Billie Eilish: Wärme statt Coolness

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Die junge Sängerin kann auf ihrem zweiten Album nicht alle Erwartungen an den neuen Popstar der Superlative erfüllen, der sie seit ihrem Klassikerdebüt "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" ist - dafür aber ihre ganze eigenen.

Der Druck war groß, die Erwartungen noch höher. "Happier Than Ever" ist wohl das meist erwartete Album des Jahres vom wohl aufregendsten Popstar der Welt zur Zeit: Billie Eilish. Und die Aufregung begann schon weit vor dem Erscheinungsdatum am Freitag, weil sich bei der jetzt 19-Jährigen einiges geändert zu haben schien seit ihrem Debüt "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?", auf dem sie so unfassbar cool daherkam, mit neongrünen Strähnen im schwarzen Haar und weiten Baggy Pants, die als Statement verstanden werden sollten gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers. "Ich möchte, dass die Welt niemals alles über mich weiß. Deshalb trage ich weite, schlabberige Kleidung", erklärte sie: "Niemand kann sagen: 'Sie hat einen flachen Hintern, sie hat einen fetten Arsch!' Weil sie es nicht wissen." Und jetzt? Präsentierte Billie Eilish ihren Körper in Vintage-Dessous und mit blondem Haar auf dem Cover der Vogue. Viele Fans waren enttäuscht. Hatte sie dem Druck der Musikindustrie nachgegeben, sich nun sexier zu präsentieren? Eilish ist da ganz anderer Meinung und erklärte in der Modezeitschrift: "Plötzlich bist du eine Heuchlerin, wenn du deine Haut zeigen willst, und du bist leicht zu haben, du bist eine Schlampe. Ich und alle Mädchen seien Huren, aber scheiß drauf." Wenn das so sei, dann sei sie stolz drauf. "Lasst es uns umdrehen und daraus Stärke ziehen. Deinen Körper zu zeigen und deine Haut zu zeigen - oder nicht - sollte dir keinen Respekt nehmen."

Billie Eilish, die immer noch ein Teenager ist, scheint erwachsen geworden zu sein. Gleich im ersten Song "Getting Old" sinniert sie übers Älterwerden, besingt die damit einhergehende Erkenntnis, dass die Dinge, die ihr früher Spaß machten, inzwischen zur Pflicht geworden sind. Billie Eilish sprach von Anfang an vielen Jugendlichen mit ihren Lieder aus dem Herzen, nicht ohne dabei auch deren Eltern zu erreichen. Nun ist ihre Adoleszenz etwas anders verlaufen als die ihrer Fans: Weltweiter Erfolg, Grammys in alle Hauptkategorien, Milliarden von Klicks. Sie wohnt nicht mehr in ihrem kleinen Kinderzimmer, in dem sie mit ihrem Bruder Finneas O'Connell das Debüt produzierte, sondern an einem Ort, den sie nicht nennen will, weil die ganze Welt auf sie schaut: "Ich fühle wie ihr mich beobachtet. Immer. Nichts was ich tue bleibt ungesehen", singt, nein spricht sie im Spoken-Word-Stück "Not My Responsibility" und fragt "Der Körper, in dem ich geboren wurde, ist nicht der, den ihr wolltet?" Billie Eilish reflektiert sich selbst auf diesem Album genauso wie die Gesellschaft, in dem dieses Selbst klarkommen muss.

"Happier Than Ever" ist ein persönliches Album geworden - aber auch, wenn sich Eilishs Leben von dem ihrer gleichaltrigen Fans unterscheidet, bietet sie ihnen weiterhin mit ihren persönlichen Geschichten viel Identifikationspotenzial: für Menschen, die in sozialen Medien gemobbt und beleidigt werden, die unter Depressionen leiden, die Missbrauch in Beziehungen erlebt haben. Sie singt von Stalkern, Therapiesitzungen, menschlichen Abgründen - und wie man ihnen entkommt. Dieses Album sei ihr persönliches Lieblingsprojekt, schrieb sie Ende April auf Instagram, sie habe "noch nie für ein Projekt so viel Liebe empfunden, wie für dieses". Musikalisch klingt das Album auf jeden Fall liebevoller, manchmal fast fröhlich. Weniger düstere Beats, dafür jetzt "Billie Bossa Nova". Sie hat sich von Frank Sinatra und Julie London inspirieren lassen. Das klingt sowohl nach Zeitgeist als auch zeitlos, kickt aber nicht so rein, plätschert manchmal eher vor sich hin. Hits wie "Bad Boy", die einen mit ihren stolpernden Bässen zuerst verwirrten, um einen dann so richtig mitzureißen, sucht man dabei vergebens. Stattdessen mehr Singer/Songwriter-Gesang, weniger Dancefloor. Mehr Wärme, weniger Coolness. Im Titelsong mit zuckersüßer Melodie plötzlich Stadionrock-Anleihen - ein kurze Überraschung auf dem sonst nicht sonderlich überraschenden Album.

Ist Billie Eilish trotz der harten Themen und der Tränen auf dem Cover wirklich, wie der Titel vorgibt, happier than ever, glücklicher denn je? Ja, sagt Eilish. Der Prozess des Albummachens habe sich gut angefühlt und sie zufrieden gemacht. "Ich glaube, dieses Album ist in einer Zeit entstanden, die aus kreativer Sicht perfekt für mich war. Es war einfach so natürlich, leicht, spaßig und entspannt." Vorher habe sie nie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gehabt, erzählt sie. Das sei heute jedoch anders.

Ein Glück. Denn wenn jemand Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben sollte, dann bitte Billie Eilish. Vor allem dann, wenn sie mit "Happier than ever" nicht alle der viel zu hohen Erwartungen erfüllen konnte.

Der Titelsong des neuen Billie-Eilish-Albums "Happier Than Ever"

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