Liedkultur und Leitkultur

Wie ein thüringischer Verein eine Weihnachtsweise adeln will, die ursprünglich gar keine war

Was haben Ostfrieslands Teekultur, der Blaudruck und das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten stehen sie alle im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen Unesco-Kommission. Und so typisch deutsch vieles anmutet, was jene 2014 begonnene Liste füllt - bis auf die Sternsinger-Tradition zum Dreikönigstag fehlt dort die deutsche Weihnacht noch ganz.

Das soll jetzt anders werden - auf Initiative des Weimarer Johannes-Falk-Vereins. Johannes Daniel Falk, ein Sozialreformer, dessen Geburtstag sich 2018 zum 250. Mal jährt, gilt als Urheber des Weihnachtsliedes "O du fröhliche". Dabei erwies sich der Weimarer Waisenhausgründer durchaus als aufgeschlossen. Verwandte er doch als Melodie für das 1815 seinen Schutzbefohlenen zur Erbauung gedachte Lied die Tonfolge einer sizilianischen Marienhymne. Die fand Falk in Johann Gottfried Herders Sammlung "Stimmen der Völker in Liedern" und dichtete darauf den bekannten Text.

Genauer gesagt: dessen erste Strophe. Denn seinerzeit konzipierte der gebürtige Danziger ein Allfeiertagslied, in dem die zweite Strophe der Oster-, die dritte der "Pfingstenzeit" gewidmet war. "Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden" respektive "Christ, unser Meister, heiligt die Geister" lauten demnach die jeweils dritten Strophenzeilen. Zum rein weihnachtlichen Dreistropher dichtete es erst später Falks Gehilfe Heinrich Holzschuher um. Das Werk soll nun auf die deutsche Unesco-Liste, so die Anregung des Falk-Vereins an die Thüringische Staatskanzlei.

Die hat es geprüft und an die beschließende Kultusministerkonferenz gegeben. Zwar wäre es das erste einzelne Lied auf der deutschen Liste. Aber die Konkurrenz schläft nicht: Bereits 2011 haben die Österreicher "Stille Nacht" auf ihre nationale Unesco-Liste gesetzt.

Wenn gute Eigenschaften der Deutschen in "O du fröhliche" zum Ausdruck kommen, dann ist es neben dem Sinn für Multifunktionalität allemal die Offenheit für Einflüsse aus Traditionen anderer Völker. Als fester Bestandteil der deutschen Leitkultur.

 

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