Beethoven vor Marx: Europäische Sommerphilharmonie stimmt Ode an die Herzen an

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Etwa 1000 Menschen feiern am Montagabend die Aufführung von Beethovens Neunter vor dem Chemnitzer "Nischel".

Chemnitz.

Man konnte durchaus auch skeptisch sein: Beethovens populäre 9. Sinfonie vor dem Marx-Kopf in Chemnitz - deutsche Leitkultur und deutsche Leidkultur vereint - eine mittelgute Idee, um die Innenstadt zu füllen? Doch die Idee der Sächsischen Mozartgesellschaft, die sich für den großen Sommerauftritt zahlreiche Gäste eingeladen hatte, erwies sich als ein Glücksfall für die jungen Musikerinnen und Musiker, für die reichlich 1000 Zuhörerinnen und Zuhörer, für die Stadt Chemnitz insgesamt.

Schon lange vor 20 Uhr sitzen die ersten auf den Bänken vor der improvisierten Orchesterbühne. Ein Mann in gelber Weste mit der Aufschrift "Protest" und "Demokratietest" sucht einsam und etwas verloren die Montagsdemo, die meisten suchen sich einen guten Platz vor dem Marx-Denkmal. Beethoven und Marx - das passt gut zusammen, denn Marx war ein großer Beethoven-Verehrer, wenn er auch am Ende den musikalischen Neuerungen des Komponisten nicht mehr folgen wollte. Dies war allerdings nicht Karl Marx, sondern der 1795 in Halle/Saale geborene und 1866 in Berlin gestorbene Musikkritiker Adolph Bernhard Marx, der die 9. Sinfonie einen "Wunderbau" nannte.

An diesem kunstvollen Gebilde, das es nicht verdient hat, nur auf den populären Teil des vierten Satzes, die hymnische "Ode an die Freude" reduziert zu werden, versuchten sich unter der Leitung der Salzburger Dirigentin Elisabeth Fuchs etwa 200 Musikerinnen und Musiker im Orchester und Chor der Europäischen Sommerphilharmonie aus der Ukraine, Rumänien, Polen, Tschechien, Österreich und Deutschland. Darunter waren professionelle Musiker, zu denen die Gesangssolisten Sarah Kollé, Roksolana Chraniuk, Siyabonga Maqungo und Georg Streuber sowie der Chor der Philharmonie Salzburg gehörten, aber auch Laienkünstler, etwa von der Jugendkunstschule Chomutov. Mit welcher Kraft und mitreißendem Gefühl sie diese schwierige Komposition bewältigten, ist umso bemerkenswerter, da sie nur drei Tage Probezeit hatten. Und vor der Premiere der 9. Sinfonie 1824 in Wien hatten nach wesentlich längeren Proben einige Musiker Beethoven persönlich - allerdings vergeblich - darum gebeten, manche Passagen etwas einfacher zu gestalten.

Das Konzert war "Frieden, Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit in der Ukraine, in Europa, auf der ganzen Welt" gewidmet, wie Franz Wagner-Streuber, Vorsitzender der Sächsischen Mozartgesellschaft, eingangs sagte. Beifall erhielt auch ein kurzes Grußwort des Noch-Botschafters der Ukraine in Deutschland Andrej Melnyk, während eine junge Frau ein Transparent mit der Aufschrift "No War" in die zahlreichen Kameras und Smartphonelinsen hielt. Eine friedliche Zukunft beschwor auch das Stück "Elysium" des Leipziger Jazzpianisten Stephan König. Die Auftragskomposition der Sächsischen Mozartgesellschaft, unter Verwendung einer Kantate von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Text von Franz Heinrich Ziegenhagen (1753-1806), wurde zu Beginn des Abends uraufgeführt. Die zum Teil schwer verständlichen Worte beschwören die Einheit des Universums mit seinen verschiedenen Göttern, der "ew'gen Freundschaft Bruderhand", wenden sich gegen das vergossene "Bruderblut". König verbindet in der Komposition sinfonisch-getragene Passagen mit auch solistisch geprägten Jazz-Elementen, die er mit seinem Trio (Stephan "Grete" Weiser am Bass und Dominique Ehlert am Schlagzeug) spielte. Ganz überzeugen konnte die Kompositionen jedoch nicht, der es an innerem Zusammenhalt und durchgehender Spannung fehlte und die sich am Ende nur zaghaft auf "des Lebens wahres Glück" einließ.

Vielleicht wog auch die Hypothek zu schwer, der monumentalen 9. Sinfonie etwas entgegenzusetzen oder hinzuzufügen. Denn die ist mehr als die zur Europa-Hymne erhobene "Ode an die Freude". Sie dekonstruiert ihren eigenen heroischen Hymnus, der sich an die fast unsingbare Aufforderung "O Freunde, nicht diese Töne!" anschließt. Und es war berührend zu erleben, wie viele Menschen im Publikum die berühmten Zeilen "alle Menschen werden Brüder" (was heute natürlich auch Schwestern einschließt) mit summten, einander an den Händen hielten oder streichelten, sogar sanft wiegend zu tanzen versuchten. Als die Sinfonie jubelnd endet, hat die Musik die Herzen erreicht, und für einen Moment durfte man das Gefühl haben: "Das Leben kann auch gut sein, kann auch gut werden." Mehr kann man von Musik, von der Kunst nicht erwarten. Das Publikum applaudierte lange und stehend und wird sich schon auf weitere Aufführungen an diesem Ort vor und im Kulturhauptstadtjahr freuen.

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