Bring Me The Horizon: Thron der Narben

In Amerika wurde die Rockmusik geboren - wesentliche Befruchtungen zur Weiterentwicklung des Genres finden aber seit jeher in Europa statt. Eine der wichtigsten Injektionen der letzten zehn Jahre kam dabei von Bring Me The Horizon aus England. Was die Metalcoretruppe aus Sheffield so essenziell macht, will sie nun in Chemnitz zeigen.

Chemnitz.

Es gab in den ausgehenden 90ern einmal eine Werbeinitiative eines großen Plattenkonzerns, mit der der "echte" Rock gegen Trends wie Hip-Hop oder Techo in der Käufergunst aufpoliert werden sollte: Da prangte dann auf Plattencovern von AC/DC und Co. eine trottelig aussehende Kasperpuppe mit zugeklebtem Mund, und darunter stand der im Untergrund stibitzte Schlachtruf: "Schluss mit Kaspermucke!" Daran musste ich irgendwie denken, als vor wenigen Tagen die amerikanische Rockband Kiss für das Jahr 2019 den Auftakt ihrer Abschiedstour "End Of The Road" ankündigte. Abschieds-Welt-Tour, Entschuldigung! Am 27. Mai wollen die alten Herren den Messepark an der Neuen Messe in Leipzig beehren. Gitarrist Paul Stanley großkotzte imagetreu in einer Videobotschaft etwas von der "größten Show aller Zeiten" und schaute dabei wie der Graf von Unheilig in unterhaltsam.

"Show" ist das Stichwort, und sie ist in der guten alten Rockmusik mittlerweile häufiger Teil des Problems und nicht der Lösung. Gerade in Amerika hat das Genre immer wieder gelernt, daraus einen eher hedonistischen Selbstzweck zu destillieren, Hauptsache laut und bunt. Fans sind geduldig und spüren den Restspuren des Lebens, aus denen derlei Effekte ja mal gezimmert waren, gern nach. Aber irgendwann ist davon nichts mehr übrig - und der Rock muss wieder einmal in die Reparaturwerkstatt. Dann tut er gut daran, nach England zurückzukehren. Dort haben ihn einst die Beatles zur Kunst gemacht, haben ihm Pink-Floyd-Farben beigebracht oder Black Sabbath diabolische Kraft, Queen mit der Eleganz verheiratet oder Joy Division mit aggressivem Selbstzweifel. Anders gesagt: Wer mit Rockmusik richtig Geld verdienen will, der gehe nach Amerika - kleide sich dabei aber besser in ein T-Shirt einer britischen Band!

Seinen letzten sinnstiftenden Reparatur-Aufenthalt hatte der Rock nach Placebo und Oasis ebenfalls in England, bei den Stahlhütten von Sheffield, wo leerer Glanz an Kantigkeit zerbricht. Es ist das Jahr 2004, und viele musikalische Neulinge im Teenageralter sind der Stereotypen in den üblichen Einstiegsdrogen Punk, Metal oder Hardcore einfach leid: Wenig davon hat mit ihrem Leben zu tun, die Floskeln, Rituale und Klischees selbst in den entlegenen subkulturellen Winkeln des Rock taugen nicht mehr als Projektionsfläche. Zu den Unzufriedenen gehören fünf Jungspunde aus besagtem Nordengland, äußerlich proletarische Kinder ihrer abgehängten Gegend, innerlich aber hochsensibel: Sie werfen im Frust die extremsten Zutaten der Jugendkulturen in den Mixer, schnappen sich irgendwelche Klamotten, die deren Torwächter möglichst wenig mögen, und verbiegen als Bandnamen den Schlusssatz aus "Fluch der Karibik": Bring Me The Horizon! Dann drückt man auf "play": Das zerschrotete Gemix nennt sich Metalcore, das erste Album "Count Your Blessings" von 2006 ist drastisches Hochgeschwindigkeitsgeprügel mit Kindergekreisch. Kein Death-Metal-Fan nimmt das ernst, obwohl das Energielevel vielen etablierten Bands bereits die Hosen runterzieht.

Bereits mit dem zweiten Album geht vor allem der Frontmann Oliver Sykes auf die Bremse: Er will von seinen Dämonen erzählen, von Angst, Verzweiflung und dem immerwährenden Kampf um den Mut, diesen jeden Morgen aufs neue einen guten Tag abzuringen. Das zweite Album "Suicide Season" wird 2008 später eine Bleiwalze mit Hintersinn, die aus Hardcore-, Metal und Elektronikteilen Songs drückt, die zahllose andere Bands in eine ähnliche Richtung beflügeln. Fan-Erwartungen ignoriert Bring Me The Horizon konsequent, sondern baut eine eigene Ton- und Bildsprache auf, die zwar zur effektiven Show taugt - dabei aber die dunklen Ecken einer Generationsseele ausleuchtet. Sykes entpuppt sich dabei als genialer Poet, seine ebenso derben, rostverdreckten wie sinnlich-einfühlsamen Worte zeichnen aus sparsamen Teilen grandiose Bilder. "Every wound will shape me/ every scar will build my throne" singt er etwa im Stück "Throne" vom Album "That's The Spirit": "Jede Wunde formt mich / Jede Narbe wird an meinem Thron bauen".

Es ist die alte Botschaft des Rock, aber adressiert an die heutige, komplexe Zeit: Sei du selbst, steh auf, nimm dir dein Leben in die Hand! Die Musik dazu macht der so zurückhaltende wie notorisch uncoole Gitarrist Lee Malia, an dem, im krassen Gegensatz zu Frauenschwarm Sykes, nicht einmal massive Tattoos gut aussehen - der aber musikalischen Weitblick mit songdienlichem Geschick verbindet und für Bring Me The Horizon die Sphärenklänge von Bands wie Sigur Ros als Kraftverstärker ins Metal-Gebretter einbettet. Dazu kommt Keyboarder Jordan Fish, ein Pop-Großkönner abseits jeder Spur, der die Gruppe seit ihrem "Sempiternal" von 2013 zum endgültigen Impulsgeber macht: Bring Me The Horizon sind für ihre Heimat längst, was Kraftklub für Chemnitz darstellen - nur mit etwas größerem Wirkungskreis: Auf ihr Album "Amo", das sie im Januar veröffentlichen, darf man gespannt sein!

Im Konzert Bring Me The Horizon spielt am 9. November in der Messehalle Chemnitz. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

freiepresse.de/meinticket

 


 

 

 


 

 

 


"Nur so wird es richtig hart!"

Matt Nicholls ist der Herzschlag hinter den Emotionen von Bring Me The Horizon. Tim Hofmann hat mit dem Engländer gesprochen.

Freie Presse: Herr Nicholls, wann haben Sie eigentlich gemerkt, das Groove Spaß macht?

Matt Nicholls: (lacht) Jedenfalls nicht auf unserer ersten Platte. Am Anfang wollte ich nur laut und schnell sein. Damals hat das gepasst, wir wollten einfach mächtigen Lärm veranstalten, und ich habe einfach auf alles draufgehauen, was vor mir stand. So etwas erschöpft sich aber eben schnell, und eigentlich nehme ich mich seit der zweiten Platte immer weiter zurück, weil ich den Groove suche. Denn damit kann man den Hörer viel intensiver packen als mit Härte. Und nur wenn man ihn richtig packt, wird es am Ende auch richtig hart!

Bring Me The Horizon hat sich mit jeder Platte stark weiterentwickelt. Das neue Album "Amo" dagegen scheint eine Art Heimathafen zu werden. Sind Sie am Ziel?

Wir hassen es, uns zu wiederholen. Warum sollte man eine Platte, die es schon gibt, nochmal aufnehmen? Mittlerweile haben wir aber auch ein paar Trademarks, die sich für uns als wesentlich herausgestellt haben, und die wir eben nutzen, um Dinge neu zusammenzusetzen. Unser Ziel ist es ja nicht, unbedingt etwas anders zu machen - wir hatten bisher eben immer Lust auf diese Neuentwicklung. Die ist auch diesmal deutlich da, sie klingt nur nicht mehr so drastisch.

Ist es nicht gewagt, auf Europatour zu gehen, ohne dass die Fans das neue Album kennen?

Natürlich, wir sind auch entsprechend aufgeregt. Aber wir sind auch selbstbewusst genug, um zu wissen, dass wir aus der Vergangenheit viele sehr starke, zeitlose Songs von guten Alben haben, mit denen wir die Leute immer kriegen können. Deswegen wird das gut funktionieren!

Inwiefern verlassen Sie sich da auch auf die Qualitäten Ihres Frontmanns Oliver Sykes?

Oli ist ein Genie, er ist natürlich ein Grund dafür, dass die Band mit keiner anderen vergleichbar ist. Aber das hat weniger etwas mit seiner Art als Frontmann zu tun. Der Typ hat einfach permanent verrückte und großartige Ideen, er brennt förmlich. Was er damit an Kreativität bei uns einbringt, macht ihn eigentlich aus.

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