.

Erzgebirge.

Drei Monate lang haben Menschen in Deutschland alle Busse und Bahnen im Nahverkehr für monatlich 9 Euro nutzen können. Fast denselben Betrag zahlen Erzgebirger seit Donnerstag für eine Busfahrt von Annaberg nach Chemnitz. Ein Einzelfahrschein auf dieser Strecke kostet 8,30 Euro. Trotzdem spricht sich Roland Richter, Geschäftsführer des Regionalverkehrs Erzgebirge, gegen einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets aus.

Generell zieht der RVE-Chef ein ernüchterndes Fazit zum Entlastungsangebot der Bundesregierung für Bürger. Zwar stiegen die Fahrgastzahlen erheblich. Doch dass Menschen aus beruflichen Gründen vom Auto auf den Bus umgestiegen sind, konnte nicht festgestellt werden. Der Zuwachs sei vordergründig touristischer Nutzung zuzuschreiben. Das bestätigt Lutz Mehlhorn von der Erzgebirgsbahn. Die Fahrgastzahlen in den Zügen hätten sich in den drei Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt. Auch dies sei hauptsächlich auf touristische Zwecke zurückzuführen.

Zudem hat das 9-Euro-Ticket die Schwächen des ÖPNV offengelegt. Der Andrang führte unter anderem auf den Linien Annaberg-Chemnitz, Olbernhau-Chemnitz und Annaberg-Aue zu Engpässen. "Wir mussten zum Teil Leute an den Haltestellen stehenlassen. Das ist Gift fürs Image und verstößt Stammkunden", betont Richter. Obendrein entstehe der Eindruck, dass ÖPNV nichts kostet und damit auch nichts wert ist: "Daran gewöhnen sich die Leute."

Dabei bezuschusst der Landkreis die RVE jährlich mit 15 Millionen Euro, da die Kosten für den ÖPNV grundsätzlich nicht annähernd mit Ticketverkäufen gedeckt werden. Aufgrund der Dieselpreis-Explosion könnten für 2022 bis zu 5 Millionen Euro dazukommen - nur, um das aktuelle Angebot aufrechtzuerhalten. Geld, was dem Landkreis an anderer Stelle künftig fehlen wird.

Statt eines neuen Billigtickets fordert Richter daher zunächst mehr Geld von Bund und Land für den ÖPNV, damit das Angebot überhaupt so bleiben kann. "Zusätzliche Leistungen sind schlichtweg illusorisch", betont der RVE-Chef. Daher habe das 9-Euro-Ticket letztlich doch etwas Positives bewirkt: Die chronisch unterfinanzierte Branche bekommt endlich Aufmerksamkeit. Die Fahrgastzahlen hingegen werden sich wieder auf dem Vorniveau einpendeln, ist sich Richter sicher.


Kommentar: Sinn verfehlt

Viele Erzgebirger können den Jubel über das 9-Euro-Ticket und den Schrei nach einem Nachfolger nicht nachvollziehen. Sicher: Mit 52 Millionen Verkäufen ist es gelungen, Menschen zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen. Doch das gilt nur für gut erschlossene Regionen. Dort war es die von der Politik gedachte finanzielle Entlastung - angesichts der Preisexplosion für Diesel und Benzin. Auf der Strecke blieben Einwohner im ländlichen Raum, wo der Bus eben keine Alternative für den Weg zur Arbeit darstellt. Stattdessen bekamen Menschen, die auf das Auto angewiesen sind, im Gegenzug den Tankrabatt. Dass diese für die Bürger vorgesehene Entlastung aber gefühlt in die Taschen der Mineralölkonzerne floss, ist hinlänglich bekannt. Im Erzgebirge ist das 9-Euro-Ticket letztlich sogar kontraproduktiv gewesen. Diejenigen, die tatsächlich jeden Tag auf den Bus angewiesen sind, liefen Gefahr, aufgrund des touristischen Andrangs nicht mitgenommen zu werden. Die 2,5 Milliarden Euro, die den Steuerzahler das 9-Euro-Ticket gekostet hat, wären in den Ausbau der Infrastruktur für den ÖPNV besser investiert gewesen, was auch nachhaltiger wäre als ein Billigticket für drei Monate. Entsprechend sollten die Pläne für einen Nachfolger begraben und das Geld in die Infrastruktur gesteckt werden. Sonst hat der ländliche Raum wieder einmal gegenüber der Stadt verloren.

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