Entscheidung zur Zukunft von Lößnitzer Glockenspiel mit Nazi-Inschriften gefallen

Der Stadtrat vom Lößnitz hat am Mittwochabend einstimmig für den Vorschlag von Bürgermeister Troll votiert.

Lößnitz.

Als sich die Lößnitzer Stadträte am Mittwochabend anschickten, über die Zukunft des Bronzeglockenspiels von Lößnitz zu debattieren, schlugen die 23 Glocken im Turm der St. Johanniskirche wie bestellt an. Während der gesamten Diskussion und während des Rests der Ratssitzung spielte das Carillon sein Repertoire rauf und runter, als müsse es etwas beweisen.

Es war Museumsnacht im Städtebund Silberberg, an diesem Abend gab es Führungen auf dem Turm der St. Johanniskirche. Stadtrat Michael Andrä (CDU) kam direkt von einer Besichtigung. "Ich glaube, dass 90 Prozent der Lößnitzer von uns erwarten, dass wir diesen Beschluss fassen", sagte er. Wenige Minuten später fiel die Entscheidung einstimmig. Die Stadträte besiegelten, was Bürgermeister Alexander Troll (CDU) bereits vorige Woche während der Podiumsdiskussion in der Erzgebirgshalle empfohlen hatte: Das Bronzeglockenspiel wird im Originalzustand erhalten - mit den Inschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus auf vier der 23 Glocken. Diese Inschriften sollen durch Schautafeln erklärt werden, und so die Möglichkeit geben, dass Betrachter sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Carillons auseinandersetzen. Auf diese Weise soll das Glockenspiel auch als Mahnmal dienen. Die Tafeln sollen unter geschichtswissenschaftlicher Begleitung entstehen. Im Beschluss wurde auch festgehalten, dass die Stadt sich ausdrücklich von den Zielen und der Ideologie des Nationalsozialismus distanziert.

Letzten Donnerstag hatte sich bereits der Ortschaftsrat Affalter einstimmig für diesen Vorschlag ausgesprochen.

Stadtrat Andreas Voß (SPD) erinnerte daran, dass das Glockenspiel auch "44 Jahre DDR" überlebt habe. "Die Leute, die sich damals gekümmert haben, haben das doch nicht für die Hakenkreuze gemacht. Die haben es für die Musik gemacht."

Matthias Henke (parteilos/Mandat AfD) kam auf die Idee des Lößnitzers Jan Leichsenring zu sprechen, der die Bürgerschaft, in der es auch gegenteilige Meinungen gibt, durch eine Versöhnungsglocke wieder einen will. Von Spaltung zu sprechen sei nicht korrekt, sagte Henke. "Ich bitte die Stadt, die Versöhnungsglocke nicht weiter zu verfolgen. Es sollte endlich genug sein."

Es gebe verschiedene Meinungen und das sei gut so, antwortete Bürgermeister Troll. "Andere Meinungen dürfen auch nach dem Stadtratsbeschluss nicht herabgewürdigt werden. Wenn die Versöhnungsglocke durch bürgerschaftliches Engagement entsteht, werde ich das unterstützen."

In der anschließenden Bürgerfragestunde wandte sich ein alter Einwohner von Lößnitz an die Kritiker der Nazi-Inschriften: "Warum seid ihr nicht mal auf die Idee gekommen, mit euren politischen Großvätern zu reden, warum sie das Glockenspiel nicht nur geduldet haben, sondern es zu einem Instrument gemacht haben, das erst im Sozialismus seine Bedeutung erlangt hat?" Der erste kommunistische Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Glockenspiel wieder in Betrieb nehmen lassen, 1950 war es unter Denkmalschutz gestellt worden und alle Überlegungen zu DDR-Zeiten, die Inschriften zu beseitigen, sind letztendlich verworfen worden.

Franz Schmiedel, ein anderer Senior aus Lößnitz, erklärte, all die Jahre, die er jetzt in der Stadt lebe, habe er nie irgendwelche Inschriften gesehen, nicht einmal 1970, als er als Jugendlicher auf dem Turm war. "Die glauben alle an so was. Aber wissen? Wissen tut's keiner. Wir haben hier bloß gegen die Wand geredet, wenn es keinen Beweis gibt."

Bürgermeister Troll empfahl ihm eine der Führungen an diesem Abend zu besuchen. Die Bronzeglocken schlugen noch bis gegen 22 Uhr.

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version hieß es im Titel "Nazi-Glockenspiel". Das ist so nicht korrekt. Das Glockenspiel von Lößnitz ist ein Glockenspiel mit Nazi-Inschriften auf vier von 23 Glocken. Es ist kein Nazi-Glockenspiel gewesen, sondern hat Heimatlieder gespielt (auch wenn die Stifterin dem NS-Staat unkritisch gegenübergestanden hat).

Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 10 Bewertungen
10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    2
    KTreppil
    04.10.2019

    Dieses Glockenspiel wurde nach den Erzählungen alter Lößnitzer im 2.Weltkrieg vom damaligem Bürgermeister vorm Einschmelzen und Verarbeitung in Rüstung bewahrt. Bestimmt nicht wegen der Inschriften, sondern wegen dem Klang. (Bekanntlich wurde dieser kurz vor Kriegsende von der SS erschossen, nicht deshalb zwar, aber es sollte erwähnt werden)). Auch über die DDR Zeiten blieb das Glockenspiel erhalten, ja würde es erst wieder in Betrieb genommen . Dies ganz bestimmt auch nicht wegen der Inschriften. Sondern weil es GUT ist und deshalb bewahrt werden sollte. Warum muss heutzutage so viel in Frage gestellt werden was mit Tradition zu tun hat? Demnächst stößt man sich noch am Begriff Volkskunst? Oder an bergmännischen Aufzügen weil sie an Naziaufmärsche erinnern könnten? Traditionen zu bewahren ist genau so wichtig, wie sich der (deutschen) Geschichte bewußt zu bleiben!

  • 3
    6
    Malleo
    04.10.2019

    distel..
    Deshalb hat die OB Ludwig auf Anraten " linkslastiger" Historiker die Gedentafel für C. Hahn sen. entfernen lassen.
    Gefällt Ihnen bestimmt besser.

  • 2
    10
    Distelblüte
    04.10.2019

    "Im Beschluss wurde auch festgehalten, dass die Stadt sich ausdrücklich von den Zielen und der Ideologie des Nationalsozialismus distanziert." Das ist wichtig, leider hört es sich an wie ein lästiger, aber unvermeidlicher Nebensatz.
    Hauptsache man kann den vielen Traditionen eine weitere hinzufügen. In dieser Hinsicht ist die Region stabil.
    Der Grundsatz " Prüft alles, und das Gute behaltet" kam leider nicht so richtig zur Anwendung.

  • 2
    1
    Haju
    03.10.2019

    Ja, warum sollten nicht insbesondere die alten und neuen Genossen, die dem Kapitalismus nach wie vor unversöhlich, antagonistisch gegenüberstehen, ihre eigene Versöhnungsglocke bekommen? Es fehlt dann nur noch eine geeignete Standortwahl bzw. Auswahl geeigneter Anlässe des Läutens, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen (Schautafel).

  • 9
    2
    KTreppil
    03.10.2019

    Einstimmige Entscheidung, dafür gebührt große Anerkennung. Im Zeitalter von schon fast hysterischer Bemühungen um Political Correctness kann man dies als mutige Entscheidung sehen. Sachbezogene und vernünftige Kommunalpolitik, daran sollte man sich mal auf Landesebene ein Beispiel nehmen. Ich freue mich, das Glockenspiel weiterhin hören zu können.

  • 16
    0
    Deluxe
    03.10.2019

    Danke für die Korrektur der Überschrift.
    Die jetzige entspricht einer seriösen Zeitung deutlich mehr.

  • 18
    2
    Hankman
    03.10.2019

    Eine vernünftige, maßvolle Entscheidung. Die Schautafeln ordnen die Glocken-Inschriften historisch ein. Es handelt sich ja auch um ein Carillon aus 23 Glocken, von denen nur ein kleiner Teil "belastet" ist. Wenn in einem Dorfkirchturm ein Dreiergeläut oder gar eine einzelne große Glocke mit Nazi-Beschriftung hängen, kann man durchaus auch zu einer anderen Entscheidung kommen. Die Idee einer "Versöhnungsglocke" finde ich übrigens gar nicht schlecht. Die könnte man mittelfristig weiterverfolgen. Sie muss ja nicht auf dem Turm hängen, sondern könnte in einem eigenen kleinen Glockenhaus zu ebener Erde einen Platz bekommen. Warum nicht?

  • 32
    4
    Malleo
    03.10.2019

    Da ich der Einwohnerversammlung bewohnen konnte....
    Der Stadtrat hat eine kluge Eintscheidung getroffen.

  • 31
    2
    Deluxe
    03.10.2019

    Aber die Überschrift könnte auch aus der Bild-Zeitung stammen.
    Nazi-Glockenspiel...geht's nicht eine Nummer kleiner?

  • 33
    5
    Lesemuffel
    03.10.2019

    Vernünftige Leute in Lössnitz, was heute anderenorts eine Seltenheit geworden ist.



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