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"i/o": So ist Peter Gabriels seit über 20 Jahren erstes neues Studioalbum

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Mit seiner ersten neuen Veröffentlichung seit "Up" (2002) erschafft der vormalige Genesis-Sänger der Harmonie in der Musik ein schier unerschöpfliches Königreich.

Pop.

Mit der ganz großen Überraschung wartet Peter Gabriel auf "i/o" (Virgin Records), seinem ersten neuen Album seit "Up" (2002) zunächst nicht auf. Die Platte ist nämlich im Grunde bereits Stück für Stück erschienen. Schon im Januar setzte er zu einer Art "Peterchens Mondfahrt" an und veröffentlichte den ersten Song "Panopticom". In jedem Folgemonat, immer, wenn der Mond voll und hell am Himmel stand, schob der Engländer in Salamitaktik ein weiteres Stück nach. Den Titel "i/o", kurz für "input/output", verkündete er schon vor über 20 Jahren. Natürlich verbrachte Gabriel die vergangenen beiden Dekaden nicht ausschließlich an Mikro, Piano und Mischpult. Stach ihn der Hafer, nahm er sich ein Jahr Auszeit und bereiste mit seiner Familie fast alle Kontinente der Erde. Als dem Frühförderer der sogenannten "Weltmusik" bewusst wurde, dass sein Rhythmusforschergeist ausreichend Metren aus allen Ecken des Globus absorbiert hatte, wurde sein Werk um Symphonisches erweitert.

Und jetzt? Auf den ersten Blick ist "i/o" typisch Gabriel. Neun der zwölf Albumstücke benötigen über fünf, etliche sogar mehr als sechs Minuten Spielzeit, um sich zu entfalten. "And Still" schlägt sogar mit knapp acht Minuten zu Buche, obschon in dem Lamento augenscheinlich gar nicht viel passiert. Genaues Hinhören offenbart jedoch ein differenziertes Bild.

Auf seinem insgesamt zehnten Studioalbum hat der vormalige Genesis-Sänger der Harmonie in der Musik nämlich ein schier unerschöpfliches Königreich geschaffen. Sein Gesang in den Strophen des vergleichsweise fröhlichen Titelstücks könnte aus der "Scratch My Back"-Ära stammen. Im hymnischen Refrain lässt er seine Stimme vom Soweto Gospel Chor feinfedernd polstern. Seine Musiker manövrieren das luftige Klanggeschehen derweil in Richtung erdig-majestätischer Groove-Fährte. Die Spannung im afrokubanisch-basierten Stück "The Court" baut der 73-Jährige hingegen mit intelligent gesetzten Pausen und scheinbar ineinander verhakten Akkorden auf. "Wir haben die Grenze zwischen Gut und Böse verloren", singt er weitschweifend-impressionistisch über das gesellschaftliche und politische Jetzt. Ein paar Zeilen später spricht er eine Gestalt an, die ihr gesamtes Wissen im Handy mit sich trägt. Spätestens an diesem Punkt beißt sich der Hund in den Schwanz. Ausgerechnet Gabriel, der die Nutzungsmöglichkeiten beinahe jeder neuen technologischen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte lobpreiste, warnt plötzlich vor Technologiemissbrauch! Aber okay, gebongt. Auch an ihm, der vehement an die konstruktive Kraft des menschlichen Geistes glaubte, werden die spalterisch geschlagenen Wunden des Social-Media-Zeitalters nicht spurlos vorübergegangen sein.

In "Panopticom", dem poppigsten Stück der Platte, ist er dann auch wieder ganz der optimistische Utopist. Sein "Panopticom" kehrt die Panoptikum-Überwachungs-Idee des Philosophen Jeremy Bentham um, indem es die Macht auf das Volk umverteilt, um Herrschende überwachen zu können. "Wenn man das Modell umdreht, wird der ‚Big Brother‘ zur ‚kleinen Schwester‘", meint Gabriel. "Es würde uns ermöglichen, die Mächtigen und ihr Handeln genau zu beobachten." Die gespenstischen Synthesizer seines Musikerfreundes Brian Eno und sein ebenso eindringlicher Gesang liefern dazu eine paranoid anmutende Soundkulisse. Von persönlichen Erfahrungen sind die drei episch arrangierten Balladen "So Much", "And Still" und "Love Can Heal" geprägt. Während die ersten beiden von den Gedanken nach den Toden seiner Eltern erzählen, obsiegt in der dritten langsamen Nummer die Hoffnung in angstkalten Zeiten. Gabriel durchlebte solche Momente vor ein paar Jahren, als seine Frau Meabh an aggressivem Blutkrebs erkrankt war. Sie ist inzwischen geheilt. "Eltern sind wie ein Fußboden aus Glas, den man nicht wahrnimmt, bis er nicht mehr da ist", sagte er bereits vor zehn Jahren in einem früheren Gespräch. "Dann fällt man tief und fragt sich, wo das Fundament ist, auf dem man sein Leben lang sicher wandeln konnte." Wen wundert es da, dass "i/o" auf sich warten ließ?

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