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Das Werk der Woche: Der "Vogelmensch" von Gregor-Torsten Kozik in Chemnitz

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Mit dem "Werk der Woche" stellt die "Freie Presse" Kunst im öffentlichen Raum vor.

Kunst im öffentlichen Raum.

Es ist einer der wenigen Orte in Chemnitz, die nachts leuchten. Die nicht nur hell sind, die wirklich von innen heraus leuchten. Rechts neben dem Restaurant Heck Art, auch Heimat des Vereins "Kunst für Chemnitz", leuchtet "Der Vogelmensch" von Gregor-Torsten Kozik, eine etwa zwei Meter hohe Lichtskulptur aus bemaltem glasfaserverstärktem Kunststoff. "Aus einem ähnlichen Material bestand der Trabi", sagt der Künstler.

Um 2000 begann Kozik, schon immer auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen, leuchtende Bodenobjekte, später auch frei stehende oder hängende Skulpturen zu bauen. Dank der Zusammenarbeit mit der Firma Cyber-Tech hatte er den Kunststoff gefunden, der sich frei verformen, bemalen und einfärben ließ. Im Rahmen des seinerzeit spektakulären Projekts "InSicht - Kunst im öffentlichen Raum", Vorläufer der "Gegenwarten"

20 Jahre später, leuchteten große farbige Kugeln unweit des Karl-Marx-Denkmals und bildeten so einen aufsehenerregenden Kontrast zum großen, grauen Kopf des Philosophen. Später verschwanden die Leuchtkugeln wieder. Der "Vogelmensch" aber hat einen festen Platz in der Innenstadt. "Mich hat immer die Naivität von Laternenumzügen fasziniert", beschreibt Kozik seine Intentionen, und er verweist darauf, dass Licht in der modernen Kunst generell eine größere Rolle spielt, "bis hin zur Schrift der Leuchtreklamen."

Der "Vogelmensch" lässt den Maler, Grafiker und großartigen Zeichner Kozik erkennen, der sich oft zwischen Abstraktion und Figürlichkeit bewegt. Entfernt an die Figur eines Menschen erinnernd, oben der leicht geneigte Kopf, angelegte Flügel, eine Bemalung, die ständige Veränderung, Werden und Vergehen, Rausch und Stille, Aufstieg und Fall erahnen lässt - die Figur strahlt eine ganz eigenartige, romantische, aber nicht liebliche, schwülstige Poesie aus: der Mensch eingebettet in die Natur, in ein Leben, ein Dasein, das mehr ist als nur die physische Existenz.

Gregor-Torsten Kozik, 1948 als Gregor-Torsten Schade in Leipzig geboren, hat sich oft über sich selbst geäußert. In einem Gespräch mit dem Kunstwissenschaftler Matthias Flügge sagte er 1996 über seine Herkunft: "Ich komme aus kleinbürgerlichem Elternhaus. Vater Gastwirt, Mutter Hausfrau, vier Kinder. Im Bücherschrank standen Zola und Dickens. Das habe ich mit zehn in meinem kleinen Familiengefängnis gelesen. Seitdem habe ich fast nur noch gelesen, und durch diese Fiktion des Weiterlebens im Buch kam meine Emigration auf dem Papier zustande, wenn man so will. Seither war die Gesellschaft das Feindliche, die Lüge, die falsche Vision. Man kannte die Ruinenstadt Leipzig, erlebte dann die sozialistischen Rituale.

Dieser Widerwille verlagerte sich aber nicht in Terrorismus, sondern irgendwie in Kunst." An die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig sei er "ohne Berufsabschluss, ohne Abitur und die damals übliche sozialistische Delegierung" durch die "bürokratische Schlamperei" an der Hochschule bis zur Aufnahmeprüfung gekommen. In Leipzig lernt er Thomas Ranft und Lutz Dammbeck kennen, mit denen er sich austauscht. Die Leipziger Malerschule, Heisig, Mattheuer, Tübke, lehnt er ab, entscheidet sich stattdessen für die Werbeklasse von Gerhard Brose. Für seine Diplomarbeit setzt er sich mit dem Werk des spanischen Lyrikers Federico Garcia Lorca auseinander. Überhaupt fließen immer wieder Kunst- und Leseerfahrungen in die Arbeit Koziks ein.

So hat sich Gregor-Torsten Kozik mit dem französischen Symbolismus, Natur- und Zenphilosophie, Sartre und Ernst Bloch auseinandergesetzt. Manches nahm er auf, manches verwarf er wieder, manches führte zu aufschlussreichen Parallelen und Ungleichzeitigkeiten. So hatte etwa der Surrealist Max Ernst 1934 in einem Collageroman ebenfalls einen in sich selbst widersprüchlichen Vogelmenschen auftreten lassen.

Unvergessen bleibt Kozik als Teil der Karl-Marx-Städter Künstlergruppe Clara Mosch (mit Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke und Michael Morgner), die mit spektakulären Aktionen, Performances und Ausstellungen auch international für Furore sorgte und die deshalb ins Visier der Staatssicherheit geriet. Und selbst wenn es schon oft erzählt ist: Die Kriminalisierung, Zersetzung, Diffamierung der Gruppe, die Zerstörung von Freundschaften und familiären Beziehungen, das Gegeneinanderausspielen der Mitglieder gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Einmischung der Politik in die Kunst in der DDR.

Gregor-Torsten Kozik war an zahllosen Projekten, Ausstellungen und Performances in Chemnitz und weit darüber hinaus beteiligt. Er hat auf Papier und Leinwand, mit Holz, Stahl und Kunststoffen gearbeitet. Sein "Schwarzes Frühstück" 1979 in der Berliner Galerie Arkade war die erste in einer Galerie öffentlich aufgeführte Performance in der DDR. Galerieleiter Klaus Werner (1940 - 2010) fasste damals die Qualitäten Koziks so zusammen: "Der Künstler gehört zu den besten Zeichnern unseres Landes. Den Rausch des Inszenatorischen überlebt er, indem er den emotionalen Gestus seiner Figuren in die Stille seiner Meditationsfelder eingehen lässt. Jene konzentrischen Dialoge zwischen der ausgedehnten Körperform und der sonoren Tiefe seiner dunklen Bildzonen prägen den fulminanten Zeichenstil Schades." Und dies auch im "Vogelmenschen" von Chemnitz.

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