Kolumne Unser Leben: Von der Kunst, den Optimismus zu lernen

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Es gibt tausend Gründe, pessimistisch zu sein, denn die Hoffnung, dass die Welt eine bessere wird, hat sich nicht erfüllt. Doch es gibt sieben Milliarden Gründe, optimistisch zu sein, dass sie es eines Tages wird.

Eines der verstörendsten Lieder von Hans-Eckardt Wenzel ist das "Lied über den Selbstmord", in dem es heißt: "Gründe gibt es genug zu gehen, mehr als zu bleiben, von diesen Ländern im fahlen Novemberlicht." Ein Lied voller Verständnis für all die, wie man leicht sagt, "zu früh Gegangenen", die den - was für ein beschönigender Begriff - "Freitod wählten", was doch nie das Ergebnis einer freien Wahl ist.

Sie hatten keine Hoffnung, keinen Optimismus mehr. Dieser Pessimismus endet nicht immer mit dem frühen Tod, aber ihn kennen sehr viele Menschen. Wer in der DDR aufwuchs, konnte lange daran zweifeln und verzweifeln, dass sich in diesem Land etwas zum Besseren ändern würde. Wer heute aufwächst, kann zweifeln, dass die Menschheit begreift, dass sie sich, ihr Leben, ihre Gewohnheiten ändern muss, wenn die Erde lebenswert bleiben soll, kann daran zweifeln, dass die Menschen Krieg, Gewalt, Hunger, Ungleichheit, Diskriminierung, Ausbeutung überwinden werden, denn noch immer dominieren Egoismen, Nationalismen, und gerade scheint selbst die Fähigkeit verloren zu gehen, über verschiedene Hoffnungen und Befürchtungen sachlich und friedlich, ohne Diffamierungen des Gegenübers zu informieren und zu diskutieren.

Also kein Grund zum Optimismus? Es gab auch in den finstersten Zeiten der Geschichte und es gibt auch jetzt Grund zur Hoffnung. Der italienische Marxist Antonio Gramsci, geboren 1891, 1928 verhaftet, kurz nach seiner Entlassung an unbehandelten Krankheiten 1937 gestorben, schrieb in seine "Gefängnishefte": "Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens." Die Diktion klingt noch nach den alten Kommunisten, die "neue Menschen schaffen" wollten, statt sie sich selbst erschaffen zu lassen. Doch der Gedanke vom "Pessimismus des Verstandes" und dem "Optimismus des Willens", manchmal auch als "Optimismus des Herzens" bezeichnet, hat seither viele Menschen begleitet, die an der Realität verzweifelten, aber optimistisch in die Zukunft blickten. Als folgten sie dem polnischen Philosophen und Science-Fiction-Autor Stanisław Lem (1921 - 2006), der Gramsci noch etwas verbesserte: "Der Pessimismus der Vernunft verpflichtet zum Optimismus des Willens!"

Der unverbesserliche Optimismus ist genauso wenig angeboren wie ein untröstlicher Pessimismus. Ob wir dem einen oder dem anderen zugeneigt sind, mag damit zusammenhängen, ob man grundsätzlich an das Gute im Menschen glaubt, das ihm nur die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse verwehren, oder man den Menschen für grundsätzlich "böse" hält, sodass er durch Normen, Verbote und Strafen diszipliniert werden muss. Vielleicht gibt es diese Unterschiede aber auch, weil der Mensch noch nicht wirklich bei sich, nicht wirklich er selbst ist, wie der Philosoph Ernst Bloch in seinem "Prinzip Hoffnung" beschreibt und den Menschen an seine Wurzeln verweist: "Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." Das aber heißt auch: Ohne tätige Hoffnung, ohne einen tatkräftigen Optimismus kommen Menschen nicht aus, ganz gleich, ob sie "den (abstrakten) Menschen" für gut oder böse halten. Dies kann gelingen, mit den Worten eines anderen Philosophen, Herbert Marcuse (1898 - 1979), wenn "freie Menschen (oder vielmehr Menschen, die praktisch dabei sind, sich selbst zu befreien) ihr Leben solidarisch gestalten, und eine Welt aufbauen, in welcher der Kampf ums Dasein seine hässlichen und aggressiven Züge verliert". Diese Möglichkeit haben mehr als sieben Milliarden Menschen an jedem Tag unter ganz verschiedenen Bedingungen - und die Umstände sind für jeden Einzelnen existenziell, auch wenn es scheint, als lasse sich Optimismus aus dem reichen Westen bequemer predigen als aus dem armen Süden. Doch so sehr es manche wollen: Kein Teil der Welt lässt sich abschotten durch noch so hohe Mauern, Zäune oder Einreisehürden. Es ist manchmal wenig, das Hoffnung gibt . Anne Frank schrieb 1943, anderthalb Jahre vor ihrem Tod im KZ, in ihr Tagebuch: "Solange es das noch gibt, diesen wolkenlosen, blauen Himmel, darf ich nicht traurig sein." Auch mit dieser Hoffnung würden wir dazu beitragen, dass kein Mensch jemals so traurig ist, verletzt und allein, dass zu hoffen nichts mehr übrig ist. Oder etwas weniger pathetisch in einem Lied von Fortuna Ehrenfeld: "In ein paar wenigen Minuten an diesen ganz besondern Tagen / ist die Welt gar nicht so Scheiße, wie die Leute immer sagen." Und das ist doch mindestens ein Anlass für Optimismus.

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