Mit der Trauer von Hinterbliebenen umgehen lernen

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Sterben und Tod sind Tabuthemen. Viele Sterbende und ihre Familien sind froh, wenn sie neben der medizinischen Betreuung einen emotionalen Beistand haben. Geleistet wird das durch den ambulanten Hospizdienst in Oelsnitz. Journalistin Cristina Zehrfeld absolviert den Ausbildungskurs zum ehrenamtlichen Hospizhelfer und berichtet, wie man zum Sterbebegleiter wird.

Oelsnitz.

Der Kursabend zum Thema Trauerarbeit beginnt musikalisch. Zur Einstimmung gab es bisher immer emotionale Lieder, darunter die Karussell-Titel "Als ich fortging" und "Was kann ich tun für dich". Dieses Mal erklingt kein bekannter Song. Eine Kursteilnehmerin hat ein Video mitgebracht, welches nach dem Tod ihres Enkels entstanden ist.

Schon wenn ich das hier niederschreibe, läuft mir wieder Gänsehaut über den Körper. Die Eltern und Geschwister verstorbener Kinder haben den Liedtext gemeinsam geschrieben, mit professioneller Hilfe vertont und aufgenommen. Dass die Oma eines dieser Kinder ihren Schmerz mit uns teilt, empfinde ich als großen Vertrauensbeweis.

Und das Video führt uns mitten hinein ins Thema dieses Abends: Die Trauerarbeit. Dabei lerne ich zunächst, dass der Begriff "Trauer" gar nicht zwingend mit dem Tod verbunden ist. Es ist eine allgemeine Bezeichnung für einen emotionalen Vorgang, der durch einen schwerwiegenden Verlust ausgelöst wird, sei es der Verlust einer geliebten Person, eines Objektes, der Gesundheit oder des Arbeitsplatzes.

"Endet unsere Arbeit als Hospizhelfer nicht mit dem Tod der Person, die wir begleiten?" Diese Frage aus der Kursgruppe führt zu einer näheren Definition der Arbeit ehrenamtlicher Hospizhelfer. Tatsächlich geht es dabei neben der Begleitung Schwerkranker und Sterbender auch um Hilfe für Trauernde. Und das aus gutem Grund: Der Tod bedeutet nicht nur das Ende eines Menschen. Er verändert, erschüttert und traumatisiert auch die dem Verstorbenen nahestehenden Personen.

Doch jeder geht anders mit der Trauer um. Menschen reagieren mit Verzweiflung und Weinen, Erschöpfung und Apathie, aber auch mit Erleichterung und sogar Lachen auf den Tod. Auch wenn uns eine Reaktion befremdlich erscheinen mag, betont Silke Hudek, dass es ein richtig und falsch in dieser Situation nicht gibt: "Das Beste ist es, das gemeinsam auszuhalten. Das ist Schwerstarbeit."

Zunächst kann es nach ihren Worten nur darum gehen, dass der Trauernde überlebt, dass er also isst, trinkt und möglichst auch schläft. Selbst sehr heftige Reaktionen sollten dabei zugelassen werden. Silke Hudek: "Trauer ist keine Krankheit, die man mit Medikamenten bekämpft." Viele Menschen haben Angst, dass sie etwas Falsches tun oder sagen könnten. Deshalb meiden sie den Kontakt mit Trauernden, wechseln womöglich gar die Straßenseite, wenn sie einem Bekannten begegnen, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat.

Dabei lauert hier schon der erste Fallstrick, denn wichtig ist es, einfach da zu sein, zuzuhören, das eigene Unbehagen und das Nicht-helfen-Können auszuhalten. Gefährlich sind in diesem Zusammenhang Floskeln wie "Das wird schon wieder". Das ist kein Trost, denn es wird ja eben nicht, wie es einmal war. Und doch kann ich mir gut vorstellen, dass mir die eine oder andere Phrase selbst über die Lippen rutscht: "Die Zeit heilt alle Wunden." "Kopf hoch, das schaffst du schon." Solche Sätze sind schnell gesagt.

Um mich besser hineinzufinden in die Befindlichkeit von Sterbenden, aber eben auch von Trauernden, habe ich mir inzwischen Literatur besorgt. Etliche maßgebliche Bücher stehen im Kursraum und können ausgeliehen werden. Ob ich das Wissen später praktisch umsetzen kann, weiß ich nicht.

Worum es geht, beschreibt Ilona Zuk: "Ziel der Trauerarbeit ist es, etwas in Bewegung zu setzen, nach dem Motto: Ich begleite dich, aber laufen musst du selbst." Und Silke Hudek fasst am Ende dieses Abends das Thema Trauer mit den letzten Zeilen aus dem Gedicht "Memento" der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907 bis 1975) zusammen: "Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben."


Die Autorin

Cristina Zehrfeld (Foto) hat Betriebswirtschaft studiert. Sie hat mehrere Bücher publiziert und lebt als freiberufliche Journalistin, Fotografin und Autorin in Oelsnitz/Erzgebirge. Für die "Freie Presse" ist sie vor allem im Altlandkreis Stollberg unterwegs. Ihre Themenschwerpunkte liegen dabei hauptsächlich in den Bereichen Kunst und Kultur.

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