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Alle an einen Tisch: "Briefwechsel mit Jugendfreundinnen" von Rahel Levin Varnhagen

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Vor 250 Jahren wurde Rahel Varnhagen von Ense geboren. Die deutsche Schriftstellerin jüdischer Herkunft schrieb großartige Briefe, brillierte aber auch als Gastgeberin für Intellektuelle.

Berlin.

Bettina von Arnim und Henriette Herz gelten als bedeutende Vertreterinnen der Salonkultur in Deutschland. In ihren Wohnungen traf sich die Créme de la Créme der Geistesgrößen zu Diskussionen, Lesungen und Konzerten. Den Damen ging es bei der Organisation ihrer Empfänge jedoch nicht bloß um den künstlerischen Wettstreit, sondern auch um die Emanzipation der Frauen, die im 18. Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte. Rahel Varnhagen von Ense, die ebenfalls solche Begegnungen veranstaltete, besaß besonders schlechte Karten, da sie aus einer jüdischen Familie stammte.

Trotzdem schaffte sie es, die gesellschaftlichen Barrieren niederzureißen, indem sie Menschen völlig unterschiedlicher politischer und religiöser Orientierung an einen Tisch brachte. So kam es, dass eines Tages sogar der Hohenzollern-Fürst Prinz Louis-Ferdinand von Preußen auf ihrem Klavier eigene Kompositionen im Stil der Romantik darbot. Selbst der skandalumwitterte Gartenkönig Hermann von Pückler-Muskau besuchte ihre Teekränzchen.

Großen Pomp konnte sich Rahel allerdings nicht leisten. Sie hieß ihre Gäste in einer bescheidenen Stube des elterlichen Hauses willkommen. Oliver Hilmes bezeichnete diesen Raum als "Republik des freien Geistes".

Christa Wolf meinte in einem Essay, dass Frauen in der Epoche der Klassik "mit ihrem Leben um ihr Leben" schrieben. Diese Formulierung trifft zu 100 Prozent auf Rahel Varnhagen zu. Sie scherte sich nicht darum, dass ihr Zeitgenosse Clemens Brentano meinte, es sei "für ein Weib sehr gefährlich zu dichten". In kühnem, erfrischendem Stil verfasste sie Aphorismen und Tagebücher, die auf faszinierende Weise die Stimmung ihre Epoche dokumentieren.

Zur eigentlichen Meisterschaft lief sie indes in ihrer sehr umfangreichen Korrespondenz auf. Ihre Episteln wurden in damals geschätzten Journalen wie "Cottas Morgenblatt für gebildete Stände", "Die Waage" und "Die Musen" abgedruckt und sorgten weithin für Gesprächsstoff. Kein Wunder, dass aus Anlass ihres Jubiläums jetzt ein Band mit Briefwechseln erschienen ist, in denen sie sich mit Weggefährtinnen wie Caroline von Humboldt oder Jette Henriette Mendelssohn über Opernaufführungen, Reisen, Lektüre, Festivitäten und Befindlichkeiten austauschte. Man taucht durch diese auf dem Postweg verschickten Papiere auch in das nicht unkomplizierte Verhältnis ein, dass die Autorin zu Männern pflegte.

Die 1771 als Tochter eines Bankiers und Schmuckhändlers in Berlin geborene Dichterin wollte um jeden Preis in den Adel einheiraten. Darin witterte sie ihre Chance, sich als Jüdin zu assimilieren. Zunächst unterhielt sie eine Affäre mit dem Diplomaten Karl Finck von Finckenstein, der jedoch früh an Typhus verstarb. Später schwärmte sie für den spanischen Gesandten Rafael Eugenio d' Urquijo y Taborga, der sie allerdings durch seine Eifersucht tyrannisierte, bis die Beziehung letztlich zerbrach. 1814 heiratete sie den erheblich jüngeren Offizier und Beamten Karl August Varnhagen von Ense, mit dem sie bereits seit geraumer Zeit verlobt war. Glücklich verlief die Ehe nicht. Sie blieb kinderlos.

Fasziniert zeigte sich Rahel bis zuletzt von Goethe, den sie beinahe grenzenlos verehrte. Sie starb 1833 in Berlin im Alter von 61 Jahren und verfügte die Aufbahrung ihres Leichnams auf dem Berliner Friedhof vor dem Halleschen Tor in einem Sarg mit gläsernem Fenster, denn sie befürchtete, man könne sie sonst irrtümlich bei lebendigem Leibe begraben.

Buchtipp Rahel Levin Varnhagen: "Briefwechsel mit Jugendfreundinnen". Wallstein Verlag, 1092 Seiten, 98 Euro.

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