Ganz einfach?

Kommunikationsexpertin Bianca Kellner-Zotz beleuchtet in ihrem Buch den "Event"-Trend im Privaten und den Wunsch nach Aufmerksamkeit

Chemnitz.

Eltern gieren nach Aufmerksamkeit und stressen sich durch das Vergleichen mit anderen, sagt Bianca Kellner-Zotz, Wissenschaftlerin, Journalistin und selbst Mutter. Wer ist schuld? Zum Beispiel das Smartphone, und auch ein bisschen die Zeitung, findet zumindest Kellner-Zotz. In ihrer Promotionsarbeit mit dem Titel "Das Aufmerksamkeitsregime" hat sie untersucht, inwiefern Massenmedien Menschen stressen und warum Kindergeburtstage und Hochzeiten heutzutage oft "Events" statt Familienangelegenheiten sind. Katharina Leuoth hat sich mit Bianca Kellner-Zotz darüber unterhalten.

Freie Presse: Wie feiern Sie den Geburtstag Ihrer Töchter?

Bianca Kellner-Zotz: Als meine große Tochter drei wurde, wollten wir den Geburtstag erstmals mit anderen Kindern feiern. Als ein eingeladenes Kind fragte, was wir machen werden, und ich sagte, nichts Besonderes, kam dieses Kind nicht. Als ich mich dann umhörte, war ich geschockt, was bei Kindergeburtstagen so erwartet wird: Da kommen Clowns und Zauberer oder es geht zum Ponyhof. Also sind wir auch zum Ponyhof. Bis ich reflektierte, dass ich total fremdbestimmt bin und mich das alles stresst. Seitdem drehen wir zurück: Wir feiern zu Hause mit Topfschlagen und ganz normalen Spielsachen oder gehen in den Wald. Wenn die Kinder das mitmachen, sind sie glücklich. Sie haben das Gefühl, sie selbst sein zu dürfen und das spielen zu können, wonach ihnen gerade ist.

Sie kritisieren Mütter, die zum Kindergeburtstag aufwändige Torten backen und Fotos davon ins Internet stellen. Warum gibt es heute viele solcher Fotos?

Am Anfang meiner Arbeit zu diesem Thema ist mir auf Facebook eine Mutter aufgefallen, die ein Foto postete von einer Torte, die sie zum dritten Geburtstag ihrer Tochter gebacken hatte. Die Torte war verziert mit Pferdefiguren aus Marzipan, alles selbst gemacht. Auf der Torte stand: Ich liebe dich. Sie hat mit dieser Torte ihrer Tochter gratuliert, doch tatsächlich war die Tochter nicht die Zielgruppe, denn sie konnte ja noch gar nicht lesen. Die Zielgruppe waren Freundinnen der Mutter, und prompt kamen deren Reaktionen: Toll gemacht! Die Mutter zeigte also öffentlich, wie sehr sie ihr Kind liebt, dafür bekam sie soziale Belohnung in Form von Aufmerksamkeit durch andere Frauen - das ist die Motivation.

Was ist daran so schlimm?

Es ist nichts Schlimmes daran, einen schönen Kindergeburtstag feiern zu wollen. Doch wenn der immer mehr dazu benutzt wird, andere zu beeindrucken, wird Familie zur Bühne. Dabei verschieben sich Werte. Früher bedeutete Familie zuerst, privat für sich zu sein. Heute scheint aber diejenige Familie mehr Wert zu sein, die ihre Liebe öffentlich zelebriert. Das führt dazu, dass in der Gesellschaft erwartet wird, dass Liebe öffentlich gezeigt wird, sonst gilt die Liebe nicht. Das aber kostet Geld - und Zeit, die dem realen Zusammensein mit der Familie verlorengeht.

Welches "Event", also welche Art Großveranstaltung, die aus einem privaten Fest gemacht wurde, ist Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders aufgefallen?

Ein Kindergeburtstag zum Beispiel, bei dem die Show "Germanys next Topmodel" nachgespielt wurde und dazu von einer professionellen Kindergeburtstagsagentur Erwachsene als Statisten ausgeliehen wurden, die so taten, als seien sie Bodyguards der Models, also der verkleideten Mädchen. Und auf Hochzeiten wird es immer üblicher, einen Fotoreporter für mehrere tausend Euro zu bestellen, der von früh bis nachts hunderte Fotos macht und die dann mit Text ins Netz stellt. Ich frage mich: Wer soll sich das alles anschauen?

Aber wenn sich diese Fotos nicht mal jemand anschaut, dann wird ja nicht mal der Wunsch nach Aufmerksamkeit erfüllt. Warum macht man es dann?

Man muss sagen, es gibt a) den Wunsch nach Aufmerksamkeit und das Bedürfnis, bestätigt zu werden, b) können wir aber auch gar nicht mehr anders. Es ist der Zustand dieser Gesellschaft. Viele Eltern nutzen permanent das Smartphone - für den Eltern-Chat, den Klassen-Chat, das Posten von Fotos und damit für den Vergleich mit anderen. Gleichzeitig klagen sie, wie sie das stresst. Aber sie machen weiter, weil sie sagen, es machen doch alle so.

Aber der Wunsch, sich zu vergleichen, ist doch so alt wie die Menschheit. Früher haben die Leute eben mehr zum Fenster rausgeschaut, um zu sehen, was der Nachbar macht. Ist das Problem heute nicht schlicht, dass durch Technik die Reichweite von Vergleichen größer wird?

Durch die sozialen Medien im Internet können sich heute viel mehr Menschen als früher miteinander vergleichen und sehen viel mehr Beispiele der Lebensgestaltung. Dadurch erhöht sich der Druck, mithalten zu wollen. Aber der gesellschaftliche Wandel hat schon früher mit der Medialisierung eingesetzt.

Was verstehen Sie darunter?

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der im Fernsehen die Privatsender aufkamen und um die Aufmerksamkeit der Zuschauer kämpften. Deswegen wollte jeder Sender die noch reißerischere Story haben. Das ging auf andere Medien über, auch auf Zeitungen: Auch dort muss es immer die ganz besondere Geschichte sein, das Originelle, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Doch mittlerweile hat sich das auf die ganze Gesellschaft übertragen, eben auch auf Familien, die sich nun als etwas Besonderes inszenieren, um dafür Aufmerksamkeit zu erhalten.

Aber Sie können doch nicht die Zeitung dafür verantwortlich machen, dass Eltern Torten im Netz zur Schau stellen. Es ist eine der Aufgaben von Zeitung, über Besonderes zu berichten.

Demokratietheoretisch ist es Aufgabe der Medien, zu informieren und Öffentlichkeit herzustellen. Aber Sie haben Recht: Menschen kaufen Zeitungen auch, weil sie Neues, Außergewöhnliches lesen wollen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass zu wenig beachtet wird, wie Begriffe und Diskurse, die in den Medien auftauchen, Realitäten schaffen. Ein Beispiel ist, wenn die Medien berichten, dass es mehr Kita-Plätze gibt. Das klingt wie eine gute Nachricht, aber suggeriert auch, dass es die Eltern jetzt doch wohl schaffen werden, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Überall - in den Medien, im Internet, in der Werbung - wird vorgegaukelt, dass man heutzutage alles schaffen kann. Das führt bei dem Einzelnen zu einem ständigen Realitätscheck: Bin ich gut genug? Oder: Warum schaffe ich das nicht alles? Psychologen sagen, früher kamen die Menschen mit konkreten Problemen, heute mit dem diffusen Gefühl der Unzufriedenheit. Ich glaube auch, der Grund, warum sich viele Mütter im Netz vergleichen und Aufmerksamkeit für ihre Fotos von außergewöhnlichen Kindergeburtstagen erhoffen, liegt darin, dass sie in unserer Gesellschaft als Mutter und Frau generell zu wenig wertgeschätzt werden. Ich treffe ständig Mütter, die sagen, sie sind am Limit, aber trotzdem das Gefühl haben, mehr geben zu müssen.

Was sollen sie tun?

Jeder muss für sich entscheiden, welche Art von Familie er leben will. Wenn es mit weniger Stress und Vergleichen sein soll, können schon kleine Schritte helfen. Erstens: Kindergeburtstage zurückschrauben - bei uns wird er jetzt immer daheim und mit Gugelhupf gefeiert. Zweitens: Raus aus den Kinder- und Eltern-Chats, hunderte Wortmeldungen kann kein Mensch erfassen. Ich bin in diesen Fällen nur noch telefonisch erreichbar. Drittens: Keine Statusbilder posten, mit ihnen verplempert man Zeit. Viertens: Erwartungen zurückschrauben - die Schule muss kein Sommerfest organisieren, und mit Dreijährigen muss man nicht in den Urlaub nach Thailand. Es geht darum, den Druck im eigenen Leben zu verringern. Da nehme ich mich nicht aus. Mein Ziel ist, zufriedener zu werden.

Weitere Informationen zum Thema stehen auf Bianca Kellner-Zotz' Internetseite www.in-sachen-familie.com

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