Der schwere Weg zur Begleiterin für die letzte Phase des Lebens

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Sterben und Tod sind Tabuthemen. Viele Sterbende und ihre Familien sind froh, wenn sie neben der medizinischen Betreuung einen emotionalen Beistand haben. Geleistet wird das durch den ambulanten Hospizdienst in Oelsnitz. Journalistin Cristina Zehrfeld absolviert den Ausbildungskurs zum ehrenamtlichen Hospizhelfer und berichtet, wie man zum Sterbebegleiter wird.

Oelsnitz.

Drei Kursabende innerhalb der Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin habe ich inzwischen absolviert, und ich bin mit Freude und wachsendem Interesse dabei. Ich betone das, weil es keineswegs selbstverständlich ist. Eine meiner Mitstreiterinnen - nennen wir sie Anna - hat bereits das Handtuch geworfen. Ihr hatte schon der allererste Abend emotional derart zugesetzt, dass sie die Ausbildung abbrechen musste. Das ist ohne große Erklärungen und ganz selbstverständlich möglich. Niemand von uns wird es als Versagen interpretieren. Im Gegenteil: Das Aufhören bedeutet in diesem Fall, dass Anna die Einsicht gewonnen hat, dass ihr die intensive Beschäftigung mit den Themen Sterben und Tod in der gegenwärtigen Lebenssituation nicht möglich ist.

Dass diese Einsicht so schnell kommt, ist vor allem Ilona Zuk und Silke Hudek zu verdanken. Unsere beiden Kursleiterinnen haben uns an den ersten Abenden dazu gebracht, sehr aufmerksam und ehrlich in uns hineinzuhorchen. Das ist etwas, das mich in dieser Form und Intensität überrascht hat. Von einer Ausbildung hatte ich erwartet, dass es hauptsächlich um Wissensvermittlung geht, also um knallharte Fakten. Doch das Faktenwissen kommt bisher fast beiläufig. Der Charakter der Ausbildung spiegelt sich bereits in der Sitzordnung wider: Die Stühle stehen im Kreis. In der Mitte stehen frische Blumen, eine Kerze und für den Bedarfsfall eine Box mit Taschentüchern.

Ilona Zuk und Silke Hudek stehen nicht mit sprichwörtlich erhobenem Zeigefinger an einer Tafel. Sie sind ein Teil unseres Kreises. Und so sagen Sie uns zum Beispiel nicht einfach was Sterben bedeutet. Sie geben in diesem Sinne keine Erklärungen, sie geben nichts vor. Stattdessen bekommen wir alle einen Zettel, auf dem steht: "Sterben ist für mich wie ..." Wir sollen diesen Satz beenden. Ich habe damit schon ein Problem, als ich eine einzige Formulierung auf meinen Zettel schreiben soll. Doch dann sollen wir unsere Zettel auf dem Stuhl liegenlassen und im Urzeigersinn gehen, wobei der Satz auf dem Zettel aller Kursteilnehmerinnen mit neuen Assoziationen ergänzt werden soll. Als ich wieder an meinem Platz bin, stehen auf meinem Zettel Ergänzungen wie "Loslassen", "ein großer Schmerz" und "ewige Stille". Ich selbst habe geschrieben "Abschied nehmen" und "ein Schlusspunkt".

Fast nebenbei bekommen wir trotzdem etliche Grundlagen mit auf den Weg. So haben wir uns bereits mit den Sterbephasen vertraut gemacht, die von der Sterbeforscherin und Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross definiert wurden. Es ist das bekannteste Modell auf diesem Gebiet und besagt, dass der Patient fünf Phasen durchläuft. Zunächst leugnet er die Krankheit. Er geht von einer Fehldiagnose des Arztes aus oder behauptet, dass Blutproben oder Röntgenbilder vertauscht wurden. Es folgen die Phasen des Zorns und des Verhandelns, in dem der Patient durch Kooperation mit dem Arzt oder Feilschen mit Gott eine längere Lebensspanne herauszuholen versucht. Der Patient will nun wenigstens noch die Geburt des Enkels erleben oder den eigenen runden Geburtstag. Schließlich fällt der Patient in Depression, ehe im Idealfall als letzte Phase die Zustimmung folgt.

Nicht jeder Sterbende durchläuft alle diese Phasen bis zum Schluss, doch es ist wichtig, diese Theorie zu kennen. Es kann Hospizhelfern passieren, dass sie Aggressionen, Wut und Schuldzuweisungen ausgesetzt sind. Sie sollten dann wissen, dass diese Emotionen nicht ihnen persönlich gelten. Ich selbst befürchte, dass auch mit diesem Wissen die Phase des Zorns nur schwer auszuhalten ist - für Hospizhelfer, aber mehr noch für Angehörige. Ich selbst muss mir im Moment, ebenso wie alle meine Mitstreiterinnen, die Frage beantworten, ob ich in der Lage bin, mit solchen Emotionen umzugehen, ohne mich selbst zugrunde zu richten. Ich denke, dass ich das kann. Ich hoffe, dass alle anderen es auch können. Aber ich würde es auch verstehen, wenn sich weitere in der Gruppe wie Anna entscheiden.


Die Autorin

Cristina Zehrfeld (Foto) hat Betriebswirtschaft studiert. Sie hat mehrere Bücher publiziert und lebt als freiberufliche Journalistin, Fotografin und Autorin in Oelsnitz/Erzgebirge. Für die "Freie Presse" ist sie vor allem im Altlandkreis Stollberg unterwegs. Ihre Themenschwerpunkte liegen dabei hauptsächlich in den Bereichen Kunst und Kultur.

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