In Sachsen sind die Kinos zurück: Retterin in Schneeberg trotzte erst Gebäudeverfall, dann Corona

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Endlich wieder einmal einen Film auf großer Leinwand sehen - das ist ab diesem Donnerstag in den Kinos der Region wieder möglich. Für ein Lichtspieltheater ist mit dem Neustart nach der durch Corona bedingten Schließung eine besondere Premiere verbunden. Denn hinter dem Schneeberger Kino liegen gleich mehrere Jahre der Schließung.

Schneeberg.

Erstmals seit 2016 hat es im vergangenen Jahr bundesweit mehr Schließungen von Kinosälen gegeben als Neu- und Wiedereröffnungen. Das geht aus einer von der Filmförderungsanstalt (FFA) veröffentlichten Statistik hervor. 2020 gab es demnach 60 Neu- und Wiedereröffnungen und 95 Schließungen. Im Jahr zuvor wuchs der Bestand noch um 112 auf insgesamt 4961 Säle. Von einem "Kinosterben", an dem die Coronapandemie schuld sei, will man beim Hauptverband der Deutschen Filmwirtschaft aber nicht reden. "Uns sind bundesweit nur acht Insolvenzen bekannt", so Sprecherin Sandra Backhaus.

Sie schätzt die Lage als relativ stabil ein, auch dank einer Reihe von Hilfsmaßnahmen, zum Beispiel der Förderung durch die Bundesregierung. Andererseits weiß der Branchenverband auch, dass die privaten Reserven der Betreiber allmählich aufgebraucht sind. "Um so wichtiger ist es jetzt, dass wir zum gemeinsamen Termin am 1. Juli unter wirtschaftlich tragbaren Bedingungen endlich wieder an den Start gehen können", so die Sprecherin.

Einen Neustart der ganz besonderen Art legt an diesem Donnerstag Katharina Repp hin. Die 33-jährige Schwarzenbergerin, die bereits Betreiberin von Kinos in Schwarzenberg, Annaberg und im vogtländischen Auerbach ist, fiebert mit ihrem Team auf den allerersten Film hin, der dann über die Leinwand im neuen, alten Union-Filmtheater läuft. Das wird am 1. Juli, 15.30 Uhr "Peter Hase 2" sein. Im großen Saal blieb es seit März 2014 dunkel. Zu diesem Zeitpunkt war noch der Förderverein, der sich sechs Jahre zuvor gegründet und die Rettung des Kinos auf die Fahnen geschrieben hatte, der Pächter. Bis dahin hatte der Förderverein schon einiges an Geld in die Hand genommen, so für Umbauarbeiten in dem Kino oder für verschiedene Anschaffungen. Zu denen zählt auch das historische Kassenhäuschen, das noch immer im Foyer des Schneeberger Kinos steht.

Unter anderem die baulichen Mängel, die später festgestellt wurden, zwangen den Verein zum Aufgeben. Was man in die Sanierung des großen Saales hätte investieren müssen, überstieg seine Kräfte. "Aber wir waren es, die das Kino gerettet haben, sonst wäre es heute nicht mehr da", sagt Jens Theska, der damals der Vorsitzende des Fördervereins war.

Es kursierten Summen zwischen 400.000 und einer Million Euro, die für die Sanierung des Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäudes aufzubringen gewesen wären. Zuletzt konnte der Verein nur noch einen kleineren Saal im Kopfgebäude für Filmvorführungen nutzen, weil im restlichen Gebäude Hausschwamm festgestellt worden war.

Vieles an der weiteren Entwicklung erntet aus heutiger Sicht das Missfallen des ehemaligen Vereinsvorsitzenden. Für die engagierten Mitglieder sei der Erhalt des Kinos mit viel Herzblut verbunden gewesen. Er sagt, dass man übergangen worden sei, als das Kino in die Hand eines privaten Betreibers gegeben wurde. "Es kam ein anderer Bürgermeister, und wir hatten keine Lobby mehr", sagt Theska. Dass Schneeberg jetzt wieder ein Kino hat, findet er "okay". "Ich habe an die Sache für mich einen Haken gemacht", so Theska. Den Förderverein des Schneeberger Kinos gibt es übrigens nicht mehr, er hat sich im vergangenen Jahr aufgelöst.

"Der Verein hat sich sehr bemüht, war aber finanziell überfordert", sagt Frieder Stimpel, von 1994 bis 2015 Bürgermeister von Schneeberg. "Wir haben versucht, sein Engagement zu unterstützen, doch gerade die wirtschaftliche Frage ist für ein Kino in einer Kleinstadt oder im ländlichen Raum entscheidend." Den jetzigen Betreibern des Kinos wünscht er Erfolg, was sie bisher geleistet haben, findet er "mutig".

2016 übernahm Katharina Repp das Schneeberger Kino. 2017 kaufte es die Repp GbR vom Vorbesitzer, der Wohnungsbaugesellschaft Schneeberg. Auch Katharina Repp hatte große Pläne und wollte das Kino schon im Juni 2016 wiedereröffnen. Doch dann kam die Hiobsbotschaft, drei Tage vor der Eröffnung. "Es hieß, dass das Gebäude einsturzgefährdet wäre." Die Bauarbeiten waren am Ende so umfangreich, dass vom großen Saal nur noch die Grundmauern stehen blieben.

Geplante Eröffnungstermine musste Repp immer wieder absagen, so im Frühjahr 2019. Als dann auch noch Hausschwamm im Kopfgebäude festgestellt wurde, blieb es dabei, dass das Schneeberger Kino geschlossen blieb. Als wieder alles für den Neustart vorbereitet war, kam Corona. "Wir haben uns dann Zeit gelassen und sind alle restlichen Arbeiten in Ruhe angegangen", sagt Katharina Repp. Das mit der Ruhe will man der quirligen Frau mit den blonden Zöpfen aber nicht so recht glauben. Und zuletzt, gibt sie selbst zu, war sie einfach nur noch genervt und am Boden, weil alle arbeiten wollten und wegen Corona nicht durften. "Da haben mich meine Leute wieder aufgebaut, so wie ich es sonst immer mit ihnen mache." Die Schwarzenbergerin schwört auf ihr Team. Und umgekehrt dieses auf sie. "Kati brennt für das, was sie tut", sagt Stefan Theumer, technischer Leiter für alle vier Kinos. "Klar mit ihrer Art überrollt sie manchmal auch die Leute, aber sie bekommt, was sie haben möchte. Ohne ihren Enthusiasmus wäre vieles nicht möglich."

Die vier Kinos, die Katharina Repp und ihre Schwester Ann-Kristin führen, zählen zu den kleinen Kinos. Die haben zwei oder drei Säle, die großen fünf aufwärts. "In unseren Kinos herrscht eine familiäre Atmosphäre - wir kennen die Gäste, die Gäste kennen uns", sagt Katharina Repp. Zur Ladies-Night oder zu Kaffee und Kuchen im Kino, einer Veranstaltung speziell für Senioren, begrüßt das Kinopersonal mittlerweile Stammgäste.

Das Gebäude ist ein städtebauliches Denkmal. Im August 2017 wurde zwischen Stadt und der Repp GbR der Vertrag geschlossen, dass Fördermittel für die Sanierung des Kinos bereitgestellt werden. Über die Städtebauförderung für Schneebergs Altstadt, die ausdrücklich auch private Besitzer in Anspruch nehmen dürfen, wurden 72 Prozent der Investitionssumme gewährt. "Das Kino liegt in der Gebietskulisse und ist ein denkmalgeschütztes Gebäude, deshalb konnten wir es in die Städtebauförderung mit aufnehmen", sagt der heutige Bürgermeister von Schneeberg, Ingo Seifert (Freie Wähler/Bika). Dabei stand es schon kurz vor dem Abriss.

Bald sei klar geworden, dass der langfristige Erhalt des Kinos nur mit einem Investor möglich ist. Die Stadt beziehungsweise ihre Gesellschaften hätten es nicht weiterführen können. Er sei froh, dass sich Familie Repp dem Projekt gestellt und trotz aller Schwierigkeiten durchgehalten hat. Beispielsweise seien die Kosten explodiert, so Seifert. "Wir konnten zum Glück erfolgreich mit den Banken nachverhandeln."

Vor der Leistung von Katharina Repp ziehe er den Hut. "Jetzt wünsche ich ihr und ihrem Team, dass das Kino die nächsten Wochen zu den Vorführungen immer ausverkauft ist." Seifert denkt an die vielen jungen Leute, die die Woche über in der Stadt leben, wie die Studenten der Fakultät Angewandte Kunst der Westsächsischen Hochschule Zwickau oder die Schüler der Polizeischule. "Für die brauchen wir Freizeitangebote wie das Kino." Gern wäre Seifert am 1. Juli zur Wiedereröffnung ins Kino gegangen, doch da ist er dienstlich verhindert. Er hat sich aber vorgenommen, sich in nächster Zeit öfter mit seiner Frau dort Filme anzuschauen.

Ob die besondere Atmosphäre, über die Katharina Repp im Zusammenhang mit ihren Kinos spricht, auch in Zukunft tragfähig dafür ist, dass sie gut besucht werden, kann auch sie nicht sagen. Sie hofft es zumindest für dieses Jahr mit Hinblick auf viele tolle Filme, die ins Haus stehen. "Es ist so viel im Angebot, dass wir gar nicht wissen, wann wir die alle zeigen sollen", so die Kinobetreiberin. Man hat ja nur jeweils zwei, drei Säle. Das Kino in Schneeberg bietet im großen Saal 160 Plätze, im kleinen 36. Zunächst einmal darf allerdings wegen der Coronabestimmungen nur jeder zweite Platz besetzt werden.

Tatsächlich beklagt die Filmförderungsanstalt einen Rückgang der Besucherzahlen im Jahr 2020. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Anzahl der Personen, die ein Kino besuchten, um 40 Prozent auf 15,4 Millionen. Aber der Wunsch, endlich wieder ins Kino gehen zu können, wächst. Wollten im Juli 2020 nur 51 Prozent der Befragten sechs Monate nach einer möglichen Öffnung wieder mindestens so häufig wie zuvor ein Kino besuchen, waren es im Januar 2021 schon 71 Prozent. Dies geht aus einer repräsentativen Studie eines Nürnberger Marktforschungsinstituts hervor, bei der Kinobesucherinnen und -besucher der letzten zwei Jahre befragt wurden.

Ins Berufsleben als Kinobetreiberin ist Katharina Repp 2011 gestartet, als sie das Kino im Schwarzenberger Ring-Center übernahm. Auch dieses stand vorm Aus, als sich eine Gruppe von Geschäftsleuten fand, die es retten wollten. Die Schwarzenbergerin gehörte zu ihnen, wenig später besaß sie das Kino. Dabei hätte sie auch das Unternehmen ihrer Eltern übernehmen können, wo sie den Beruf einer Werkzeugmechanikerin gelernt hat.

"Ich verdiene lieber weniger Geld, aber mache etwas fürs Herz", sagt die 33-Jährige aus heutiger Sicht. 2018 folgte das Kino in Annaberg, 2019 das im vogtländischen Auerbach. Sie hat dem Kino in Schwarzenberg so selbst Mitbewerber verschafft. "Um mit jedem einzelnen besser zu werden", begründet sie ihre Philosophie. Es spart natürlich auch Geld, wenn man Filme an vier Spielstätten zeigen kann und nur einmal die Leihgebühr bezahlt.

Immer wenn sie sich für die Übernahme eines Kinos entschied, stand für sie der Gedanke dahinter, dass es Potenzial haben muss. "Meist verliebe ich mich zuerst in das Gebäude", sagt sie. Jedes habe seine eigenen Stil, den zu erhalten, war ihr wichtig. In jedes müsse regelmäßig investiert werden, "alle sechs Jahre ist eine Grundrenovierung fällig", sagt Katharina Repp. Wie viel sie ins Schneeberger Haus investiert hat, verrät sie nicht. Nur so viel: "Es ist viel privates Geld von mir und meiner Schwester geflossen."

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